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„Ich mochte die Idee, dass ein Problem eine Auflösung haben kann“, sagt Sara Paretsky. Foto: Steven E. Gross
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„Ich mochte die Idee, dass ein Problem eine Auflösung haben kann“, sagt Sara Paretsky.

Krimis

Sara Paretsky: „Heute trägt jede fiktive Ermittlerin ein Trauma in sich“

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Die US-Schriftstellerin Sara Paretsky, Pionierin des Krimis mit weiblicher Hauptfigur, über Gleichberechtigung, Gesellschaftskritik und den Ex-Präsidenten

Ms Paretsky, Ihr jüngster Roman ist der 20. mit der Figur der Privatdetektivin V. I. Warshawski. Ich war noch Studentin, als ich meinen ersten „Warshawski“ las und empfand sie damals als fast mythische Figur, weil es gar kein Vorbild gab für taffe Ermittlerinnen. Wie war das damals für Sie, als Sie zu veröffentlichen begannen in einem männlich dominierten Genre und männlich dominierten Verlagen?

Ich erinnere mich, dass, als ich zu schreiben begann, Frauen sehr isoliert waren. Wir wurden zu Podien eingeladen, auf denen es darum ging, was es bedeutet, eine schreibende Frau zu sein. Aber nie ging es um die großen Fragen. Ich erinnere mich auch an ein Interview, der Interviewer sagte zu mir: Was machen Sie, wenn Ihre Katze über Ihre Tastatur läuft und löscht, was Sie geschrieben haben? Die Atmosphäre war eine der Herablassung, wir waren nur Mädchen, die einem Hobby nachgingen, während das ernsthafte Schreiben den Männern vorbehalten war.

War es schwer, einen Verlag zu finden?

Es war in mancher Hinsicht leichter als heute. Denn als ich zu veröffentlichen begann, gab es noch viele unabhängige Verlage. Das ist heute nicht mehr so. Aber ich brauchte mehr als ein Jahr, um für mein erstes Buch einen Verleger zu finden. Es gab einige Gründe, warum Verlage so zurückhaltend waren. In den USA mochte man Privatdetektiv-Romane eigentlich nie so richtig, man mochte auch den Schauplatz Chicago nicht, man war der Meinung, dass Kriminalromane in New York oder San Francisco oder Los Angeles spielen sollten. Verlage glaubten nicht, dass die Leute in der Mitte des Landes überhaupt lesen. Ich bekam einen Ablehnungsbrief, in dem stand: Ein Buch, das in Chicago spielt, ist nur für Leser im Mittleren Westen interessant und im Mittleren Westen lesen nicht genug Leute, damit eine Veröffentlichung sich lohnt. Aber da war natürlich auch die Tatsache, dass meine Hauptfigur eine Frau war. Es gab damals keine Frauen in der regulären Polizei. In den USA wurde mein erster Roman 1982 veröffentlicht, das war auch das Jahr, in dem die Chicagoer Polizei Frauen erstmals erlaubte, reguläre Polizeibeamte zu werden, anstatt nur Hilfspolizisten zu sein.

Ich denke, das war in Deutschland nicht anders. Jetzt gibt es vor allem in den TV-Krimis jede Menge Ermittlerinnen. Wie ging es für Sie dann weiter, wann öffnete sich der Markt?

Frauen haben früher keine Kriminalliteratur gelesen, denn die Art, auf die Frauen dort beschrieben wurden, war feindselig gegenüber ihnen und unterschied sich von dem, was eine durchschnittliche Person erlebt. Bei meinen Büchern und denen einiger anderer Schriftstellerinnen, Sue Grafton etwa, konnte man dann erleben, wie Leserinnen sich für Krimis zu interessieren begannen, weil sie Figuren fanden, mit denen sie sich identifizieren konnten, die sie als Vorbild verstehen konnten. Meine Auflagen wuchsen sehr langsam, aber Verleger begannen zu begreifen, dass Leserinnen diese Art von Figuren wollten und brauchten. Ich bekam deutlich mehr Unterstützung.

Warum haben Sie sich überhaupt der Kriminalliteratur zugewandt?

Eine großartige Frage, auf die ich keine gute Antwort habe. Es ist das Genre, das ich immer am liebsten gelesen habe. Ich glaube ich mochte die Idee, dass ein ernsthaftes Problem eine Auflösung haben kann. Im wirklichen Leben sind die Probleme so unlösbar. Gerade in den Vereinigten Staaten und gerade heute passiert ein schrecklicher Mord nach dem anderen. Die Leute haben Waffen und setzen sie einfach ein. Dagegen haben Figuren im Kriminalroman Motive und handeln mit einem Grund – es ist also beruhigender als das wirkliche Leben. (Lacht) Ich habe einmal einen Kurs gegeben im Schreiben von Kriminalliteratur und eine Frau, die in einer Mordkommission arbeitete, meldete sich für den Kurs an. Ich habe sie gefragt, warum sie das tut, ob sie nicht genug Anschauungsmaterial auf der Straße hat? Und sie sagte, die Morde, um die sie sich auf der Straße kümmern muss, sind zum Beispiel Jungs, die sich wegen eines Paars Turnschuhe erschießen. Oder weil sich jemand beleidigt fühlt. Sie wollte etwas über Kriminalliteratur lernen, weil sie das tiefergehend, interessanter fand.

