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Salman Rushdie, 2019 in Wien. Foto: afp
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Salman Rushdie, 2019 in Wien.

Aufsätze

Salman Rushdie: „Sprachen der Wahrheit“ – Es war so. Es war nicht so

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Gedanken zum neuesten Buch von Salman Rushdie, der Aufsatzsammlung „Sprachen der Wahrheit“.

Wenn ich mich nicht verzählt habe, sind es 42 Texte auf 471 Seiten. Salman Rushdie, geboren 1947 in Bombay, hat in dem Band „Sprachen der Wahrheit“ Aufsätze aus den Jahren 2003 bis 2020 zusammengestellt oder stellen lassen. Sie nicht zu lesen, heißt, wenn man auch nur einen Funken Interesse an Literatur hat, sich um eines der größten Vergnügen bringen.

Ich habe sechstausend Zeichen – die Vorgaben der Redaktion sind streng -, ich werde also nicht schreiben über Rushdies Beziehung zu dem von ihm bewunderten kolumbianischen Autor Gabriel García Márquez und einem langen Telefonat, das er mit ihm hatte, bei dem die zwei sich bestens verstanden, ohne dass einer des anderen Sprache sprach. Ich werde auch nicht schreiben über Rushdies ganz außerordentliche Begabung für Lobeshymnen und Preislieder, seine Liebe zu den weiten Landschaften der Wörterwelten, in denen er spazieren geht und sprintet, schwimmt und surft, springt und fliegt. Ich habe, seit ich vor fast vierzig Jahren „Mitternachtskinder“ von ihm las, ihn immer wieder aufs Neue bewundert. Der iranische Revolutionsführer Chomeini versprach im Februar 1989 jedem Moslem, der ihn tötete, die ewige Seligkeit.

Spätestens in diesem Moment wurde klar, wer die waren, die den von der Linken verhassten Schah abgelöst hatten. Rushdie führte über Jahrzehnte ein Leben unter ständiger Beobachtung. Er hörte niemals auf zu schreiben, Romane, Geschichten für seine Kinder und Essays.

Im neuen Buch von Salman Rushdie befinden sich gravierende Fehler

Ich werde also nicht schreiben über all das, was Rushdie über Autoren von Ovid über Shakespeare und Cervantes, Hans Christian Andersen, die Abenteuer des Amir Hamza, über Günter Grass oder Philip Roth schreibt. Worüber also werde ich schreiben?

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In dem Buch finden sich gravierende Fehler. Von Gregor dem Großen gibt es keine Magna Moralia, die hat, wie jeder Leser der „Minima Moralia“ weiß, Aristoteles geschrieben und bei Gregor dem Großen findet sich auch keine Aufzählung der sieben Todsünden. Truffauts Film „Jules und Jim“ basiert, wie Rushdie schreibt, auf dem autobiographischen gleichnamigen Roman von Henri-Pierre Roché, der wiederum schildert aber nicht, wie Rushdie schreibt, die Beziehung des Autors zu Marcel Duchamp und der amerikanischen Künstlerin Beatrice Wood, sondern die zu dem deutschen Autor Franz Hessel und seiner Frau, der Journalistin Helen Grund.

Das Buch

Salman Rushdie: Sprachen der Wahrheit – Texte 2003-2020. A. d. Engl. v. Sabine Herting / Bernhard Robben. Bertelsmann 2021. 471 S., 26 Euro

Salman Rushdies doppelte Verneinung des fliegenden Teppichs

Ich bin diesen Irrtümern – so kamen sie mir vor – nicht nachgegangen. Aber die Behauptung, in den Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“ kämen keine fliegenden Teppiche vor, wollte ich nicht einfach stehen lassen. Spätestens dann, als er diese Behauptung ein paar Zeilen später noch verstärkt: „Aber in Tausendundeine Nacht bleiben alle Teppiche reglos und schlaff.“

Das stimmt nicht. Scheherazade erzählt ein paar Nächte lang die Geschichte von den drei Brüdern, die alle verliebt waren in die Prinzessin Nur al-Nihar. Ihr Vater erklärt, er werde dem die Tochter zur Frau geben, der das seltenste, kurioseste Geschenk mitbringen werde. Die drei machen sich auf den Weg. Der älteste Bruder kauft in Bishangarh, im heutigen Rajastan, einen fliegenden Teppich; der mittlere Bruder findet in Shiraz ein Fernrohr, durch das man sehen kann, was man will, wo immer es ist, und der jüngste Bruder bringt aus Samarkand einen Apfel mit, der jeden von jeder Krankheit heilt, der an ihm riecht. Die drei treffen sich an dem vereinbarten Ort. Sie nutzen das Fernrohr und halten Ausschau nach Nur al-Nihar. Sie ist todkrank. Eine Minute später sind sie mit Hilfe des fliegenden Teppichs bei ihr, halten ihr den Apfel unter die Nase, und sie ist geheilt.

