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Die Sache mit dem Nummernkonto

In seiner Familiengeschichte der Flicks weiß Thomas Ramge nichts wirklich Neues zu berichten

Von RUDOLF WALTHER

Wenige Familiengeschichten sind so verwoben mit der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts wie diejenige der Flicks. Zuletzt sorgte das Vorhaben des Flick-Erben Friedrich Christian, seine über 2000 Werke umfassende Kunstsammlung für sieben Jahre nach Berlin auszuleihen, für eine scharfe Auseinandersetzung. Salomon Korn und Michael Fürst vom Zentralrat der Juden forderten vergeblich, das Ausstellungsprojekt zurückzuziehen, weil die Sammlung mit "Blutgeld" (Korn) zusammengetragen worden sei. Später erhielten sie Unterstützung von der Flick-Erbin Dagmar Ottmann, die sich von der Ausstellung ihres Bruders distanzierte. Doch Thomas Ramge streift in seinem Buch diesen Konflikt nur und konzentriert sich auf die Analyse des Zusammenspiels von Geld, Macht und Politik anhand der Geschichte des Großindustriellen Friedrich Flick, seinen beiden Söhnen und seinen Enkeln.

Friedrich Flick wurde 1883 als Sohn eines Bauern und Holzhändlers in bescheidene Verhältnisse hineingeboren. Nach einer kaufmännischen Lehre in der Eisenindustrie besuchte er die Handelshochschule Köln und wurde mit 24 Jahren Prokurist, fünf Jahre später Direktor eines Betriebs. Der Erste Weltkrieg bescherte den Kohle-, Eisen- und Stahlbaronen sagenhafte Umsätze und Gewinne. 1916 schüttete Thyssen 24 Prozent Dividende aus, während große Teile der deutschen Bevölkerung im "Rübenwinter" 1916/17 an Hunger litten. Flick stieg in die Schrott-Verwertung ein, womit er den Grundstein legte für seinen Konzern. Die Inflationszeit überstand er glücklich, aus der Krise nach dem Börsenkrach half ihm 1932 die Reichsregierung unter Heinrich Brüning heraus: Das Reich kaufte Flick für 99 Millionen Reichsmark ein Aktienpaket ab, das an der Börse 25 Millionen wert war.

Zu den Nationalsozialisten unterhielt Flick enge Beziehungen. Er war Parteimitglied seit 1937 und bekam für seine Firma 1942 das Prädikat "Rüstungsmusterbetrieb". 1944 beschäftigte Flick in 132 Betrieben 120 000 Arbeiter und Angestellte. Ramge sagt zu Flicks Erfolg: "Je totaler der Krieg wurde, desto größer wurden Flicks Profite." Dieser beschäftige Tausende von Zwangsarbeitern und beteiligte sich an der so genannten Arisierung, das heißt Enteignung jüdischer Unternehmen. Am Kriegsende verfügte er über ein Vermögen von zwei bis drei Milliarden Reichsmark.

Derselbe Deal noch mal

Am 22. Dezember 1947 verurteilte ihn das Nürnberger Kriegsverbrechertribunal zu sieben Jahren Haft. Nach seiner Entlassung am 25. August 1950 konnten ihm seine Treuhänder Hermann Josef Abs und Robert Pferdmenges ein Viertel seines Vermögens übergeben. Die restlichen drei Viertel lagen in der DDR oder in Polen und waren verloren. 1954 wiederholte er einen Deal mit dem Staat wie 1932. Dieses Mal waren es der französische und der bayerische Staat, denen er Zechen und Hütten für 250 Millionen Mark - zu einem dreifach überhöhten Preis - verkaufte. Mit diesem Geld baute er den Konzern um und investierte in die chemische und in die Rüstungs- und Autoindustrie.

1957 stiegen seine Söhne Otto-Ernst und Friedrich-Karl ins Geschäft ein. Mit Otto-Ernst überwarf er sich bald, was zu einem jahrelangen Prozess führte. An der Erbschaftssteuer vorbei wurden Otto-Ernst und dessen drei Kinder mit insgesamt 182 Millionen Mark abgefunden. Faktisch war der andere Sohn - Friedrich-Karl - nach dem Tod des Firmengründers Alleinherrscher im Konzern, obwohl die Söhne seines Bruders 1971 in die Firma aufgenommen worden waren. Schon nach drei Jahren verließen jedoch Gert-Rudolf und Friedrich-Christian Flick mit je 150 Millionen Abfindung den Konzern. Beide Enkel beschäftigen sich seither mit der Verwaltung ihres Vermögens und profilieren sich als Kunstsammler und Kunstmäzene.

