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Safiye Can „Poesie und Pandemie“: Verpasste Chancen

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Von: Björn Hayer

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Safiye Can. Foto: Jaques Fleury-Sintès
Safiye Can. © © Jaques Fleury-Sintès

Aus dem Jahr der Einsamkeit: Safiye Cans Pandemie-Gedichte finden keine adäquate Form.

Eigentlich – dieses undankbare Wort! – beherrscht sie ihn, den wahrhaftigen und unverwechselbaren Ton, der Dichtung zum Schwingen bringen kann. Zuletzt stellte sie ihr Können in „Rose und Nachtigall“ (2020) unter Beweis und schrieb virtuose Verse über das Suchen und Finden eines Du. Und nun? Wenn man nicht wüsste, dass „Poesie und Pandemie“ aus der Feder Safiye Cans stammt, würde man es nicht für möglich halten.

Ein Sammelsurium aus Phrasen und Allgemeinplätzen legt sie vor, geprägt von den Lockdown-Erfahrungen. Während ein Wir chronikartig über die Lernprozesse im Schatten der Virusausbreitung berichtet – vom guten Händewaschen bis zur Wertschätzung des Personals im Gesundheitswesen –, bedient es sich reichlich der Glückskeks-Poesie. Sätze wie „Wir haben in diesem Jahr gelernt / (...) dass der Mensch den Menschen braucht“ gesellen sich zu Sprichwörtern – „Du erntest, was du säst“ – oder Appellen: „Sei mutig / verträumt, emphatisch / der Weg ist das Ziel“.

Das Buch:

Safiye Can: Poesie und Pandemie. Wallstein, Göttingen 2021. 98 Seiten, 18 Euro.

Sexismus wird gegeißelt

Wozu bedarf es aber der Kühnheit? Wie die Struktur des Bandes, der neben den Corona-Gedichten Collagen und Antworttexte auf historische Autorinnen und Autoren beinhaltet, offenbart, legt Can den Begriff der Pandemie weit aus. Er erstreckt sich nicht nur auf Virusinfektionen, sondern ebenso auf demokratiefeindliche Einstellungen. Ein gemeinsam mit Social-Media-Nutzerinnen und -Nutzern entstandener Text geißelt etwa den alltäglichen Sexismus. An anderer Stelle wird die Klage über wieder erstarkenden Nationalismus vernehmbar.

Sowohl die Vielfalt der politischen Anliegen als auch der Textarten zeugt von einer Pluralität, in der die utopische Sehnsucht nach einer bunten Menschheitsgesellschaft zum Ausdruck kommt. Da sich diese, forciert in der Wendung „Wir sind eins / wir gehören zusammen“, sprachlich nicht einlöst, mutet die Rhetorik allerdings ungewollt naiv an. Einzig in ihrer Königsdisziplin, der Liebeslyrik, weiß die 1977 in Offenbach als Kind tscherkessischer Eltern geborene Autorin zu überzeugen. Diesmal schreibt sie vor allem von der verpassten oder vergangenen Liaison d’amour. Abstandsgebot und Begegnungsverbot im zurückliegenden Jahr zeigen den Geliebten in Wien oder Düsseldorf stets als abwesend. Besonders berührend die Miniatur „Nanatee“ – ein Abgesang, der das Verlorene einer einstigen Beziehung feiert. „Insgesamt betrachtet / haben wir viel zu wenig getanzt“, erfahren wir. Oder: „Wir haben uns zu wenig geküsst / auf den Straßen“. Am Ende bleibt allein die lakonische Botschaft: „Wir werden es nie nachholen.“

Mehr davon hätte man sich gewünscht. Mehr von dieser Nachdenklichkeit, mehr von diesem persönlichen, zarten Sound. Wo er in „Poesie und Pandemie“ schwindet, greift bemüht das Politische um sich. Dichtung driftet in plakative Setzungen oder bisweilen Parolen gegen „Querdenker“ und Profiteure der Krise ab. Aber nach dem Buch ist vor dem Buch. Die nächste Chance kommt.

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