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Nach dem Anschlag auf Salman Rushdie: Er erzählt wieder und macht Witze

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Von: Arno Widmann

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Salman Rushdie 1986, drei Jahre vor der Fatwa.
Salman Rushdie 1986, drei Jahre vor der Fatwa. Am Freitag (12. August) wurde der Autor in New York auf offener Bühne mit einem Messer verletzt. © Imago

Nach einem Messerangriff auf offener Bühne befindet sich der Autor Salman Rushdie auf dem Weg der Besserung. Das Geschichtenerzählen hilft auch in dieser Zeit.

Frankfurt – Am Samstagabend (13. August) schon war er, nach einer Reihe von Eingriffen, nicht mehr auf die künstliche Beatmung angewiesen gewesen, sprach, versandte Nachrichten, so berichtete der Autor Aatish Taseer. Salman Rushdies Agent Andrew Wylie bestätigte das. Ohne dem auch nur einen Hauch hinzuzufügen. Das Geschichtenerzählen überlässt einer der einflussreichsten Literaturagenten der Welt lieber seinen Autoren.

Ich war erschüttert, als ich am Freitag erfahren hatte, dass Salman Rushdie von einem Attentäter bei einer öffentlichen Veranstaltung niedergestochen worden war. Ich war aber auch wütend. Am 14. Februar 1989 hatte der iranische Ayatollah Khomeini erklärt: Jeden, der Salman Rushdie, der mit seinem Buch „Satanische Verse“ den Propheten beleidigt habe, umbringe, erwarte nicht nur ein Logenplatz im Paradies, sondern auch eine hübsche Kopfgeldsumme. Auch wer statt Rushdie selbst wenigstens einen von denen töte, die seine Bücher verlegten oder übersetzten, könne mit dem Lohn Gottes und dem einer eigens dafür geschaffenen Stiftung rechnen. Auf einen Verleger wurde ein Anschlag verübt, ein japanischer Übersetzer wurde ermordet.

Wütend war ich, weil ich Ayatollah Khomeini diesen Triumph nicht gönnte. Im Juni 1989 war er 86-jährig gestorben, ein verbitterter Greis, der behauptete, den Iran in einen Gottesstaat verwandeln zu wollen und stattdessen der Schah- eine Mullah-Diktatur hatte folgen lassen.

Nach dem Attentat auf Salman Rushdie: Die Fantasie, die sich in Gang setzte

Aber lachen musste ich auch, weil ich sofort vor mir sah ein Grab und einen Sarg, dessen Deckel sich öffnete und dem ein Mann entstieg, ein Walking Dead, der sich auf die Suche machte nach seinem Opfer Salman Rushdie. Er war schon zigmal unterwegs gewesen, immer wieder gescheitert, fast schon zu einer Witzfigur geworden. Und jetzt sollte er ihn doch noch erwischt haben!

Meine Vision war lächerlich. Statt die kargen Fakten zu analysieren, brannte meine Fantasie mit mir durch, verwandelte Khomeini in den Grafen Dracula, eine Erfindung des irischen Geschichtenerzählers Bram Stoker aus dem Jahre 1897. Als mir das klar wurde, ruhte ich mich nicht etwa auf dem Wenigen aus, das über Rushdies Verletzungen bekannt geworden war, sondern überlegte mir, dass es immer wieder Menschen – Männer und Frauen – gegeben hatte, die auf Berühmtheiten eingestochen hatten. So waren sie sicher, selbst einmal berühmt zu werden.

Immer neue Motivvarianten fielen mir ein: Autoren, deren eigene Bücher von Verlagen oder vom Publikum abgelehnt worden waren, Menschen, die sich das Leben nehmen wollten und nun versuchten, jemanden mitzureißen, der Hass auf Rushdies Socken, auf sein Alter, seine Nase, auf den Wirbel, der um ihn gemacht wurde.

Salman Rushdie hat überlebt: Was war das Motiv für den Angriff?

Alles Quatsch. Der Attentäter stammt aus einem schiitischen Umfeld, wissen wir heute. Die Wiedergänger-These ist die wahrscheinlichste. Allerdings hat kein Sarg sich öffnen müssen dafür. Die Worte Khomeinis haben ihn überlebt. Genau dazu, vergessen wir das nicht, waren sie aufgeschrieben worden.

Nicht nur die Odyssee, „Moby-Dick“ und „Joseph und seine Brüder“ – Rushdie wäre es lieber, hier stände „Die Blechtrommel“ – haben ihre Autoren überlebt, sondern auch „Die Protokolle der Weisen von Zion“ und „Mein Kampf“. Nicht zu vergessen, der hier einschlägige Vers 5 der Sure 9 des Koran: „Erschlagt die Frevler, wo ihr sie findet“.

Khomeini konnte wie jeder gläubige Muslim den Namen Allahs nicht nennen, ohne hinzuzufügen „der Allerbarmer, der Barmherzige“. Das hat seinem mörderischen Radikalismus so wenig Einhalt geboten wie die Botschaft vom barmherzigen Jesus den christlichen Kreuzrittern. Ob den Rushdie-Attentäter aus New Jersey neben dem Wort Khomeinis womöglich auch der Scheck einer Stiftung zur Tat angetrieben hat, werden hoffentlich weitere Untersuchungen zu Tage fördern.