Ist es nicht trotzdem das Genre für Gesellschaftskritik und Realismus?

Absolut. Ich denke, die Themen, die mich leidenschaftlich beschäftigen, die soziale Gerechtigkeit vor allem, können in einem Kriminalroman viel leichter diskutiert werden als in einem normalen Roman. Natürlich kann ein Dostojewski „Verbrechen und Strafe“ schreiben und daraus eine großartige Darstellung machen, aber in der Regel finde ich, Fragen sozialer Gerechtigkeit tun normalen Romanen nicht so gut. Aber wenn man sich mit Verbrechen beschäftigt, findet man sich tief im Herzen von Gesetz, Gerechtigkeit, Gesellschaft. Der Krimi ist der selbstverständliche Platz, um solche Themen zu erforschen.

Würden Sie Ihre Bücher politisch nennen?

Ja, würde ich. Ich weiß, dass sie in Europa als politisch wahrgenommen werden. In den Vereinigten Staaten ist es sehr seltsam. Der Roman vor „Dead Land“ zum Beispiel, „Shell Game“, behandelte einige Aspekte der Einwanderungspolitik der USA und kritisierte den Vollzug dieser Regierungspolitik sehr scharf. Ich erhielt wirklich wütende Briefe von Lesern, die Anhänger Trumps waren, dass ich den Präsidenten nicht respektiere und dass sie nie wieder etwas von mir lesen würden – sie hätten mich gelesen, weil ich nicht politisch gewesen sei. Ich dachte: Wow, Dude, ich war immer politisch, auch wenn ich nicht ausdrücklich gewisse Politiker erwähne. Aber ich schreibe über die Art, wie sich die Polizei verhält, wie sich örtliche Regierungen verhalten, große Konzerne – das ist für mich das Herz und die Seele von Politik.

Gibt es Themen, die Sie stark beschäftigen, von denen Sie aber denken, dass sie nicht in einen Roman gepackt werden können?

Es gibt Thematiken, die schwer in einen Roman überführt werden können. Ein Thema, das mich schon lange leidenschaftlichen bewegt – und ich bin jetzt über 70 -, das mir am meisten am Herzen liegt, ist der Zugang von Frauen zu reproduktiver Gesundheitsversorgung, und diese ist in den USA immer schwerer zu erhalten. Es ist nicht, dass ich das nicht gern zum Zentrum eines Romans machen würde, aber ich weiß nicht, wie das gehen soll, ohne dass der Roman eine Art wütende Vorlesung wird. Wenn ich einen Weg finden würde, die Gesundheitsgeschichte als Geschichte zu erzählen, würde ich das machen. Aber ich finde keinen.

Sie haben auch einen Blog. Erwarten Ihre Leser und Leserinnen, dass Sie sich politisch äußern?

Ja, ich denke, das tun sie, und ich war im letzten Jahr nicht sehr gut darin. Die Pandemie und der Coup-Versuch der Trump-Administration haben mich deprimiert. Es war schwieriger für mich, meine Gedanken zu fokussieren. Als Trump an die Macht kam, war ich wirklich schockiert von seinen ... ja, faschistischen Aktionen. Ich startete eine Facebook-Seite, um das anzusprechen, aber er tat so viel in so vielen Arenen, dass es unmöglich wurde mitzuhalten. Aber ich glaube, meine Leserinnen und Leser erwarteten, dass ich eine Art von Führung übernehme, die Dinge anspreche – und ich habe es nicht gut genug gemacht.

Sie stellen hohe Ansprüche an sich.

Zur Person

Sara Paretsky, 1947 Ames, Iowa geboren, ist eine der großen Wegbereiterinnen des feministischen Krimis, indem sie eine selbstbewusste weibliche Hauptfigur einführte. Der erste Band um die Privatdetektivin V. I. Warshawski, „Schadenersatz“, erschien im Jahr 1982.

Der 20. Warshawski-Band ist gerade auf Deutsch erschienen: „Landnahme“ (übersetzt von Else Laudan. Ariadne Verlag, 544 S., 24 Euro.) erzählt von Immobilienhaien, aber auch von den Verheerungen durch Waffengewalt.

Ich glaube, niemand im Rest der Welt kann nachvollziehen, wie furchtbar es ist, in den USA auf medizinische Versorgung angewiesen zu sein. Es geht um die Art, wie Versicherungen und Krankenhäuser Geld machen. Wie Leute finanziell ruiniert sind, wenn sie ihre Krankenhaus-Rechnungen bezahlen müssen. Sie haben so eine gute Versorgung in Deutschland, Frankreich, in den skandinavischen Ländern. Hier ist es einfach schockierend, dass Menschen auf der Straße leben müssen, sie haben ihr Haus verloren, weil sie ihre Arztrechnungen nicht bezahlen konnten. Im vergangenen Jahr wollte ich darüber ein Buch schreiben, aber es hat einfach nicht funktioniert.

