Deutsche Literatur

Saddam in Friesland

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Gerhard Henschel setzt mit "Erfolgsroman" seine Martin-Schlosser-Chronik fort. Der Weg führt natürlich auch nach Berlin.

Am Ende des 600 Seiten umfassenden Romans feiert dessen Ich-Erzähler Martin Schlosser seinen 30. Geburtstag. Er zieht ein buntes Blumenhemd an, und Wiglaf Droste und Carola Rönneburg, die gemeinsam zur Feier des Tages erschienen sind, haben eine Plastiktorte mitgebracht, die auf Knopfdruck „Happy Birthday“ singt. „Zahlen Sie jetzt eigentlich Steuern?“ fragt der Schriftsteller Michael Rutschky, weniger als pflichtbewusster Staatsbürger, sondern eher als besorgter Mentor, der nicht erleben möchte, dass die zarte Karriere seines Schützlings im finanziellen Desaster endet.

Das Buch heißt „Erfolgsroman“ und setzt die Reihe der inzwischen auf acht Bände angewachsenen Martin-Schlosser-Romane fort, in denen Gerhard Henschel entlang seiner eigenen Biografie eine schonungslose Chronik der späten Bundesrepublik abbildet. Die Wiedervereinigung hat stattgefunden und Deutschland ist gerade Fußball-Weltmeister geworden, aber in der norddeutschen Provinz, wo Schlosser im friesischen Heidmühle lebt, die Oma in Jever besucht und den immer sonderlicher werdenden verwitweten Vater in Meppen versorgt, ist von den politischen Umbrüchen so gut wie nichts zu spüren. Martin Schlosser nimmt das meiste über die Medien wahr.

„Erfolgsroman“ kann man als mitlaufende Beobachtung lesen, in der Martin Schlosser das Zeitgeschehen registriert und es seiner Begabung zur Stilkritik unterwirft. Der irakische Diktator Saddam Hussein kommt darin ebenso vor wie die Fernsehshow „Mann-o-Mann“ mit dem Moderator Peer Augustinski, zu der Schlosser nicht unerwähnt lassen mag, dass man derlei alberne Ausgeburten des Privatfernsehens der „geistig-moralischen Wende“ zu verdanken habe, die Helmut Kohl zu Beginn seiner langen Kanzlerschaft ausgerufen hatte.

Besonders hat es Schlosser auf jene Spezies der veröffentlichten Meinung abgesehen, für deren Hervorbringungen die „Merkur“-Herausgeber Kurt Scheel und Karl-Heinz Bohrer den Begriff des Gutmenschen geprägt haben, um dessen moralische Selbstgefälligkeit zu karikieren. Martin Schlosser übernimmt das Geschäft, indem er Texte von Horst-Eberhard Richter oder das Auftreten von Pastor Friedrich Schorlemmer lustvoll seziert.

„Erfolgsroman“ handelt natürlich nicht von Ruhm und materiellem Überfluss. Vielmehr wird in ihm vom Alltag eines Autors berichtet, dessen Profil durch die Wahrnehmung der sich ihm bietenden Publikationsmöglichkeiten allmählich entsteht. Schlosser ist ständig klamm, aber mit stolzem Eigensinn ausgestattet und über weite Passagen des Romans damit befasst, in den Redaktionen, für die er schreibt, die Zahlung der vereinbarten Honorare anzumahnen. Und entgegen der traumwandlerischen Arglosigkeit, die er ausstrahlt, ist Schlosser ein penibler Rechner, der die Ausstände genau nachzuhalten weiß. Wie Gerhard Henschel zu dieser Zeit schreibt Martin Schlosser für die Satirezeitschrift „Kowalski“, aber auch für die in der Schweiz erscheinende, von Michael Rutschky herausgegebene Vierteljahreszeitschrift „Der Alltag“.

Rutschky ist es auch, der Schlosser an das ehrwürdige Intellektuellen-Blatt „Merkur“ vermittelt, das von Karl-Heinz Bohrer und Kurt Scheel in München herausgegeben wird. Martin Schlosser zitiert Briefe und referiert Telefonanrufe mit Redakteuren, er erhält Aufträge, Ratschläge und Absagen, und der Leser wird auf diese Art gewahr, in welcher gediegenen Bedächtigkeit sich der damalige Zeitschriften-Journalismus vollzog. Martin Schlosser ist ein genauer Beobachter mit einer Neigung zu philologischer Pedanterie, aber seine ersten Erfolge feiert er mit scharfzüngigen Zuspitzungen zur Lage. Die rheinland-pfälzische Stadt Vallendar, in der Henschel aufgewachsen ist, ist vor seinen literarischen Beutezügen nicht sicher. Für „Kowalski“ schreibt er eine Provinzreportage, die die lokale Öffentlichkeit vorübergehend in helle Aufregung versetzt.

„Erfolgsroman“ ist keine Heldengeschichte, vielmehr erteilt Schlosser auch Auskünfte über das eitel-zwanghafte Bedürfnis, im Inhaltsverzeichnis der Zeitschrift „Merkur“ zu überprüfen, ob er es wieder geschafft hat, der jüngste Autor der aktuellen Ausgabe zu sein. Die wechselnden Stimmungen teilen sich über immer wieder eingestreute Bob-Dylan-Zitate mit.

Im Verlauf des Romans zieht Martin Schlosser nach Berlin, Katharina und Michael Rutschky geben Starthilfe, indem sie den jungen Autor während dessen Wohnungssuche bei sich aufnehmen. So gesehen ist „Erfolgsroman“ auch ein Sittenbild der Berliner Bohème zu Beginn der 90er Jahre, in der Max Goldt, Wiglaf Droste, der Verleger Klaus Bittermann und der Satiriker Eugen Egner reüssieren.

Über ein Preisausschreiben in „Kowalski“, zu dessen Beantwortung es keine richtige Antwort geben kann, lernt Martin Schlosser Kathrin Passig kennen, „Erfolgsroman“ ist also auch das Porträt einer Schriftstellerin als junge Frau. Aus der kurzen Beziehung wird eine lange Freundschaft. Es wäre aber ein Missverständnis, die Schlosser-Bücher als Schlüsselromane zu lesen. Gerhard Henschel führt vielmehr vor, wie aus den etwas zwanghaften Eigenschaften, alles aufheben zu müssen und nichts vergessen zu können, ein literarisches Ordnungsprinzip entsteht, dessen Reiz als gelebte Alltagsgeschichte man sich kaum entziehen kann. Es ist die Chronik einer Zeit, die trotz aller im Umlauf befindlichen apokalyptischen Fantasien von der erstaunlichen Haltung geprägt war, dass schon alles irgendwie gut gehen wird.

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