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Sahra Wagenknecht Anfang November im Deutschen Bundestag.

Neuwahl zum Fraktionsvorsitz

Sahra Wagenknecht tritt zurück - Sie hinterlässt Spuren wie nur wenige sonst

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Sahra Wagenknecht tritt aus der ersten Reihe der Politik zurück. Sie hat im linken Spektrum Spuren hinterlassen wie nur wenige sonst. Zwei Bücher analysieren ihre Biografie und politische Karriere.

Man stelle sich vor, die Linke im Bundestag hätte die Neuwahl zum Fraktionsvorsitz um drei Tage vorverlegt: Es wäre genau der 30. Jahrestag des Mauerfalls gewesen. Nun findet der Einschnitt eben drei Tage später statt. Sahra Wagenknecht tritt aus der ersten Reihe der Politik zurück. Das muss und wird nicht heißen, dass sie aus der Öffentlichkeit verschwindet. Aber schon heute lässt sich bilanzieren: Sie hat im linken Spektrum dieses Landes Spuren hinterlassen wie nur wenige sonst.

Das hat mit der ungewöhnlichen Ausstrahlung, auch mit der Selbstinszenierung dieser außergewöhnlichen und heftig umstrittenen Frau zu tun. Aber vor allem liegt es daran, dass Wagenknecht ihr ganz spezielles Charisma, ihre tiefe politische, ökonomische und philosophische Bildung und ihre Fähigkeiten als Autorin immer gezielt eingesetzt hat, um die Linke – keineswegs nur die gleichnamige Partei – im Sinne einer bestimmten Weltanschauung zu prägen.

Zwei Bücher über Sahra Wagenknecht

Es lohnt sich also, der Person wie ihren ideologischen Koordinaten genauer nachzuspüren, und zwei Buchautoren haben das jetzt versucht. Sie haben das auf ganz unterschiedliche Weise getan, und sie ergänzen einander dabei nicht schlecht.

Christian Schneider, Sozialpsychologe und Publizist, versteht sich ausdrücklich als Biograf: „Sahra Wagenknecht – Die Biografie“ lautet sein Titel, und der Anspruch ist immerhin durch intensive Gespräche mit Wagenknecht selbst sowie mit Verwandten, Freunden und Weggefährtinnen gedeckt. David Goeßmann, politischer Journalist und Betreiber der Videoplattform „Kontext“ TV, hat sich dagegen auf Quellenstudium beschränkt, liefert dafür aber eine wesentlich tiefergehende Kritik der Wagenknecht’schen Ideologie. Verdienstvoll beides, auch wenn jeder der beiden Autoren sich an manchen Stellen selbst im Wege steht.

Die Wende wurde für Sahra Wagenknecht „zur traumatischen Erfahrung“

Solange es um Biografisches geht, sind sie einander noch ziemlich ähnlich. So lassen beide – um noch einmal auf den Mauerfall zurückzukommen – keinen Zweifel daran, dass die Wende „für Wagenknecht zur traumatischen Erfahrung“ wurde, wie es Goeßmann formuliert. Bei Schneider liest es sich kaum anders: „Sahra Wagenknecht ist über die Wende einfach nur verzweifelt.“ Das liegt nicht etwa daran, dass sie mit ihren damals kaum 20 Jahren eine nennenswerte Rolle im SED-Staat gespielt hätte oder auch nur eine begeisterte Parteigängerin gewesen wäre (das Philosophie-Studium war ihr wegen mangelnden Interesses „für die Belange des Kollektivs“ verweigert worden). Sondern weil sie offensichtlich glaubte, nur von diesem Staat aus eine bessere, sozialistische Welt erdenken zu können.

Christian Schneider: Sahra Wagenknecht – Die Biografie. Campus, 2019. 272 S. mit Bildteil. 22,95 Euro.

Wie wir wissen – auch das zeichnen beide Autoren nach –, ist Sahra Wagenknecht schließlich doch „angekommen“ im westlichen Kapitalismus. Nicht nur, weil sie bei Teilen der Linken (nicht nur oder nicht einmal vornehmlich in der eigenen Partei) so außerordentlich gut „ankommt“. Sondern auch, weil es ihr mit großer Disziplin gelungen ist, ihre philosophisch grundierten Ideen auf die bestehenden, kapitalistischen Verhältnisse anzuwenden und aus ihnen weiterzuentwickeln.

Wie Sahra Wagenknecht ihren Weg gegangen ist

Gekonnt beschreibt vor allem Christian Schneider, wie Wagenknecht diesen Weg gegangen ist. Ihm gelingt es, in gut lesbarem Stil teils überraschende Einblicke in ihren Werdegang zu geben, bei denen er private Entwicklungsschritte – bis hin zur Liebesbeziehung mit ihrem Geistesverwandten Oskar Lafontaine – mit der politischen Karriere und der wissenschaftlichen Denk-Arbeit geschickt verbindet. Zu verfolgen, wie Wagenknecht weit jenseits ihres Auftretens als öffentliche Person mit Disziplin und Fleiß, mit philosophischer Neugier und offenbar unerschöpflichem Lernwillen ihre polit-ökonomischen Theorie-Gebäude errichtet, ist für Freunde der Biografie durchaus bereichernd.

Was aber die Befassung mit diesen Entwicklungen auch nach ihrem Teil-Rückzug noch fruchtbarer macht, ist etwas anderes: Die Verortungen der Wagenknecht’schen Motive im politischen Koordinatensystem können dazu beitragen, die gegenwärtigen Auseinandersetzungen innerhalb der Linken besser zu verstehen.

