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Salman Rushdie wird 75 – Fatwas, Fantasie und Ferngläser

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Von: Arno Widmann

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Salman Rushdie bei einem Auftritt 2019. Am 19. Juni feiert er seinen 75. Geburtstag.
Salman Rushdie bei einem Auftritt 2019. Am 19. Juni feiert er seinen 75. Geburtstag. © Herbert Neubauer/afp

Der indisch-britisch-amerikanische Autor Salman Rushdie feiert 75. Geburtstag. Wir verdanken ihm hervorragende Bücher und unschätzbare Einsichten.

Geboren wurde Salman Rushdie am 19. Juni 1947 in Bombay. Am 15. August 1947 war Indien unabhängig geworden. Die letzte Tat der Briten war die Teilung Indiens in die beiden Staaten Pakistan und Indien. Muhammad Ali Jinnah wurde der erste Generalgouverneur Pakistans und Präsident seiner verfassunggebenden Versammlung. Jawaharlal Nehru wurde Indiens erster Ministerpräsident. Es kam zu Massenvertreibungen und -fluchten. Zehn Millionen Hindus und Sikhs sollen aus Pakistan und etwa sieben Millionen Muslime aus Indien vertrieben worden sein. Mehr als eine Million Menschen starben dabei oder wurden umgebracht. Auch Indien hat die Erfahrung, dass Massaker zur Nationenbildung dazu gehören.

In seinem ersten großen Roman „Mitternachtskinder“ beschrieb Rushdie diese Epoche und ihren Wahnsinn. Das Buch erschien 1981, erhielt den Booker Preis und wurde ein Weltbestseller. 2008 ernannte eine Jury es zum besten Buch, das jemals den Booker-Preis erhalten hatte. Rushdie, das muss eingeschoben werden, heißt so, weil sein Vater diesen Namen annahm. Aus Bewunderung für Ibn Ruschd, den spanisch-arabischen Philosophen aus dem zwölften Jahrhundert, der in Europa Averroes heißt und von Dante „der Kommentator“ genannt wurde, weil er zu vielen Büchern des Aristoteles einen Kommentar geschrieben hatte. Averroes war der berühmteste Vertreter einer muslimischen Aufklärung im Mittelalter.

Salman Rushdie feiert 75. Geburtstag - „Die satanischen Verse“ erscheint 1988

Ende 1988 veröffentlichte Salman Rushdie seinen Roman „Die satanischen Verse“. Am 14. Februar 1989 erklärte der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini (1902-1989): „Ich informiere das stolze muslimische Volk der Welt, dass der Autor des Buches ,Die satanischen Verse‘, welches sich gegen den Islam, den Propheten und den Koran richtet, sowie alle, die zu seiner Publikation beigetragen haben, zum Tode verurteilt sind. Ich bitte sämtliche Muslime, die Betroffenen hinzurichten, wo immer sie auch sein mögen.“

Wir lernten, was eine Fatwa ist. Rushdie, ein witziger Opponent des britischen Establishments, wurde unter Polizeischutz gestellt. Für viele, viele Jahre. Der iranische Revolutionsführer ließ eine Belohnung von einer Million Dollar für die Ermordung Rushdies ausschreiben. Im Lauf der Zeit wuchs der Betrag auf vier Millionen Dollar an. Am Sonntag wird Salman Rushdie 75 Jahre alt. Er hat weiter geschrieben. Fulminante Romane, großartige Essays. Sein neuestes Buch, die Aufsatzsammlung „Sprachen der Wahrheit“, erschien vor einem Jahr (auf Deutsch bei Penguin, 480 Seiten, 26 Euro).

Salman Rushdie wird 75 - messerscharfe Texte, auch über Donald Trump

Inzwischen lebt der Autor von „Heimatländer der Fantasie“ in den USA. Er hat eine fantastische Persiflage auf das Amerika Donald Trumps geschrieben. Der Ayatollah hat hohen literarischen Geschmack bewiesen.

Rushdie ist einer der begeisterndsten Autoren der Gegenwart. Er verbindet die Lust an der Satire mit der Sehnsucht nach großer Empfindung. Er versteckt die eine nicht in der anderen. Sie wachsen neben- und miteinander. Der messerscharfe, blitzschnelle Verstand zerstört die Liebe nicht. Er hilft, sie zu befreien aus den Fesseln der Konvention .

Salman Rushdie - Morddrohungen von Khomeini

Als am 14. Februar 1989 mich die Nachricht von Khomeinis Morddrohung gegen den von mir geliebten Autor erreichte, schickte ich – es gab noch keine E-Mails – Faxe an wohl ein Dutzend Redaktionen deutscher Tages- und Wochenzeitungen. Mein Vorschlag: Wir drucken alle die von Khomeini inkriminierten Passagen nach. Jede Redaktion schreibt dazu ihren eigenen Kommentar. Nach einer Stunde erreichte mich in der taz-Redaktion nur eine einzige Antwort. Frank Schirrmacher, Literaturredakteur der FAZ, rief an, erklärte sich begeistert und sagte, er werde die Sache organisieren. Ich freute mich, denn es waren Filmfestspiele, und ich hatte, unterstützt von der großartigen Petra Kohse, damals noch Praktikantin, jeden Tag neben dem Feuilleton noch vier Seiten Berlinale zu bauen. Aus der großen Solidaritätsaktion der bundesrepublikanischen Feuilletons wurde nichts. Nur die taz druckte die satanischen Verse. Der deutsche Verlag, der die Rechte an Rushdies Buch hatte, kniff ebenfalls.

