1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Salongespräch und Appelpie

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Als die britische Oberschicht sachte unterging: Ford Madox Fords Sittenpanorama "Manche tun es nicht", geschrieben im Jahr des "Zauberbergs"

Von ALMUT FINCK

Natürlich tun es auch die Männer der englischen Oberschicht. Was einen Gentleman allerdings vom Halunken unterscheidet: Er spricht über seine Amouren nicht. Unfassbar ist deshalb dem noblen Christopher Tietjens und seinen Clubkameraden, was sie beim Golfspielen erleben müssen: Zwei Proleten aus der Stadt prahlen offen mit ihren Weibergeschichten. Die Ohrenzeugen kommen zu dem Schluss: Das Ende des Empire steht bevor.

Das tut es tatsächlich. Manche tun es nicht, Teil eins einer um Christopher Tietjens kreisenden Romantetralogie von Ford Madox Ford, spielt in den Krisenjahren vor und nach 1914. Während englische Jungs mit den Schiffen der maroden Kriegsmarine untergehen oder auf Schlachtfeldern in Frankreich und Belgien ihr Leben lassen, zerfällt auf der Insel die traditionelle Ordnung. Fords Roman ist ein Sittenpanorama, der traurig-zynische Abgesang auf eine im Umbruch begriffene Epoche, in der die Oberschicht - noch - in der Überzeugung regiert, dass Gesellschaft etwas ist, was man an Wörter wie Tee oder Abend hängt, soziale Akzeptanz sich daran bemisst, ob jemand bei Lord oder Lady Soundso auf der Gästeliste steht, unter Öffentlichkeit Gottes freie Natur zu verstehen ist - gezähmt von den Gärtnern des Country Clubs - und Suffragetten wild gewordene Weiber sind. Es war eine Epoche, schreibt Ford, die die öffentliche Schande von Personen gehobenen Standes praktisch nicht kannte. Die herrschende Klasse hatte die Fähigkeit kultiviert, etwas totzuschweigen. Ließ sich flegelhaftes Benehmen gar nicht ignorieren, blieben die Kolonien.

In Ford Madox Fords Roman nun wimmelt es von Skandalen. Klatsch und Tratsch, Verleumdung, Lügen und derlei Schlechtigkeiten mehr unterhalten die saturierte Oberschicht bei Frühstücksempfängen und Afternoon Teas in ihren opulent ausgestatteten und mit einer vielköpfigen Dienerschaft bestückten Landhäusern auf's Köstlichste. Da kann Christopher Tietjens väterlicher Freund ihm noch so schulterklopfend den Ratschlag geben, sich ein Mädchen zu suchen, das er in einem Tabakladen unterbringen kann, um ihm im Hinterstübchen den Hof zu machen, aber um Gottes Willen nicht auf der Straße. Längst ist eine angebliche Affäre Tietjens Salongespräch, was vor allem Tietjens perfider Gattin zu verdanken ist. Sie will sich dafür rächen, dass ihr Mann sie nach ihrem Seitensprung großmütig zurückgenommen hat.

Tietjens stets untadliges Verhalten macht seine Frau rasend, ohne dass Sylvias Ausfälle ihn je aus der Fassung zu bringen vermöchten. All ihre verbalen wie physischen Angriffe - Sylvia Tietjen weiß ihren Gatten gekonnt mit Kotelett in Aspik zu bewerfen - prallen an Tietjen ab. Fords junger Held ist ein letzter Ritter der Selbstbeherrschung.

Nun muss man der schönen Sylvia zugute halten, dass ihr ehrenwerter Gatte nicht gerade ein Remedium gegen das grässliche Leiden darstellt, von dem sie befallen ist: die Zeitkrankheit Ennui. Gut aussehen tut Christopher auch nicht gerade. Für seine Statur eines Mehlsacks ist er zwar durch ein fotografisches Gedächtnis und einen scharfen Verstand entschädigt, so dass der an Muskeltonus arme, geistig jedoch reich gesegnete junge Mann seine Gesprächspartner mit einem geradezu enzyklopädischen Wissen zu erstaunen vermag. Doch ein Kriegserlebnis raubt Christopher sein Gedächtnis, er muss buchstäblich wieder bei A beginnen. Seinen Fronturlaub nutzt er, um systematisch das Lexikon durchzuarbeiten.