Der nominelle Konzernchef Friedrich-Karl Flick zeigte an der unternehmerischen Tätigkeit weniger Interesse als am Bergsteigen, Jagen, Segeln und Skifahren sowie an ausgedehnten Gelagen mit der Münchener Halbwelt. Den Konzern, beziehungsweise das, was von ihm übrig geblieben war nach dem Verkauf der Daimler-Benz-Aktien an die Deutsche Bank, leitete faktisch sein Schulfreund Eberhard von Brauchitsch. Für den Erlös aus dem Aktienverkauf erwirkte Brauchitsch bei der sozial-liberalen Regierung eine Steuerbefreiung. Die dafür notwendige "Landschaftpflege", das heißt illegale Finanzierung von Politikern und Parteien, löste den Flick-Skandal aus.

Der Steuerfahnder, der den illegalen Praktiken, in die alle Parteien verwickelt waren, auf die Spur kam, sollte von der nordrhein-westfälischen SPD-Landesregierung strafversetzt werden, was jedoch ein mutiger Generalstaatsanwalt zu verhindern wusste. Der Stein kam ins Rollen, als man entdeckte, dass ein Kloster bei Bonn innerhalb von zehn Jahren zehn Millionen Mark Spenden von Flick erhalten hatte. Nach langwierigen Recherchen und dem Geständnis eines frommen Paters stellte sich heraus, wie die Geldwäsche funktionierte: Der Pater brachte die zehn Millionen Mark in die Schweiz und zahlte sie auf ein Nummernkonto ein. Zwei Millionen davon transferierte er in bar zurück ins Kloster. Die übrigen acht Millionen lieferte er ebenfalls in bar bei Flick ab. Mit der abzugsfähigen Zehn-Millionen-Spende sparte Flick fünf Millionen Steuern.

Zusammen mit den acht zurückgeflossen Millionen vermehrte sich die "Spende" also auf dreizehn Millionen. Mit diesem Geld pflegten von Brauchitsch und seine Leute die Bonner Parteienlandschaft. Insgesamt flossen zwischen 1969 und 1980 25 Millionen Flick Gelder an alle Parteien außer den Grünen. Einzig Otto Graf Lambsdorff und Hans Friderichs (beide FDP) wurden zu Geldbußen verurteilt. Rainer Barzel (CDU) musste zurücktreten, weil er bei Flick einen "Beratervertrag" über 1,7 Millionen Mark erhalten hatte. Eberhard von Brauchitsch bekam zusätzlich zur Geldbuße zwei Jahre Gefängnis auf Bewährung.

Ende der Nachforschungen

Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss beschäftigte sich mit dem Spendensumpf. Im März 1985 beschlossen jedoch CDU/CSU, SPD und FDP einvernehmlich, die Nachforschungen einzustellen. 1985 kaufte die Deutsche Bank den Restkonzern auf. Die Enkel erbten nochmals 225 Millionen Mark, und dem Sohn Friedrich-Karl blieben 3,5 Milliarden für seinen Ruhestand.

Der Versuch Ramges ist respektabel, aber seine Synthese ist keine quellennahe Studie. Eine kritische Untersuchung der Abgründe der Familiengeschichte der Flicks steht allerdings in Aussicht. Die Flick-Enkelin Dagmar Ottman hat den Historiker Norbert Frei damit beauftragt, alle deutschen und osteuropäischen Archive auszuwerten (das Firmenarchiv bleibt freilich gesperrt). Ramges Buch genügt kritischen Ansprüchen nicht, denn er referiert im wesentlichen, was Historiker und Journalisten zusammengetragen haben.

Vor allem aber ist das Buch passagenweise nicht frei von apologetischen Zügen. Den wirtschaftskritischen Autor Bernt Engelmann, der die Familiengeschichte der Flicks schon 1968 und 1975 darstellte, bezeichnet Ramge abwertend als "Boulevardjounalist". Trotz aller Schwächen, die Engelmanns Arbeit aufweist, muss man einräumen, dass ihm keine Geschmacklosigkeiten und Verharmlosungen unterlaufen sind wie diejenige, die Flicks hätten ihren Reichtum "hart erarbeitet". Kritische Nachfragen an den Erben und Sammler Friedrich Christian Flick, der sich - im Gegensatz zu seiner Schwester Dagmar - weigerte, Geld in den Zwangsarbeiterfonds einzuzahlen, tut Ramge jedoch als "altlinken Populismus" ab. Die Fragen, die die Präsentation der "Friedrich Christina Flick Collection" aufwirft, sind auch nicht mit dem Hinweis, "Künstler schaffen Kunst, um sie zu zeigen", vom Tisch zu fegen.

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