Erzählungen

Sarah Raich: „Dieses makellose Blau“ – Wenn sich das Glück kurz in einem Menschen ausruht

Vom Glück, einer Kröte etwas zu erzählen.

Sarah Raichs Erzählungsband „Dieses makellose Blau“.

Der Titel ist eine Drohung. Das weiß man natürlich noch nicht, wenn man die Geschichte in diesem Band noch nicht gelesen hat, die Geschichte, die ihm den Titel gab. Wenn man sich bis „Dieses makellose Blau“ vorgelesen hat und ein Gefühl aus Beklemmung und Hineingezogen-Werden einen nicht mehr loslässt, dann begreift man, wie schmerzhaft „makellos“ sein kann.

Es ist einer der kürzeren Texte von insgesamt elf Geschichten. Scheinbar geht es nur um die Alltagssituation einer Mutter mit zwei Söhnen. Sie stehen auf, frühstücken, gehen raus. Wie brüchig die Normalität aber ist, zeigt sich in den Gedanken der Mutter, die weiß, wie nicht-selbstverständlich das alles ist.

Das Buch

Sarah Raich: Dieses makellose Blau. Geschichten. Mikrotext, Berlin 2021. 120 Seiten, 14,99 Euro.

Offenbar von einer Migräneattacke erfasst, versucht sie dennoch die Alltagsfreude der noch kleinen Kinder zu erwidern, doch der Schmerz treibt ihr andere Bilder in den Sinn. Der helle Himmel: „Er ist bloß eine Hülle zwischen ihnen und der Wirklichkeit, der Düsternis des Weltalls und den brennenden Sternen.“ Als wäre das Leben unter diesem Himmel nicht die – oder auch eine – Wirklichkeit. Oder die Kommunikation mit dem Ältesten, die erst „nach den vielen Filtern, die sie für ihn zwischen ihre Gedanken und ihre Worte legt, übrig bleibt“. Als wüsste sie, dass sie ihn vor ihrer eigenen inneren Welt schützen muss.

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Sarah Raich zieht in ihre Geschichten mit einer äußerst präzisen und plastischen Sprache hinein, die Details erschaffen einen Film vor dem geistigen Auge, dessen Ende man kaum abwarten kann, obwohl man um die offenen Enden der Geschichten weiß. In „Das Versteck“ lässt sie durch die Augen eines Jugendlichen blicken, der irgendwo auf einem Berghof vielleicht so etwas wie seine Sexualität, zumindest eine neue Begierde entdeckt. „Wenn er sich beim Ausmisten im Kuhstall sehr beeilte, konnte er sich danach auf dem Heuboden Zeit lassen, sich auf die Dielen legen, das Holz mit seinem Atem befeuchten, über den Hof schauen und auf die Wiese dahinter.“ Von diesem Heuboden aus hat der Junge einen freien Blick auf den Garten eines Ferienhauses, in dem eine Frau sitzt. Er hofft auf eine Annäherung, sie wirkt aber irgendwie verloren in dieser Landschaft und in der Beziehung zu einem älteren Mann.

Unwägbarkeiten, Brüche, der Tod von Tieren und Menschen – diese Themen durchziehen alle Geschichten. Es sind kleine Erzählungen über die Sensibilität und die Verletzlichkeit des Lebens. Und so sind die scheinbar stillsten Momente in den Texten oft auch die intensivsten, wie in „Die Kröte“. Eine Frau erinnert sich daran, wie sie als Kind einmal eine Kröte fand und ihr etwas erzählte. „Was es gewesen war, konnte sie nicht mehr erinnern. Aber sie konnte noch das Glück fühlen, das sich für einen Moment in ihr ausgeruht hatte.“ Das Glück, das sich für einen Moment in einem Menschen ausruht ... und dann rasch weiterzieht.

Von diesem brüchigen Glück handelt der Kurzgeschichtenband von Sarah Raich. Man kann die Geschichten schnell lesen, man kann aber auch das Glück, sie lesen zu können, ein wenig in sich ruhen lassen.

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