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Samantha Harvey.
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Samantha Harvey.

England

Aber er dachte dabei an Gott

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Samantha Harvey erzählt in „Westwind“ meisterhaft von einem mysteriösen Todesfall und vom Leben im Jahr 1491.

Sein Ort könnte genauso gut „Bestiendorf, Schweinshausen, Keinbrück“ heißen, findet Pastor John Reve, denn während Nachbarorte bereits erfolgreich Handel treiben – sogar mit Europa, man denke! –, vor allem mit Zucker und Wolle regen Handel treiben, ist in Oakham schon der zweite Versuch gescheitert, eine Brücke zu bauen wenigstens zur näheren Welt. Fast alle Oakhamer sind arm, ungebildet, ungewaschen, grob. Der zweitreichste, Townshend, versucht mehr schlecht als recht, mit zu weichem, zu fadem Käse Geld zu verdienen. Der Wohlhabendste, Thomas Newman, hat als einziger den Kontinent bereist, hat Spanien und Rom gesehen und kam mit der Erkenntnis zurück, „der Herr will, dass wir uns bunt vermischen“. Jahrelang war Newman Oakhams Wohltäter – jetzt ist er nach vielen Tagen Regen im Fluss ertrunken. Wollte er sich den Schaden an der von ihm finanzierten Brücke ansehen, war es also ein Unfall? War es ein Suizid? Oder Mord?

Die Engländerin Samantha Harvey hat den wohl eigentümlichsten, formal gewagtesten „Spannungsroman“ des Herbstes geschrieben: „Westwind“ (Orig. „The Western Wind“, 2018) spielt an vier Februar-Tagen des Jahres 1491, Fastnachtssamstag bis -dienstag, damals auch „Eiersamstag“ und „Pfannkuchendienstag“ genannt. Erzähler ist der nur in Maßen verlässliche und gewissenhafte Pastor, scheint er doch eine eigene Agenda zu verfolgen – zudem beginnt er bei „Tag 4“ und endet mit dem ersten Tag der Geschehnisse. Reve will sich – seinem Gott? – erklären, er nähert sich auf diese Weise auch seinem Versagen, seiner Schuld, befragt sein Gewissen, stockend, zögerlich. Was ist er für ein Hirte, wenn er seine Schafe nicht schützen kann?

Samantha Harvey könnte es sich bei der Cromwell-Trilogie ihrer Landsfrau Hilary Mantel abgeschaut haben, wie man Figuren aus einer fernen Zeit fast wie Zeitgenossen erscheinen lässt, auch wenn sie ein ganz anderes Leben, andere Überzeugungen, einen roheren Glauben haben. John Reve mag zum Beispiel davon überzeugt sein, dass nur ein kräftiger Westwind „diese Zusammenballung von Geistern nach Osten, in Richtung Gottes, wehen“ kann. Vier Tage betet er für diesen Wind. Er mag fest daran glauben (der Leserin erscheint es vielmehr als kindliches, magisches Denken), dass es ein bedeutungsvolles, tröstendes Zeichen ist, dass das Hemd des Toten zwischen Rohrkolben hängt: Newmans Seele wird dann schneller Frieden finden, so die Hoffnung.

Doch Pastor Reve glaubt eben nicht nur an Wind-Hilfe und Rohrkolben-Zeichen; man erlebt ihn als einen, der mit Gott, mit sich und seinen Mitmenschen ringt. Der geradezu fortschrittlich ist, indem er – vielleicht als erster in England, wie er glaubt – in seiner Kirche eine Art Beichtstuhl aufbaut: Natürlich weiß er, wer ihm da beichtet, Oakham ist klein; natürlich weiß der Beichtende, dass Reve weiß, wer er ist; aber beide können immerhin so tun, als wären die Geständnisse anonym – in denen oft sowieso nur ein zu langes Schlafen, zu schlampiges Arbeiten genannt wird, oder ein „Ich habe masturbiert, aber ich dachte dabei an Gott“. Kleinigkeiten, bis gleich zwei seiner Schafe John Reve beichten, geradezu beteuern, sie hätten Newman getötet. Er glaubt beiden nicht.

Unbedingt möchte er verhindern, dass irgendein ein Mensch aus seinem Ort auf dem Scheiterhaufen, am Galgen endet. Aber er selbst hat die Polizeigewalt gerufen, ausgeübt von einem Landdekan, dessen schnelles Eintreffen in Oakham Reve zuerst Hoffnung macht. Das ihn dann, als er die Natur des Mannes erkennt, quält. Der Pastor sieht ihn Haus für Haus durchsuchen und besonders die jüngeren Männer des Orts beobachten: „Er verzehrt sich danach, dem Erzdiakon einen Mörder vor die Füße zu legen, wie eine Katze – zitternd vor Stolz – ihrem Herrn einen Vogel bringt.“

Samantha Harvey erzählt freilich nicht die Geschichte eines moralisch mutigen Pastors, der sich einem tückischen „Ermittler“ entgegenstellt. Sie erzählt von einer Gesellschaft, in der die Macht der Kirche fast unbegrenzt war, Regeln und Strafen absolut gesetzt waren, in der zudem innerhalb der Kirche die Hierarchien eingehalten werden mussten. Der Dekan durchsucht auch Reves Zimmer, obwohl es dort nicht viel zu suchen gibt, nachdem des Pastors Schwester gerade geheiratet hat und mit allen ihren Sachen ausgezogen ist.

Samantha Harvey schaut mit John Reves Augen auf die Menschen des Jahres 1491 – im Juni wird in England Heinrich VIII. geboren werden –, so tritt sie ihnen nicht zu nahe. Sie tauchen auf, wenn der Pastor sie auf der Straße sieht oder sie zu ihm in die Beichte kommen, manchmal denkt er über die eine oder den anderen etwas länger nach, aber er rätselt oft über die Beweggründe für ihr Handeln, so dass das also auch die Leserin tun muss.

Sie lebten, nicht nur in England, in einer dunklen, strengen, leidvollen Welt. Für die jungen Männer war es der einzige Zeitvertreib, eine mit Wasser gefüllte Schweinsblase durch den Schlamm zu kicken. Die blutjungen Frauen mussten Dienstmädchen sein oder sich zügig verheiraten lassen und Kinder gebären. Wer Pech hatte, starb an einer Wundinfektion, im Kindbett, an der Schwindsucht.

Samantha Harvey erzählt diskret und meisterhaft von diesem schweren Leben. Sie hat dabei zu Recht auf einen Satz vertraut, den sie in John Reves Gedanken unterbringt, der von den gestalterischen Fähigkeiten des menschlichen Geistes und von der Zeit handelt: „Denn obwohl sie in die eine Richtung verstreicht, verfügt unsere Vorstellungskraft über alles Geschick, das notwendig ist, sie in die andere Richtung zu wenden.“

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