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Ein Sack voll Dinare

Ashti Marben über die Attraktion Saddam Hussein

Von Yvonne Holl

Ashti ist verknallt. Wenn sie ihren Schwarm im Fernsehen sieht, kriegt sie feuchte Hände. Vor dem Einschlafen gilt ihr letzter Gedanke ihm und nach dem Aufwachen hat sie als Erstes sein Bild vor Augen. Er ist der schönste Mann, den sie je gesehen hat. Sie liebt seine "samtenen Augen". Ganz normale Empfindungen für einen Teenager, für eine Zwölfjährige, die von einem Popstar schwärmt. Doch Ashti Marben geht in kein Konzert, um ihrem Angebeteten nahe zu sein, sondern wird zu diesem Zweck Parteimitglied. Der Mann, der ihr Kinderherz erobert hat, ist Staatsmann - auch wenn er sich wie ein Popstar feiern lässt: Saddam Hussein heißt Ashtis Schwarm, damals Vizepräsident Iraks und seit diesem Frühjahr von den USA und ihren Verbündeten entthronter Ex-Diktator des Ölstaates.

Zum Symbol für den Triumph über Saddam wurde eine riesige Statue des Diktators. Ihr Fall bebilderte im April dieses Jahres die Nachricht, dass die Hauptstadt Bagdad eingenommen ist. Während seiner Herrschaft blickte Saddam überdimensioniert und tausendfach von Plakaten auf sein Volk. Diese Bilder waren auch im Ausland bekannt als Zeichen des gigantischen Personenkults. Doch wie viel dieser Glorifizierung des Diktators war reine Inszenierung, und wie weit ging die Unterstützung des Volkes wirklich?

Im Schatten des Diktators. Mein Leben im Irak ist das Buch einer Frau, die über Jahre fasziniert war von Saddam Hussein und sich schließlich entsetzt von ihm abwandte. 1996 flüchtete die heute 38-jährige Marben ins deutsche Exil. Teils hasserfüllt schreibt sie über den einstigen Regenten ihrer Heimat. Und doch ist es die gleiche Ashti Marben, die regelrecht verliebt in Saddam war und deren kindliche Schwärmerei in echtes Engagement für seine Baath-Partei umschlug. Ihr Buch ist neben der persönlichen Lebensgeschichte der Versuch, das Faszinosum Saddam zu beschreiben; für Nicht-Iraker verständlich zu machen, was sich zeitweise große Teile seines Volkes von ihm erhofften. Das gelingt ihr aber lediglich ansatzweise.

Saddams Siegeszug in die Machtzentren Bagdads und die Herzen vieler Iraker begann 1972. Am 1. Juni verstaatlichte Vizepräsident Saddam Hussein die Iraq Petroleum Company, die BP, Shell, Esso, Mobil und der Compagnie Francaise des Pétroles gehört hatte. Bis dahin hatte der irakische Staat nur einige Prozente aus den gesamten Öleinnahmen erhalten. "Von heute auf morgen bekamen wir alles und das bedeutete einen unermesslichen Reichtum", schreibt Marben. Sie war damals sieben Jahre alt und lebte mit Eltern, Geschwistern und der ganzen Großfamilie in der nordirakischen Stadt Koi. Eine Christenfamilie im kurdisch dominierten Norden.

Die "Abermilliarden", die laut der heutigen Lehrerin und Buchautorin damals in die Staatskasse geflossen sein müssen, konnte sich das Kind Ashti nicht vorstellen. Die Schwester erklärte ihr: "Es ist doch ganz einfach, ab sofort gibt es für jeden Dinar einen ganzen Sack voll Dinare." Auch wenn nicht alle Wünsche in Erfüllung gingen, wurden tatsächlich etliche Iraker wohlhabend. Andere konnten sich immerhin den ersehnten Kühlschrank kaufen, ein Stück Land, ein Haus oder eine Schafherde.