NameSir Ahmed Salman Rushdie
BerufSchriftsteller
HerkunftMumbai, Indien
Alter74 Jahre (19. Juni 1947)

Keiner der drei kommt als Schwiegersohn in Frage, denn Nur al-Nihar lebt nur noch, weil alle drei zusammengehalten haben. Eine Pointe, wie Rushdie – er heißt übrigens so, weil sein Vater diesen Namen aus Verehrung für den im Abendland Averroes genannten arabischen Philosophen Ibn Rushd annahm – sie sich nicht besser hätte einfallen lassen können. Aber noch ahnte ich nichts. Erst als ich weiterlas und vom folgenden Bogenschießen erfuhr, bei dem der zweite Bruder den ersten übertrumpfte, während der Pfeil des jüngsten von der Tochter des Geisterkönigs entführt wurde und so aus dem Prinzen Ahmed und der Prinzessin Peri-Banu, einer Fee, ein Paar wurde, da dämmerte mir, dass Rushdies doppelte Verneinung des fliegenden Teppichs eine Fährte war, die er gelegt hatte, um denen, denen es Spaß macht, einer Erzählung nicht einfach nur zu folgen, sondern sie fortsetzen, ergänzen, adaptieren wollen, an ihren eigenen Vorstellungen weiter zu helfen ins Reich der Fantasie, in eine andere Sprache der Wahrheit.

Für Salman Rushdie gehörten Realität und Magie immer zusammen

Die Welt ist nicht nur alles, was der Fall ist, sondern auch das, was verschwiegen und was geleugnet wird. Zu den verwirrenden Eigentümlichkeiten solcher Reisen gehört, dass man irgendwann nicht mehr weiß, ob der fliegende Teppich der Erzählung noch den eigenen mehr oder weniger bewussten Wünschen folgt oder ob er es ist, der sie schafft. Lesen, das gehört zu Rushdies Erkenntnissen, macht uns klüger und dümmer zugleich. Je mehr wir lesen, desto mehr Fragen stellen wir uns. Und je intensiver wir lesen, desto deutlicher wird uns, dass es darum nicht geht, sondern um den Zugewinn an Leben, den wir uns durch das Lesen, das Erzählen von Geschichten verschaffen. Und nun gar erst durch ihre Erfindung!

Der große Erfolg, den in den letzten Jahren das autobiographische Schreiben etwa von Elena Ferrante oder Karl Ove Knausgård hat, legt die Vermutung nahe, Fantasie werde nur noch gebraucht, um Erinnerungen möglichst intensiv abrufen zu können. Fliegende Teppiche aber oder Wunderheilmittel und Zaubergeräte seien nichts mehr für die Literatur, sondern müssen in das Genre Fantasy ausgewiesen werden.

Rushdie, für den immer Realität und Magie zusammengehörten, schreibt an einer der traurigsten Stellen seines Buches: „In vielerlei Hinsicht ist es eine große Sache, unmodisch geworden zu sein.“ Er ist 74 Jahre alt und hat das Gefühl, seine Zeit sei vorbei. Vielleicht stimmt es, aber auch das Heute wird einmal vorbei sein und dann werden wir wieder verstehen, wie recht Rushdie hat, wenn er schreibt: „Das arabische Äquivalent der Formel ,es war einmal’ lautet kan ma kan, was so viel heißt wie ,Es war so, es war nicht so‘. Dieses große Paradox liegt im Kern aller Fiktion. Die Fiktion ist genau der Ort, wo Dinge sowohl so als auch nicht so sind, wo Welten existieren, an die wir fest glauben können, während wir zugleich wissen, dass sie nicht existieren, nicht existiert haben und niemals existieren werden. Und diese schöne Komplikation war nie bedeutsamer als in unserem Zeitalter der übermäßigen Vereinfachung.“ (Arno Widmann)

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