An dieser Stelle allerdings schwächelt Biograf Schneider. Es mag sein, dass ihn die politische Standortbestimmung seines Studienobjekts weniger interessiert. Es mag auch sein, dass er in die typische Biografen-Falle getappt ist: vor lauter (notwendiger) Annäherung an eine Persönlichkeit mit der ebenso notwendigen Distanz bei deren Bewertung in Schwierigkeiten zu geraten.

Schneiders Umgang mit der Position von Wagenknecht zu wichtigen Streitfragen fällt schwach aus

So fällt Schneiders Umgang mit Wagenknechts Position zu den wichtigsten Streitfragen der Gegenwart doch eher schwächlich aus. Die Auseinandersetzung über die Migrationspolitik, auf die sich grundlegende ideologische Brüche innerhalb und außerhalb der Linkspartei derzeit fokussieren, erfasst sein Buch nicht auch nur ansatzweise. Das mag, wie gesagt, auch gar nicht das Ziel der Biografie gewesen sein. Aber es bleibt doch eine spürbare Lücke, wenn diese Kontroversen aus einer Perspektive geschildert werden, die vor allem von Empathie, ja Mitleid für Wagenknecht geprägt ist.

Ein Beispiel nur: „Es ist einmal mehr ihr klarer ökonomischer Verstand, der ihr sagt, dass die Solidarität mit den Schwachen im eigenen Land zwangsläufig in eine Spannung zu jenen tritt, die ihre Heimatländer verlassen und ihr Heil in Europa suchen“, schreibt Schneider. Ist das wirklich die reine Ausgeburt eines „ökonomischen Sachverstands“? Und wenn: Lautet die zwingende Schlussfolgerung aus der erwähnten „Spannung“, dass man im Zusammenhang mit Geflüchteten Ausdrücke wie „Gastrecht“ gebraucht?

David Goeßmann erweist sich als fundamentaler Kritiker von Sahra Wagenknecht

Schneider befasst sich mit dieser Frage allenfalls kursorisch. Und wenn, dann tauchen die Gegenpositionen in der eigenen Partei vor allem als „teils emotional stark aufgeladene Attacken“ gegen Wagenknecht auf; oder als Belege dafür, dass „das klassische Internationalismus-Paradigma“ der Linken „in diesem Kontext gegen Sahra Wagenknecht verwendet wird“. Aus Überzeugung handeln diejenigen, die Wagenknecht widersprechen, nach dieser Lesart offensichtlich nicht.

Wer sich mit dieser Sichtweise nicht begnügt, wird bei David Goeßmann fündig: Er erweist sich als nicht unfairer, aber doch fundamentaler Kritiker Wagenknechts. Der Untertitel seines Buches – „Von links bis heute“ – zieht die allgemein übliche Verortung der scheidenden Fraktionsvorsitzenden im politischen Spektrum sogar grundsätzlich in Zweifel. Aber ganz so hart kommt es dann doch nicht.

David Goeßmann: Sahra Wagenknecht – Von links bis heute. Das Neue Berlin, 2019. 192 Seiten, 12 Euro.

Goeßmann macht keinen Hehl daraus, dass seine Kritik aus einer ganz bestimmten Ecke kommt: Immer wieder zitiert er zustimmend die US-Autoren Robin Hahnel und Michael Albert sowie deren Idee der sogenannten „partizipatorischen Wirtschaft“. Dabei handelt es sich um eine Art rätedemokratisches Modell, in dem eine dezentrale Planung sowohl dem Markt als auch Systemen zentraler Planwirtschaft entgegengestellt wird.

Man muss allerdings Goeßmanns Ausgangspunkt nicht teilen, um seine Kritik an Sahra Wagenknecht zumindest stückweise nachzuvollziehen. Er entdeckt in ihrem Denken zwar durchaus positive Aspekte wie die Entmachtung, sprich: Enteignung großer Kapitalgesellschaften. Aber er arbeitet klug heraus, dass das von der Politikerin zitierte System auf einen „Sozialismus von oben“ hinauslaufen könnte – und darauf, „liberale Grundwerte und Moral ökonomischen Werten unterzuordnen“.

Lesen Sie den Kommentar zur Wagenknecht-Nachfolge: Bei der Linkspartei ist Brückenbau angesagt

Kluge ökonomische Analysen von Sahra Wagenknecht

Hier schließt sich der Kreis zum Thema Migration. Die – so nicht haltbare – Fixierung auf das globalisierte Kapitel als quasi alleinigen Verursacher der aktuellen Krisen führe fast zwangsläufig dazu, dass man „den Einfluss externer globaler Kräfte national abschirmt“. Goeßmann zitiert Wagenknecht mit den Worten, die „Anmaßung globaler Verantwortung“ sei „meist nur die schlecht kaschierte Ausrede für das Versagen, die Verhältnisse zum Vorteil der Mehrheit statt zum Vorteil der Konzerne zu gestalten“. Und er resümiert: „So kann Wagenknecht … rhetorisch eine Art linke ,Kontaktschuld‘ konstruieren, um ,globale Verantwortung‘, aufbauend auf liberalen Werten, internationaler Solidarität und dem moralischen Verursacherprinzip, in Misskredit zu bringen. Nach dem Motto: Die politischen Eliten und die Linken kümmern sich um Flüchtlinge, aber nicht um Hartz-IV-Empfänger.“

Es wäre fatal, wenn das die Hinterlassenschaft der Sahra Wagenknecht wäre, die sich in der sogenannten Mosaik-Linken am Ende durchsetzt. Es wäre auch schade um die klugen ökonomischen Analysen, die wir ihr verdanken.

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