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"Sag nicht, es ist fürs Vaterland"

Hermann Vinke porträtiert die Beziehung zwischen Sophie Scholl und ihrem Verlobten Fritz Hartnagel

Von RAPHAELA KULA

"Wenn wir's auch nicht hoffen, so freuen wir uns doch insgeheim darauf. Wir arbeiten schon über 8 Tage vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein, um alles gründlich vorzubereiten. Es macht sehr viel Spaß, wenn man mal sein Kriegsschulwissen und Friedenstheorien in die Praxis umsetzen kann", schreibt Fritz Hartnagel am 3. September 1939 in einem Brief an Sophie Scholl, unmittelbar nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen, den Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Nur zwei Tage später setzt Sophie Scholl unerschütterlich und fast sarkastisch entgegen: "Nun werdet ihr ja genug zu tun haben. Ich kann es nicht begreifen, dass nun dauernd Menschen in Lebensgefahr gebracht werden von anderen Menschen. Ich kann es nie begreifen und finde es entsetzlich. Sag nicht, es ist fürs Vaterland."

Zum Militär

Eigentlich unvereinbare Positionen stoßen da aufeinander, und doch halten Sophie Scholl und Fritz Hartnagel an ihrer zerbrechlichen Beziehungen fest. Im Verhör durch die Gestapo beschreibt Sophie Scholl das Verhältnis: "Seit acht oder neun Jahren bin ich mit Fritz Hartnagel, 26 Jahre alt, aus Ulm, bekannt? Mit Hartnagel verbindet mich seit 1937 ein Liebesverhältnis und hatten wir auch die Absicht, uns später einmal zu heiraten." Nach Kriegsausbruch gab es kaum noch die Möglichkeit direkter Treffen, Meinungsverschiedenheiten und Beziehungsfragen mussten die beiden schriftlich ausgetragen.

Für Hermann Vinkes Porträt dieser Beziehung überließ Elisabeth Scholl, die Schwester Sophies und spätere Ehefrau Fritz Hartnagels, dem Autoren die größtenteils unveröffentlichte Korrespondenz der beiden. Neben diesem aufschlussreichem Quellenmaterial konnte Vinke auf Interviews mit dem Ehepaar Hartnagel und den Söhnen zurückgreifen.

Die Entwicklung Fritz Hartnagels vom begeisterten Offiziersanwärter zum überzeugten NS-Gegner liest sich spannend. Hartnagel stammt aus einfachen familiären Verhältnissen und entscheidet sich beruflich, in der Wehrmacht die Laufbahn eines Offiziersanwärters anzutreten. Wie viele andere verbindet er mit diesem Berufsbild moralische Qualitäten wie Tapferkeit, Treue und Ehrgefühl. Statt an mörderisches Kriegsgeschäft wird er eher an eine angenehme Prise Abenteuer gedacht haben. Anstoß für seinen Gesinnungswandel, so sieht er es später auch selbst, ist die Auseinandersetzung mit Sophie Scholl. In der reibungsvollen und dann wieder so harmonischen, sehnsuchtsvollen Beziehung mit ihr kann und muss Fritz Hartnagel offen seine idealistischen Vorstellungen an dem tatsächlich Erlebten, den konkreten Eindrücken messen und reflektieren.

Hartnagel überlebt Stalingrad

Als er im Frühsommer 1940 am Westfeldzug teilnimmt, erlebt er erstmalig die Gewalt und Brutalität des Krieges: zerstörte Dörfer und Städte, Tote, ausgehungerte Kriegsgefangene. Im Sommer 1941 folgt der Ostfeldzug, persönlich erlebt Fritz Hartnagel das Leiden der Zivilbevölkerung, für die er Sympathie und Mitleid aufbringt. Er erfährt vom Morden der Einsatzgruppen und überlebt die sinnlose Belagerung von Stalingrad.

Während Fritz Hartnagel sich von der Wehrmacht und dem nationalsozialistischem Regime distanziert, bestärken seine Berichte Sophie Scholl in ihrer pazifistischen Überzeugung und motivieren sie in ihrem Beitrag zum Widerstand der Weißen Rose. Fritz Hartnagel ahnt nichts von diesen Aktivitäten. Er ist im Genesungsurlaub, als er von der Festnahme und schnellen Hinrichtung der Geschwister Scholl erfährt.

Durch die gemeinsame Trauer um Sophie entwickelt sich eine enge Verbindung zwischen deren Schwester Elisabeth Scholl und Hartnagel, die schließlich in einer Liebesbeziehung und Ehe mündet. Fritz Hartnagel, der nach dem Krieg als Richter arbeitet, bleibt bis ins hohe Alter ein politischer Mensch, der unermüdlich versucht, seiner pazifistischen Überzeugung Ausdruck zu verleihen. So engagiert er sich sofort gegen eine Remilitarisierung der Bundesrepublik, berät und unterstützt Kriegsdienstverweigerer, streitet für eine friedliche Wiedervereinigung beider deutschen Staaten. Auch zu den ersten Aktivisten der Ostermarschbewegung und der späteren Friedensbewegung gehörte die Familie Hartnagel. Für seine Teilnahme an der Blockade in Mutlangen wurde Fritz Hartnagel 1986 wegen Nötigung zu 20 Tagessätzen á 40 Mark verurteilt.

Hermann Vinke bietet kein Heldenepos, sondern ermöglicht Einblicke in die Entwicklung von Menschen, die in die NS-Gesellschaft integriert waren, zu willensstarken Persönlichkeiten, die fähig sind, Brüche zu wagen und Konsequenzen zu ziehen. Ein anregender, gut lesbarer Band, der die Auseinandersetzung um die Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose" bereichert.

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