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Die Irin Sally Rooney.

Debüt

Sally Rooney: „Gespräche mit Freunden“ – „Ich erklärte ihm, ich wolle den Kapitalismus zerstören“

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Der Debütroman „Gespräche mit Freunden“ der Irin Sally Rooney spielt so sehr in der Gegenwart, dass einem schwindelig werden kann.

Manchmal hinkt die Literatur dem Leben hinterher, auch wenn das wirklich nicht die Regel ist. Der immense Erfolg von Sally Rooneys Roman „Gespräche mit Freunden“, 2017 auf Englisch erschienen, also immerhin auch schon zwei Jahre alt, könnte mit der frappierenden Gegenwärtigkeit des Buches zu tun haben, für die die Autorin den richtigen, den perfekten Ton trifft, und so häufig ist das nicht der Fall.

Mehr Jetzt ist kaum möglich, beim Lesen kann einem schwindelig davon werden, und dies obwohl eine klassisch im Imperfekt berichtende und ihrerseits nicht einmal atemlose Ich-Erzählerin uns durch die Ereignisse führt, in angelsächsisch geradliniger und unangestrengter Manier. Und obwohl die Ereignisse so jugendlich sind, dass man sich zwar irgendwie daran erinnert, aber auch in Maßen gerne. Da ist zum Beispiel diese Selbstwahrnehmung in jedem Augenblick, und trotzdem ist die Wirkung ständig gefährdet: „... ich hatte Mühe, mein Gesicht so zu kontrollieren, dass mein Sinn für Humor erkennbar war“. Diese fabelhafte Unlogik: „Ich dachte häufig, dass mir nichts Schlimmes zustoßen könnte, wenn ich wie Bobbi aussähe.“ Diese Verstrickung in Details, die später keinen Menschen mehr interessieren: „Danach überlegte ich hin und her, ob ich Bobbi erzählen sollte, dass ich Nick geküsst hatte.“ Während die Erzählerin keinen Hauch von Abstand zu alledem hat, wenngleich sie sich erwachsener fühlt als „damals“ – auch wiederum vielleicht zwei Jahre früher, da war die Erzählerin Anfang zwanzig.

Sally Rooney: Gespräche mit Freunden. Roman. A. d. Engl. v. Zoë Beck. Luchterhand, München 2019. 382 S., 20 Euro.

Sally Rooney, 1992 in Castlebar geboren, einer kleinen Stadt im Westen von Irland, erzählt von Liebe und Lebensplanungen in einer Welt, in der das 2. Jahrtausend unserer Zeitrechnung schon ein Stück in die Vergangenheit gerutscht ist. Umso präsenter ist das vermutlich erste große Erlebnis eines späten Mitglieds der Generation Y: die in Irland sich bitter und konkret niederschlagende Finanzkrise. Die Liebe, kann man sagen, ist wie sie immer war, hier steuert sie sogar auf ein melodramatisches Finale hin. Die Lebensplanung hingegen ist eigen, und hier wird es interessanter. „Ich hatte verschiedene Niedriglohnjobs in den vergangenen Sommerferien gehabt – E-Mails verschicken, Telefonacquise, solche Sachen –, und ich ging davon aus, dass es nach meinem Abschluss so weitergehen würde. ... Manchmal kam es mir so vor, als würde ich es nicht schaffen, mich für mein eigenes Leben zu interessieren, und das deprimierte mich. Andererseits fand ich, dass mein Desinteresse an Reichtum ideologisch gesund war.“

Denn anders als in Liebesdingen zeigt sich die Erzählerin an dieser Stelle abgeklärt bis ins Selbstironische. „Beim Abendessen tauschten wir ein paar Details aus unserem Leben aus. Ich erklärte ihm, dass ich den Kapitalismus zerstören wolle und dass ich Männlichkeit persönlich als unterdrückend empfand. Nick sagte mir, er sei ,grundsätzlich‘ ein Marxist, und er wolle nicht, dass ich ihn verurteilte, weil er ein Haus besaß.“ Urteile liegen Frances aber fern, auch wenn ihre Diskursfreude überbordend ist – und manchmal weiß man nicht genau, ob nur Rooney oder auch sie das Ironische an ausgestanzten Parolen erkennt. „Gespräche mit Freunden“ bleibt an diesen Stellen milde. Ausgestanzte Parolen sind nicht unbedingt falsch.

