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Kulte, Keller, Katakomben: Unterhalb des idyllischen Parks von Sanssouci spielt sich Dunkles ab in Andreas Maiers Roman.

Abgründe

Sanssouci, oh Schutz vor dir

Andreas Maiers grandios böser, rätselhafter Roman über die Abgründe nicht nur einer Stadt - des Menschen überhaupt.

Von INA HARTWIG

Sanssouci", der vierte Roman von Andreas Maier - nach "Wäldchestag", "Klausen" und "Kirillow" - ist ein höchst merkwürdiges Buch, vielleicht das merkwürdigste der Saison. Es ist ein böses, ein rätselhaftes und gerade deshalb ein spannendes und manchmal ein ätzend komisches Buch. Es heizt unsere Phantasien an, führt uns an die Tür de Sadescher Wunderkammern und lässt uns doch keinen Blick erhaschen vom Geschehen darinnen. Die Tür zum Labyrinth öffnet sich nur, wenn die Protagonisten des abgründigen Sexus gerade pausieren, weil sie ihrem überirdischen Leben nachgehen, das soll vorkommen, man nennt es Alltag, Beruf, Politik, Familienleben. Der (allwissende) Erzähler macht sich die Hände nicht schmutzig an den brutalen Spielchen in den Katakomben und Gängen unterhalb des idyllischen Parks von Sanssouci.

Eines der Hauptmerkmale von Andreas Maiers Hochsommer-Roman "Sanssouci" besteht nämlich darin, dass das, was behauptet wird und/oder gerüchteweise durch die Lüfte wirbelt, zwar einen enormen Sog entfaltet, aber erzählerisch unausgeführt bleibt: Angefangen mit dem Unfall, der Max Hornung das Leben kostet. Hornung, mit dessen Beerdigung in Frankfurt am Main der Roman einsetzt, ist ein westdeutscher Regisseur, der in Potsdam eine so erfolgreiche wie umstrittene Vorabendserie namens "Oststadt" gedreht hat. Er ist in Potsdam gestorben, aber wie, das erfahren wir nicht. Genauso wenig erfahren wir, in welchem Verhältnis dieser Max Hornung zu einer jungen Frau namens Merle Johansson stand. Aus irgendwelchen Gründen hat er sie wohl geheiratet und sich verpflichtet, neun Jahre lang Unterhalt zu zahlen.

Offen bleibt aber, ob das Kind, das diese seltsame Frau "Jesus" nennt und das mit seinen nunmehr drei Jahren immer noch lallt (worüber die Mutter, eine fanatische Vegetarierin, aber sehr glücklich zu sein scheint), ob dieses Kind überhaupt von Max Hornung stammt. Oder ob nicht doch eher Christoph Mai der Erzeuger des kleinen Jesus ist, jener Freund Max Hornungs, der auf der Beerdigung auf dem Frankfurter Hauptfriedhof fehlt. Er fehlt, weil Christoph Mai, wie er später einer anderen jungen Frau anvertrauen wird, Merle Johansson auf keinen Fall begegnen will. Offenbar muss auch Christoph Mai Unterhalt an die Mutter von Jesus zahlen.

Die Potsdamerin Merle Johansson spielt in "Sanssouci" die Rolle des unheilbringenden Schwarzen Engels. Ihr Doppelleben - als alimentierte Alleinerziehende einerseits und als sadistische Domina andererseits - ist der unheimliche Basso continuo des Romans. Ein ebenso unheimlicher Hass (ahnt man dunkel) gibt den Takt vor, denn auch das gehört zum Kennzeichen der Merle-Johansson-Figur: Sie ist die Mutterhexe, erneut schwanger, hat den nächsten ahnungslosen Erzeuger-Goldesel längst im Visier. Auf ihr ruht wahrhaftig kein gütiger Blick.

Das ist insofern bemerkenswert, als der gütige Blick in diesem Buch durchaus existiert. Ja, mehr noch: Der gütige Blick nimmt die Wahrheit für sich in Anspruch. Er, der gütige Blick, gehört einem Russlanddeutschen und orthodoxen Mönch, Alexej. Der in seiner Kutte überall sofort auffallende Freund des verstorbenen Max Hornung begibt sich von Frankfurt am Main nach Potsdam und avanciert dort, ungeplant, innerhalb der russisch-orthodoxen Gemeinde auf dem Kapellenberg flugs zu einem Superstar, angehimmelt von den Ostaussiedlern der Stadt.

