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Sara Sligar.

Roman über Männergewalt

Sie glaubt, er ist nett

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Sara Sligars nuancierter Roman „Alles, was zu ihr gehört“ über Kunst und Männergewalt.

Der Ausgangspunkt von Sara Sligars Roman „Alles, was zu ihr gehört“ ist der eines konventionellen Psychothrillers: Eine junge Frau, Archivarin, Journalistin, wird vom Sohn einer berühmten Künstlerin engagiert, um den Nachlass der Mutter in deren abgelegener Villa zu ordnen. Der schweigsame, schroffe Theo macht Kate manchmal Angst, trotzdem beginnt sie im Haus herumzuschnüffeln, verbotene Räume zu betreten. Und findet schließlich in Theos Schlafzimmer das Tagebuch seiner Mutter. Wird es enthüllen, ob Miranda Brand sich das Leben genommen hat oder ermordet wurde?

Aber mit diesem Setting endet die Konvention auch schon. Sara Sligar, die an der University of Southern California Englisch und Kreatives Schreiben unterrichtet, traut sich was in ihrem Debütroman: Nämlich das Psychothrillerige ganz dünn aufzutragen, daneben ausführlich aus dem Inneren einer Künstlerin, einer Fotografin zu erzählen, deren Tagebuch manische Schaffensschübe ebenso ebenso enthält wie Blockaden und Zweifel, dazu später, nach Theos Geburt, einen Zusammenbruch, womöglich eine Kindbettdepression. Sie weist sich selbst in die Psychiatrie ein, denn sie hat Angst, ihr Kind zu verletzen: „Seinen dicken kleinen Körper, seine Ellbogen, aufgedunsen wie Reis, seinen nassen Mund.“

So originell wie in ihrer Originalität unmittelbar überzeugend sind Sara Sligars Sprachbilder. Und erstaunlich die Beschreibungen der Werke Miranda Brands: Fotografien, die inspiriert sind von Künstlerinnen wie Marina Abramovic und Cindy Sherman, die aber durchaus nicht plagiieren und den Kunstmarkt tatsächlich erobern könnten - gäbe es sie.

Das Buch:

Sara Sligar: Alles, was zu ihr gehört. Roman. A. d. Engl. v. Ulrike Brauns. Hanserblau, München 2020. 432 S., 16 Euro.

Sara Sligar bringt Dinge so beiläufig unter, dass man nie das Gefühl hat, sie hake hier einen Katalog aktueller Themen ab.

Mit dem Vorwurf zur Polizei?

Denn beide Hauptfiguren sind Opfer männlicher Übergriffigkeit und Gewalt – werden aber weder als heldisch noch auch nur besonders sympathisch gezeichnet. Kate hat ihre Zeitungsstelle in New York verlassen, nachdem ein Vorgesetzter sie sexuell belästigte. Lange ließ sie es sich gefallen, dann zeigte sie ihn an, dann konnte sie nichts beweisen. In Kalifornien versteckt sie sich nun gleichsam. Miranda Brand, eine Frau mit hartem eigenständigem Kopf und großer Begabung, lässt sich nach einigen wilden Jahren auf Jake ein, der ebenfalls Künstler ist und ihr hilfsbereit und „nett“ erscheint. Es wird sich herausstellen, dass er das nicht ist. Freilich ist er wohl auch nicht schlimmer als der durchschnittliche gewalttätige Ehemann, der mal zuschlägt, sich mal nimmt, was er für sein gutes Recht hält. Mit dem Vorwurf einer Vergewaltigung in der Ehe muss in diesen Jahren keine Frau bei der Polizei auftauchen. Das Tagebuch Miranda Brands reicht von 1982-1993, es wird darin auch diese mysteriöse neue Krankheit erwähnt, an der einige ihrer schwulen Künstlerkollegen und Freunde sterben.

Bei hanserblau wird „Alles, was zu ihr gehört“ („Take Me Apart“, 2020) einfach unter „Roman“ geführt – denn er ist ein bisschen Krimi (Kate versucht sich als Hobbydetektivin, horcht den Ex-Polizisten aus, der mit Mirandas Tod befasst war), ist etwas mehr Psychothriller und Künstlerinnenbiografie. Und weckt nicht zuletzt Verständnis für Theo, sein schwieriges Aufwachsen mit einer mehr als anstrengenden, weil eben doch vor allem für ihre Kunst lebenden Mutter, mit einem nur scheinbar sorgenden, gefühlskalten Vater. Kein Weiß, kein Schwarz, vielmehr alle Schattierungen von Grau schimmern in diesem Buch.

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