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Auch sie ging vom Westen nach Dublin: Sally Rooney.

Sally Rooney: „Normale Menschen“

Hat die Liebe eine Chance?

  • Judith von Sternburg
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Sally Rooney, Jungstar der Literaturszene in Irland, erzählt in ihrem zweiten Roman von „Normalen Menschen“.

Vor einem Jahr erschien auf Deutsch der Vorgängerroman, mit dem die inzwischen 29-jährige Irin Sally Rooney 2017 international enormen Erfolg hatte. Schon in „Gespräche mit Freunden“, einem Buch von schwindelerregender Gegenwärtigkeit und Unmittelbarkeit, sah man den möglichen Film schon vor sich. Beim zweiten Roman, „Normale Menschen“, 2018 auf Englisch und soeben in Übersetzung herausgekommen, muss die Fantasie nicht mehr bemüht werden. Mithilfe des via Amazon abonnierbaren Kanals Starzplay kann man sich die BBC-Serie „Normal People“ gleich anschauen. Fotos legen nahe, dass Connell perfekt getroffen ist (Paul Mescal heißt der junge Schauspieler), und wer sich nicht vorstellen konnte, wie Marianne aussieht, wird sich von Daisy Edgar Jones überzeugen lassen: so.

„Normale Menschen“ ist also die Liebesgeschichte von Connell und Marianne. Sie spielt zwischen Januar 2011 und Februar 2015. Der Roman, der auch ohne Serie wie eine Serie funktionieren würde, klinkt sich immer wieder mit kleinen oder größeren Zeitsprüngen ins Geschehen ein: Die neue Lage – sind Connell und Marianne gerade zusammen oder nicht? – wird sondiert, ausführliche Rückblenden sind dann manchmal wichtiger als die Jetztzeit des Kapitels. Erzählt wird mit Übersicht, aber etwas häufiger aus Connells Perspektive. Marianne ist die rätselhaftere Figur. Wie schon in „Gespräche unter Freunden“ liegt eine Qualität des Romans ohnehin in den Dialogen. Gewissermaßen hat Rooney das Drehbuch bereits mitgeliefert.

Wie Rooney in Castlebar im westlichen County Mayo wachsen Marianne und Connell in einer kleinen Stadt in Sligo auf. Sie ist die Tochter einer verwitweten Anwältin, er der Sohn der ledigen Putzfrau. Am Anfang gehen beide noch zur Schule und bekommen Bestnoten bei größtmöglicher Unterschiedlichkeit: Marianne ist das hässliche Entlein und die heikle Außenseiterin, Connell der Kumpeltyp. Sie geraten in eine überaus erfreuliche Sexgeschichte miteinander, noch ist es aber, als hätte es nichts zu bedeuten.

Das Buch

Sally Rooney: Normale Menschen. Roman. A. d. Engl. von Zoë Beck. Luchterhand, München 2020. 320 S., 20 Euro.

Am Trinity College in Dublin wendet sich das Blatt. Connell, der ursprünglich wie die anderen in Galway studieren wollte, ist sich im Klaren darüber, was für ein Sprung das für ihn ist. „Er würde Dinnerpartys besuchen und sich über den Rettungsschirm für Griechenland unterhalten“, heißt es dazu lapidar, Rooneys feiner, auch ironischer Blick auf die gar nicht immer so feinen sozialen Friktionen in der Republik Irland gehört zu den Stärken auch dieses Buchs.

Auf einmal ist es jedenfalls Marianne, die ganz am Platze erscheint, Connell wird als Landei bespöttelt. „So ist es in Dublin. Alle in Connells Kursen haben einen identischen Akzent und tragen gleich große MacBooks unterm Arm. In den Seminaren tun sie leidenschaftlich ihre Meinungen kund und führen aus dem Stegreif Debatten durch. ... Sie sind nicht dumm, aber sie sind auch nicht sehr viel klüger als er. Sie bewegen sich nur anders in der Welt … .“ Es trifft sich gut, dass Marianne und Connell wieder zusammenkommen. „Reiche Leute kümmern sich umeinander, und weil er Mariannes bester Freund und mutmaßlicher Sexualpartner ist, hat Connell den Status von Reich-Zugehörig erlangt: jemand, für den Überraschungspartys geschmissen und kuschelige Jobs aus den Nichts beschafft werden.“

Die Wechselbäder der Liebe werden jedoch durchlitten. Marianne gerät in Beziehungen, die ihr nicht guttun – ein besonderer Lumpenkerl ist Jamie, und damit uns das nicht entgehen kann, war sein Vater ein Oberschurke in der Finanzkrise. Ihre masochistische Neigung hängt aber offenbar mit dem ausgesprochen fürchterlichen Elternhaus zusammen. Connells hat etwas langweilige Freundinnen. Seine Depressionen werden virulent, als sich sein alter, längst zurück- und beiseitegelassener Freund Rob im Lough Corrib das Leben nimmt. Hat die Liebe zwischen Marianne und Connell trotz der Widrigkeiten eine Chance? Diese Frage treibt die Lektüre voran, eine Elizabeth-Bennet-und-Mr-Darcy-Frage, aber auch eine Telenovela-Frage, denn sie funktioniert selbst dann, wenn der Ausgang bekannt ist.

So lebendig es in „Normale Menschen“ zugeht und so sympathisch vor allem Connell nach und nach wird, so sehr begnügt sich Rooney damit. Elizabeth Bennet und Mr Darcy? Es ist nicht falsch, mit Blick auf die angereicherte Alltäglichkeit, auf die Dialogstärke und auf eine Welt des ständigen Beobachtetwerdens an Jane Austen und Romane wie „Stolz und Vorurteil“ zu denken. Auch „Normale Menschen“ erzählt von Unfreiheiten, untragischen Unfreiheiten. Es wird gereist und gefeiert, den Sex selbst beschreibt Rooney entspannt und direkt unpeinlich. Vor allem gelingt es ihr mühelos, das Gefühl, jung zu sein – das gute, das nicht so gute Gefühl –, zu vermitteln.

Der geradezu naive Umgang mit dem in der Schule und in Teilen gerade der englischsprachigen Welt auch hinterher noch grotesk wichtigen Thema des „Beliebtseins“ ist indes ein gutes Beispiel für die Grenzen des Buches. Alles bleibt im Rahmen. Sally Rooney hat sich freilich vorgesehen und den entsprechenden Titel gewählt. An dieser Stelle darf man keine Ironie erwarten.

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