Das wäre alles sehr tragisch, wenn Tietjens im Schützengraben verschütt gegangene mentale Brillanz ihm dereinst zu mehr verholfen hätte als zu einer unspektakulären Position als Staatsbediensteter im Imperialen Amt für Statistik und einer weiteren im Ledersessel des Golfclubs, wo er so leidenschafts- wie reglos Erfüllung darin fand, aus dem Kopf eine Liste mit Fehlern in der Encyclopaedia Britannica zu erstellen.

Dem Tugendmann Tietjen hat Ford Madox Ford also durchaus seine Idiosynkrasien zugestanden, und dafür heißt es dem Autor dankbar sein. Allzu sehr wäre sein Protagonist sonst ins klischeehaft Überzeichnete abgerutscht, eine Gefahr, der Ford bei den anderen Personen nicht immer hat ausweichen können: der Gattin Typ charmante Intrigantin, dem besten Freund Typ ehrgeiziger Emporkömmling, der vermeintlichen Geliebten Typ keusche Jungfrau.

Ford Madox Ford, geboren 1873, gestorben kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltrkiegs, hat gemeinsam mit Joseph Conrad drei Romane geschrieben, war befreundet mit Henry James, hat als Zeitschriftenherausgeber Modernisten wie Ezra Pound, D. H. Lawrence oder Jean Rhys ein Forum geliefert. Manche tun es nicht hat der Engländer Ford, dessen Vater aus dem westfälischen Münster ausgewandert war, 1924 veröffentlicht, im Jahr des Zauberberg, dem kontinentalen Epilog des spätbürgerlichen Zeitalters. Zwei Jahre zuvor war The Waste Land erschienen, T. S. Eliots epochales Desillusionsgedicht über die physische und geistige Verwüstung der Welt durch den Krieg. Ob es diese Nähe zu den Epigonen der literarischen Moderne ist, die den EichbornVerlag dazu verleitet hat, Klappentext und sonstige Bewerbung des Buches derart mit Hyperbeln zu überfrachten, dass der Text überhaupt keine Chance hat, sich zu behaupten als das was er - immerhin - ist?

Kein weltliterarischer Klassiker, aber ein veritabler Gesellschaftsroman, das durchaus subtile Porträt einer spezifischen Schicht, die manchmal holzschnittartige, manchmal aber auch bemerkenswert fein ziselierte Charakterstudie einer längst ausgestorbenen Spezies Mensch, ein Buch, das von der Geschwätzigkeit handelt, ohne selbst je geschwätzig zu sein, und das es sogar schafft, das sprachlose Entsetzen angesichts des Weltkriegs zu vermitteln, indem nämlich das Kriegsgeschehen Leerstelle, unausgesprochener Subtext bleibt, Zentrum des Geschehens zwar, aber in der Handlung ausgespart.

Manche tun es nicht ist nach der Allertraurigsten Geschichte und Bezauberung, dem in Zusammenarbeit mit Conrad entstandenen Abenteuerroman, erst das dritte je ins Deutsche übertragene Buch Ford Madox Fords, dessen Werk immerhin achtzig Bände umfasst. Wunderbar ist es dem Übersetzer Joachim Utz gelungen, den eigentümlich vornehm-burschikosen Tonfall im Konversationsgebaren des englischen Landadels wiederzugeben, auch die Übersetzung der auf englisch so elegant gedrechselten Erzählpassagen ist gekonnt, die der zentralen, symbolisch überhöhten Nebelfahrt von Christopher und seiner eben-nicht-Mätresse: Hut ab! Leider gibt es auch Stolpersteine wie das unschöne und vollkommen ungebräuchliche Wort Anrichteraum für "pantry" - was spricht denn gegen die Speisekammer? - oder den Apfelauflauf anstelle des berühmten angelsächsischen Leibgerichts, aber am apple pie sind ja schon viele Übersetzer gescheitert. Verwirrend ist eine ganze Reihe von Flüchtigkeitsfehlern, die den Verdacht aufkommen lassen, man habe, besonders auf's Ende zu, mit heißer Nadel gestrickt: wenn etwa aus "her mother" seine Mutter wird oder das "you" in der Anrede nicht als "Sie" sondern "sie" erscheint.

Auch interessant

Kommentare