Der gute Mönch und das böse Teufelsweib: Um diese beiden Kraftpole gruppieren sich die anderen Figuren des Romans, darunter einige höchst markante. Figuren, wie sie in der gegenwärtigen Literatur ausschließlich bei dem Dostojewski-Verehrer Andreas Maier vorkommen. Da wäre etwa der Russlanddeutsche Herr Hoffmann, der in der Gartenlaube seines Arbeitgebers SM-Utensilien entdeckt und in den Punks und Pennern rund um den Louisenbrunnen einen Hoffnungsschimmer erkennt, weil sie sich dem Staat verweigerten (welch ein Irrtum, wie der Roman sehr deutlich macht - denn "Sanssouci" nimmt das selbstverliebte Alternativmilieu, den Möchtegern-Antifaschismus der Blumenmädchen, das eitle, übermütig-gefährlich Spiel mit der Polizei während einer Demo gegen den Wideraufbau der Garnisonkirche mächtig auf die Schippe, übrigens, indem Maier sich als schierer Realist betätigt).

Oder Grigorij, ein Bulgare und armer Schlucker, den Alexej noch aus der Zeit des Übergangslagers in Winsen an der Luhe kennt und dessen Glaube inzwischen in Irrsinn umgeschlagen ist. Alexej hingegen trägt seinen Glauben fest im Herzen, und zwar mit einer fast schon betulichen Leuchtkraft, die einem blümerant vorkäme, wenn nicht Andreas Maier das Geschick besäße, den Gottesglauben Alexejs als ebenfalls anfällig für Eitelkeit zu zeigen.

Wer sein Werk kennt, weiß, wie essentiell Andreas Maier das Geschwätz ist, oft in Verbindung mit Alkohol, der in seinen Büchern reichlich fließt. Schnaps wird auch hier schon auf der zweiten Seite gekippt, im Laufe des Romans dann reichlich Bier, besonders von der müßiggängerischen, schnorrenden Jugend Potsdams. Das alkoholisierte Geschwätz scheint für Andreas Maier den gesellschaftlichen Urzustand zu verkörpern: Wenn Scharfsinn und Schwachsinn, Narzissmus und Weisheit ununterscheidbar ineinander übergehen, ist er in seinem Element. Über das Treiben am Louisenplatz, wo die Aussortierten, die sich Aussortierenden abhängen, heißt es: "alles wurde verhandelt, und nichts geschah".

Zu dem Grüppchen am Louisenplatz gehören auch die Zwillinge Heike und Arnold Meurer, ein teuflisch schönes Geschwisterpaar. 17 Jahre alt, nervös, verrucht, verwahrlost und maßlos eingebildet, wirken sie wie aus der Zeit gefallen. In Max Hornungs TV-Serie "Oststadt" spielen sie eine Schlüsselrolle: Sie bestrafen die Leute, indem sie sie in sich verliebt machen! Und so halten sie es offenbar auch im Leben. Das traurigste, ergreifendste Opfer von Heikes unwiderstehlichen Reizen ist der bedauernswerte Grigorij. Bis zum Wahnsinn ist er dem jungen Mädchen verfallen. Aber anders als Merle Johansson ist Heike Meurer kein Schwarzer Engel. Sie ist ein Hürchen, das schon, aber dennoch begabt für das Mitleid. So denkt sie über Grigorij, er sei "ein Mensch, der seine Scham überlebt hatte". Wer weiß, ob diese Kafka-Anspielung nicht der wichtigste Satz des Romans ist.

Der Realismus von Andreas Maiers Potsdamer Milieu-Studie, die die Lokalpolitik auf satirische Weise einschließt, vermischt sich in "Sanssouci" mit dem gefährlich schönen Flirt eines Radikalen, der genau weiß, was man aussprechen sollte und was nicht. Bravo.

Andreas Maier: Sanssouci.

Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2009,

301 Seiten,

19,80 Euro.

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