Saddam war damals 35 Jahre alt und lediglich Vize unter Präsident Hassan al-Bakr. Und doch wurde der Jubel über die Verstaatlichung des Öls vor allem ihm zuteil. "Der Vizepräsident Saddam-Hussein, Gott möge ihn beschützen. Überall wurde sein Lob gesungen, als habe er ganz allein dieses Wunder vollbracht", schreibt Marben. Über al-Bakr urteilte sie damals verächtlich: "Er hat nichts von einem Zauberer an sich, ist überhaupt nicht charmant." Vielmehr sei er "nur ein kleiner alter Mann mit Glatze". Nicht zu vergleichen mit Saddam: "Er sieht stark aus, unbesiegbar, er ist der größte und schönste Mann, den ich je in meinen Leben gesehen habe."

Ashti bewahrt sich ihre Schwärmerei über Jahre. Alles, was dem Volk zu Gute kommt, führt sie direkt auf Saddam zurück. Sie scheint das ideale Zielobjekt der Propagandisten und Ideologen in Bagdad zu sein, nimmt sie doch jeden Schul- oder Krankenhausbesuch des Politikers als Beleg, dass er das Volk wirklich liebt. Auch bei den Erwachsenen kommen solche Inszenierungen gut an. Einmal sind die Frauen der Familie beim großen Hausputz und hören Hubschraubergeräusche. Sie glauben, Saddam wolle sie besuchen und geraten in Panik, weil das Haus gerade so ungastlich aussieht.

Der Hubschrauber transportiert aber nicht Saddam; und langsam flaut bei den Familienmitgliedern die Begeisterung für den Vize, der 1979 Präsident wird, ab. Das hängt mit den kurdischen Nachbarn zusammen, vor denen sich Familie Marben nicht zu regierungstreu zeigen will, um nicht zum Außenseiter zu werden. Es gibt aber auch echte Kritiker. So hält ein Onkel, der Lehrer ist, Ashti vor, dass an seiner Schule nur Direktor werden kann, wer in Saddams Baath-Partei ist. "Daran kann ich nichts Schlechtes finden", antwortet die etwa Zwölfjährige. Im gleichen Jahr tritt sie der Baath-Partei bei und beginnt, sich in der Frauen-Union zu engagieren.

Marbens Buch ist sprachlich nicht immer gelungen, oft sind die gewählten Worte unpräzise, Zeitsprünge und Grammatikfehler en masse machen das Lesen zudem manchmal schwer. Wirklich störend ist jedoch die Diskrepanz in der Beschreibung der Person Ashti Marben. Einerseits wird sie als aufgeweckt und ungeheuer mutig geschildert. Ein junges Mädchen, noch ein Kind, das für die Regierung in kurdische Bergdörfer fährt, um Decken und Medikamente zu verteilen, das sich männlichen Familienangehörigen und Parteimitgliedern widersetzt. Das die Baath-Partei, die "Erneuerungspartei", gut findet, weil sie für ein moderneres Frauenbild steht und dem weiblichen Geschlecht mehr Eigenständigkeit gestattet. Dann wieder beschreibt Marben, dass sie nur der Partei beitrat, weil sie eine Audienz bei Saddam haben wollte. Und wie sie über Jahre alle Artikel über den Diktator per Hand abschrieb. Es sind zwei Ashtis, die Marben darstellt - und die sie nicht in einem Bild zusammen bekommt. Dadurch verliert die Geschichte an Glaubwürdigkeit.

Auch den Prozess der Entfernung von Saddam schildert sie lediglich bruchstückhaft. Klar wird, dass der Einmarsch irakischer Truppen in Kuwait 1990 und die folgenden Kriegsjahre das Bild vom Hoffnungsträger Saddam Hussein, der für eine bessere Zukunft stand, in der das irakische Volk in Frieden und Wohlstand leben sollte, zerstört haben. Dem konnte sich auch Marben nicht verschließen: "In meinem Herzen gab es nicht mehr einen Saddam, sondern eine ganze Reihe von Saddams, die nebeneinander existierten und nicht in Einklang zu bringen waren."

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