Anschlag auf Salman Rushdie: Geschichten als Schutz vor der Prügel

Es gibt vielleicht keinen lebenden – wie freudig ich das jetzt hinschreibe – Schriftsteller, der so viel nachgedacht und geschrieben hat über den Umgang der Menschen und der Autoren mit der Lüge. Sie ist das Mittel, das uns hinaushilft aus der Wirklichkeit. Ohne sie würden wir uns selbst ins Gefängnis setzen einer Welt aus lauter Protokollsätzen.

Geschichten erzählen heißt, die Fantasie sprechen zu lassen statt der Wahrheit. Was wir für die Wahrheit ausgeben, ist ja oft nur – wie im Falle der Messerattacke auf Salman Rushdie – ein winziger uns zufällig bekannter Ausschnitt aus einem viel größeren Geschehen. Unsere Geschichten fügen zusammen, was in der Wirklichkeit – so funktionieren alle Liebesgeschichten – noch nicht zueinander gefunden hat oder aber sie reißen auseinander, was in der Wirklichkeit nicht zu trennen ist. Keine Abenteuererzählung, in der der Held nicht die Eltern verlässt und hinausgeht ins Unbekannte.

Mancher hat sich schon mit solchen Geschichten davor schützen können, verprügelt zu werden. Diese Geschichten haben sich nicht zugetragen. Das aber zu sagen, gehört nicht unbedingt zu ihnen. Daniel Defoe tat so, als sei er Robinson Crusoe.

Nach dem Anschlag: Salman Rushdie geht es besser

Rushdies großes Vorbild Scheherazade erfindet jede Nacht eine neue Geschichte und bleibt so am Leben. Vor ihr hatte der Sultan sich jeden Abend eine neue Frau zuführen lassen, die er entjungferte und dann umbringen ließ. Rushdie hat nachgerechnet: Es waren mehr als 3200 junge Frauen. Scheherazade aber ließ ihn immer neugierig bleiben auf die Fortsetzung ihrer Erzählung.

Viele der großen Romane des 19. Jahrhunderts erschienen zuerst als Fortsetzungsromane in Zeitungen und Zeitschriften. Es war der gleiche Effekt. Die, die angefangen hatten mitzulesen, wurden abhängig von der Droge „Oliver Twist“ oder „Der Graf von Monte Christo“. Wer den „Sopranos“ – oder wie ich „The Wire“ – verfiel, der weiß, dass wir zu schlafen vergessen, weil wir nicht aufhören können, einer Geschichte zu folgen. Was immer uns andere sagen mögen, Rushdie schrieb, Scheherazade habe dem Sultan zu seiner Menschwerdung verholfen, indem sie ihm Geschichten erzählte.

Ich nehme das „Alles Quatsch“ von oben zurück. Ich tat, was Rushdie mir beigebracht hat: Ich erzählte mir Geschichten, um mich nicht unterkriegen zu lassen von der drohenden Wirklichkeit seines Todes. Hat es funktioniert? Vielleicht. Aber die Befreiung kam erst durch die Wirklichkeit. Am Sonntag war im britischen „Guardian“ zu lesen: Salman Rushdie gehe es besser, er erzähle wieder und mache Witze. (Arno Widmann)

Anschlag auf Salman Rushdie

Der Messerangriff auf den Schriftsteller Salman Rushdie am Freitag hat international Entsetzen ausgelöst. Aus Kultur und Politik kamen Aufrufe zu Widerstand gegen Hass und Hetze.

US-Präsident Joe Biden und First Lady Jill Biden erklärten, Rushdie stehe für die „universellen Ideale Wahrheit, Mut und Widerstandsfähigkeit“. Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) erklärte: „Wer diesen Mordanschlag nun auch noch rechtfertigt, verbreitet nichts anderes als Hass und Extremismus. Wer an ein friedliches Zusammenleben glaubt, muss sich dem klar und konsequent entgegenstellen.“ Der PEN Deutschland kündigte an, Rushdie als Zeichen der Solidarität zum Ehrenmitglied zu machen. In iranischen Zeitungen war der Angriff teils gefeiert worden. Der britische Premier-Kandidat Rishi Sunak forderte in einem Interview neue Sanktionen gegen den Iran.

Der mutmaßliche Täter wurde am Samstag einem Richter in Mayville in New York vorgeführt. Der 24-jährige Hadi M. aus New Jersey, der in Kalifornien geboren wurde und dessen Familie aus dem Libanon stammt, konnte direkt nach der Tat verhaftet werden. Ihm wurden in Medien Sympathien für islamistischen Extremismus zugeschrieben, konkretere Hinweise gab es darauf zunächst nicht. Hadi M. wird versuchter Mord zweiten Grades vorgeworfen. Sein Pflichtverteidiger erklärte, M. plädiere auf nicht schuldig.

Die Sicherheitsvorkehrungen bei der Veranstaltung gerieten am Wochenende in die Kritik. Der Täter hatte den 75-jährigen Rushdie bei einem Auftritt in der Chautauqua Institution in New York unter anderem mit Stichen in Hals und Bauch verletzt. Rushdie selbst hatte zuvor hervorgehoben, in den USA fühle er sich inzwischen sicher. (epd/dpa)

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