Die Übersetzung erschien später in einer Sonderaktion, zu der mehrere Verlage sich zusammengeschlossen hatten in dem eigens dafür gegründeten „Artikel 19 Verlag“. Khomeinis Drohung, dass jeder, der zur Verbreitung des Buches beitrage, getötet werde, wirkte sich aus: Der italienische Übersetzer Ettore Capriolo wurde am 3. Juli 1991 in seiner Wohnung in Mailand durch Stiche verletzt und der japanische Übersetzer Hitoshi Igarashi am 11. Juli 1991 im Gebäude seines Büros an der Universität Tsukuba erstochen. Der norwegische Verleger William Nygaard wurde durch Schüsse schwer verletzt. Es gab weltweit Demonstrationen gegen das Buch und jede Menge öffentlicher Verbrennungen nicht nur des Buches, sondern auch von Rushdie-Puppen.

Salman Rushdie wird 75 Jahre alt - 1995 erhält er Friedenspreis in Deutschland

Während Rushdie von der Fatwa bedroht wurde, gab der Börsenverein des Deutschen Buchhandels 1995 seinen Friedenspreis der Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel, die sich in Pakistan im Flugzeug des Diktators Mohammed Zia-ul-Haq hatte herumkutschieren lassen.

Heute sind „Die satanischen Verse“ im Buchhandel zu bekommen und jeder kann genau das tun, was Khomeini verhindern wollte, nämlich sich selbst ein Bild machen.

Salman Rushdie: Zur Person

NameSir Ahmed Salman Rushdie
Alter75 Jahre (geboren am 19. Juni 1947)
GeburtsortMumbai, Indien

Der Zeitzeuge erkennt seine Zeit auch erst im Nachhinein. Die Öffentlichkeit bei uns war damals zu sehr absorbiert von dem, was in der Sowjetunion und im Ostblock passierte, um sich die Zeit zu nehmen, den islamistischen Totalitarismus genauer zu betrachten. Man lebte doch in einer Zeit der Versöhnung. Da wollte man sich nicht mit dem Hass beschäftigen, der einem von einer ganz anderen Seite entgegenschlug.

Salman Rushdie weiß sehr genau, wie alles läuft

Das ist eine Einsicht, die wir Salman Rushdie verdanken. Nicht nur seinen Essays, sondern seinem Leben. An ihm hätten wir den Kontrapunkt studieren können. Einige taten es. Es ist schwer, Werk und Leben bei ihm zu trennen. Die Verbindung von beidem macht seine Kunst aus. Vielleicht überhaupt die Kunst. Die indische Historikerin Romila Thapar wurde 1931 in Lucknow geboren. Sie erzählt, der 15. August 1947 sei in ihr letztes Schuljahr in Pune gefallen. Die Staatsgründung wurde auch an der Schule feierlich begangen. Sie sollte eine kurze Rede halten. Wochenlang wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Bis sie endlich auf die Idee kam zu sagen, was sie als junge Inderin von der Zukunft des unabhängigen Indiens erwarte. Es sei darum gegangen, sich für eine neue Gesellschaft, eine neue Identität zu entscheiden, schreibt sie. Es ging um Selbstbestimmung. Ein Traum.

Der 16 Jahre jüngere Rushdie dagegen hatte keine Chance. Er wurde in den Alptraum hinein geboren. Seine Gegenwart war die der Vernichtung. Er war zu wach, um sich die Wirklichkeit schön zu malen. Er schuf sich wilde Gegenwelten, in denen Bollywoodstars, Geister, Aktienkurse und Naturgewalten einen erregenden Tanz aufführen, der kreisend immer neue Wirklichkeiten generiert.

Salman Rushdie weiß sehr genau, wie alles läuft, und gerade darum weiß er, dass nichts so sein muss, wie es ist, und dass nicht zuletzt darum alles immer wieder auch ganz anders kommen kann. Würde er das in so hölzernen Worten aufschreiben, wie ich das hier tue, würde man ihn womöglich einen alten weisen Mann nennen. Aber das ist er ganz und gar nicht. Wenn er schreibt, tanzt er. Ein Derwisch, der uns aus immer neuen Positionen auf die Welt blicken lässt.

Salman Rushdie feiert 75. Geburtstag - Fantasie als Fernglas und Mikroskop

Er kreist, damit wir ruhig im Sessel sitzend durch ihn hindurch erblicken, was ist. Durch ihn sehen wir auch, wovor wir gerne die Augen verschlössen. Die Wunderländer der Fantasie sind Ferngläser und Mikroskope, die uns helfen, die Schichten der wirklichen Welt zu sehen und zu zeigen.

Manchmal müssen wir Kontrastmittel einnehmen, damit in den Röntgenbildern deutlich wird, was in uns vorgeht. Seit mehr als einem halben Jahrhundert stellt uns Salman Rushdie neben dem eigenen Leben, die Riesenteleskope und die mächtigen Teilchenbeschleuniger seiner Fantasie zur Verfügung, damit wir unser „Heim und die Welt“ besser erkennen. Dafür danken wir ihm. (Arno Widmann)

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