„Gespräche mit Freunden“ vibriert zudem vor Selbstironie und Subtext. Rooneys glitzernde Dialoge drehen sich permanent um das Offensichtliche und um das mitschwingende Verborgene, das eloquente Personal ist sich dessen bewusst, die Figuren sind einmal nicht dümmer als die Autorin. Ein Wort gibt das andere, der Romantitel lässt zu Recht durchblicken, dass es sich um ein schier endloses Palaver handelt, das sich noch dazu in Textnachrichten und Mails fortsetzt. Es ist sehr wichtig, Wlan zu haben. Textnachrichten und Mails sind zudem Frances’ Gedächtnis, hier geht sie mit der praktischen Suchfunktion vergangenen „Gesprächen“ nach, die Melancholie beim Lesen alter Briefe findet ihre zeitgemäße Fortsetzung.

Frances lebt in Dublin, studiert, tritt zusammen mit ihrer Freundin und zeitweisen Liebhaberin Bobbi bei Poetry Slams auf. Natürlich macht sie gerade ein Praktikum, bei einer Literaturagentur. Sagt ihr netter, nicht übereifriger Mitpraktikant zu ihr: „Reiche Arschlöcher wie wir machen unbezahlte Praktika und nehmen anderen dann die Jobs weg. Kann sein, dass das auf dich zutrifft, sagte ich. Ich werde nie einen Job annehmen.“

Bei einer Lyriknacht lernen Frances und Bobbi die arrivierte Autorin Melissa kennen, die mit dem hübschen, beruflich nicht ganz so mühelos vorankommenden Schauspieler Nick verheiratet ist. Eindeutig steht er im Schatten von Melissa, eine heute immer noch originell wirkende Konstellation, gegen die sich Sally Rooney als Nachgeborene der MeToo-Debatte durchaus auflehnt – Melissa gehört zu den vorstellbarsten, aber auch am wenigsten sympathischen Figuren im Roman –, obwohl ihre Frances eine Feministin ist. Man kommt ins Gespräch und redet und redet. Die jüngeren Frauen sind aufgeregt angesichts der prominenten Bekanntschaft. Die Übersichtlichkeit der Literaturszene in einem kleinen Land schwingt mit.

Gleich flackert auch diese Spur von Konkurrenz auf, die nicht nur unter Gockeln vorkommt. Melissa lädt die Frauen zu sich ein, wenig später geht es schon gemeinsam in die Bretagne. Es wird weiterhin geredet und geredet. Während Frances mit ihrer latenten Eifersucht gegen Bobbi und/oder Melissa befasst ist, lernt sie Nick näher kennen. „Aus dem Internet wusste ich, dass er zweiunddreißig war.“

Rooney hat ein gutes Gespür nicht nur für die Dialoge – da ist ihr Gespür sogar sehr gut, ebenso das der Übersetzerin Zoë Beck, die dem Lässigen nicht noch einen oben draufsetzt und eng an Rooneys unkompliziert lakonischem Ton bleibt –, sondern auch für Orte, Situationen, sogar das Wetter. „Gespräche mit Freunden“, dem inzwischen ein zweiter Roman gefolgt ist, war Rooneys Debüt als Romanautorin. Kein Wunder, dass Leserinnen und Leser vom Fach zitiert werden, die das allesamt kaum glauben können. Hätte man es sich etwas ungebärdiger gewünscht? Vielleicht, aber vielleicht sind die Zeiten nicht so. Da ist etwas Stromlinienförmiges, Elegantes in der Lektüre, das zu Frances passt.

Auch das ist ein Buch, bei dem man die Verfilmung schon vor sich sieht, und die Verfilmung wird es nicht besser machen.

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