Ein Krimi?

Ja, ein Krimi, aber es funktionierte nicht. Denn okay, es ist schockierend, aber es ist legal.

Ihr jüngstes Buch, das den deutschen Titel „Landnahme“ trägt, dreht sich um Gier und Immobiliengeschäfte. Ist das ein großes Thema in Chicago?

Das ist es. Wir haben schöne Parks, doch es gibt die Bereitschaft, sie an private Firmen zu verkaufen. Es ist ein beständiger Kampf, die Parks in öffentlicher Hand zu halten. Ich bin nicht besonders optimistisch.

Wenigstens sind Sie Trump losgeworden.

Ich mag die Tatsache, dass Präsident Biden seinen Namen nicht ausspricht, dass er nur vom „former guy“ spricht. Der „former guy“ lebt ja davon, dass Leute über ihn reden, es kümmert ihn nicht, was es ist, solange sie es tun. Er muss das Zentrum der Aufmerksamkeit sein. Es ist sehr klug von Biden, dass er das „Zentrum der Aufmerksamkeit“ ignoriert.

Sie haben einst die Autorinnen-Gruppe „Sisters in Crime“ gegründet. Denken Sie, dass Frauen anders schreiben als Männer?

Nein. Vielleicht spiegeln wir das Leben anders wider, als es Männer tun, aber nicht immer und nicht allein. Aber Frauen hatten es in den USA viel schwerer, ihre Bücher verlegt zu bekommen, von Bibliotheken angekauft zu werden, in Buchhandlungen ausgelegt zu werden. So wurde „Sisters in Crime“ eine Interessengruppe für die wirtschaftliche Seite des Schreibens.

Würden Sie sagen, dass diese Interessengruppe einen Unterschied gemacht hat?

Ja, einen großen. Als wir begannen, waren öffentliche Bibliotheken die wichtigsten Ankäuferinnen von Büchern, und sie kauften wegen der Besprechungen in den dafür wichtigen Blättern. Wir stellten fest, dass Bücher von Frauen nicht besprochen wurden. Wir haben eine Studie herausgebracht, für die wir von Hand jede Buchkritik in jeder Zeitung, jedem Magazin auswerteten – für 1987, das war das Jahr, in dem wir die Sisters gründeten -, und wir fanden heraus, dass das Buch eines Mannes eine siebenmal so gute Chance hatte, besprochen zu werden. Männer waren federführend in den Verlagen, in den Redaktionen – niemand wusste, welche Bücher von Frauen eigentlich veröffentlicht werden. Wir haben also alle Kritiker angeschrieben, haben einfach darauf hingewiesen, denn wir hatten ja keine Macht. Und nicht wenige Blätter änderten ihre Politik. Die andere Sache, die sehr hilfreich war: Wir stellten einen Katalog aller Bücher von Frauen her, brachten ihn zu den Bibliotheken. Wir stellten uns vor, wir erklärten, was wir schrieben, was andere Frauen schrieben. Wir boten uns für Veranstaltungen an, für Lesungen. Wir waren sehr aktiv, aber auf nette Art, nicht so, dass sich Leute bedroht fühlen konnten. Das Monitoring der Buchkritiken machten wir fünf Jahre lang, dann hörten wir auf und stellten fest, dass die Leute wieder in ihre alten Gewohnheiten verfielen. So mussten wir weitermachen. Aber jetzt steht immerhin alles online.

Und das Fernsehen ist voll von Kommissarinnen…

Frauen sind auch endlich in der Realität in der Polizei angekommen, auf allen Ebenen.

Gibt es in den USA schon eine Diskussion über die drastischen Gewaltschilderungen in Kriminalromanen?

Ich denke, die Schilderungen von Gewalt, vor allem in Bezug auf Frauen und Kinder, haben enorm zugenommen. Aber das wird hier nicht diskutiert. Was ich aber auch beunruhigend finde: Als ich anfing, und Sue Grafton, Linda Barnes und andere, hatten unsere Privatdetektivinnen Spaß daran, Risiken einzugehen, im Leben anderer Menschen einen Unterschied zu machen, kurz, sie machten den Job, weil sie es wollten. Heute werden weibliche Figuren Ermittlerinnen, weil sie in der Vergangenheit missbraucht wurden, ein Trauma in sich tragen – wie Stieg Larssons Lisbeth Salander. Jedes Detail des sexuellen Missbrauchs am Kind wird beschrieben. Und die Erwachsene möchte Rache üben. Es ist tragisch und abstoßend, dass eine fiktive Detektivin ihre Arbeit nicht mehr tun kann, weil sie sie mag, sondern weil es sie nach Rache verlangt.

Würden Sie eine Trigger-Warnung auf solche Bücher kleben?

(Lacht) Wissen Sie, vor 50 Jahren hätten wir in solchen Büchern ganz hinten in einem Laden geblättert und sie hätten einen neutralen braunen Umschlag gehabt. Statt einer Trigger-Warnung könnten wir sie einfach wieder in braunes Papier packen.

Interview: Sylvia Staude

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