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Dea Loher, Nummer 41, schraubt. Im Fenster des Hauses An der Oberpforte sitzt ihre Vorgängerin Angelika Klüssendorf.
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Dea Loher, Nummer 41, schraubt. Im Fenster des Hauses An der Oberpforte sitzt ihre Vorgängerin Angelika Klüssendorf.

Stadtschreiberin Bergen

Sachdienliche Hinweise

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Bergens neue Stadtschreiberin Dea Loher tritt gut vorbereitet ihr Amt an: Jedenfalls bittet sie die Bevölkerung schon mal um eine Recherche.

Die scheidende Stadtschreiberin Angelika Klüssendorf, Jahrgang 1958, erzählte zum Abschied einmal mehr von ihrem Vater – wie er als Flaneur in Bergen-Enkheim unterwegs gewesen sei, wie er im Stadtschreiberhäuschen „Hof gehalten“ habe, wie er zu allen ihren Vorgängern etwas zu sagen gehabt habe. Eine leichte Entspannung scheint im vergangenen Jahr eingesetzt zu haben in dieser problematischen Vater-Tochter-Beziehung; nur ein Hauch von Bitterkeit, eher von distanzierter Ironie, liegt noch über den Schilderungen Klüssendorfs. Eine feine Komik auch, wenn Dackel Hugo vom Vater beinah „als georgischer Perser in einer Katzenausstellung“ untergebracht wird. Längst nicht immer weiß man übrigens bei Klüssendorf, wo reale Ereignisse nahtlos in erzählerische Fantasie-Schleifen übergehen.

Dea Lohers Antrittsrede war am Freitagabend im Festzelt auf dem Berger Marktplatz von anderer, von bodenständigerer Art. Loher, Jahrgang 1964 und bisher vor allem als Dramatikerin bekannt, wurde schon vor Antritt ihres Stadtschreiberamts zu einer Reise inspiriert. Das Haus für sie allein mit der Anschrift An der Oberpforte 4 führte sie zu einem erneuten Lesen von Virginia Woolfs „A Room of One’s Own“ und zum Wunsch, sich im englischen Sussex die Häuser Woolfs – Monk’s House – und von deren Schwester Vanessa Bell – Charleston Farmhouse, ein paar Meilen entfernt – anzusehen.

In die Frankfurter Berge?

Eine Streuobstwiese fand sie bei Monk’s House, und nahm es als Zeichen für Bergen-Enkheim. Aber im Charleston Farmhouse, das heute ein kleines Museum zur Bloomsbury Group ist, erhielt sie einen Hinweis auf eine gewisse Molly Bowman, die, so verstand sie zuerst, mit einem Schneider in die „Frankfurter Berge“ gezogen sei. Welche Berge? Es müsse, so schloss Dea Loher, Frankfurt-Bergen gemeint gewesen sein. Wer also sachdienliche Hinweise habe auf Molly Bowman und ihren Schneider, der möge sie am 18. September ab 19 Uhr in der Alten Post treffen. – Da applaudierten die Festzelt-Besucher stürmisch und schlossen ihre neue Stadtschreiberin – auch wieder ihre neue Stadtschreiberin, muss man sagen – sogleich ins Herz.

Dea Loher ist die 41. in diesem Amt, das eine schöne und große Tradition hat mit Stadtschreibern wie Peter Härtling, Jurek Becker, Robert Gernhardt, Herta Müller, Katja Lange-Müller, Emine Sevgi-Özdamar, Marcel Beyer. Gute Tradition hat das Anschrauben der Namensplakette am Stadtschreiberhäuschen, eine bessere noch die gar nicht steife Festzelt-Biertisch-Atmosphäre, in der unter anderem ein großer goldener Schlüssel überreicht wird.

In dieser war auch Willi Winklers, er ist Journalist bei der „Süddeutschen Zeitung“, Festrede zu überstehen. Winkler schien dem Vorjahresredner Jean Ziegler nacheifern zu wollen, der mit kräftigen Worten unter anderem daran erinnert hatte, wie viele Menschen jeden Tag verhungern. Doch mäanderte Winkler wirr und bisweilen nuschelnd von Mutlangen und Roman Herzog über Helmut Schmidt und China zu Thilo Sarrazin, Ronald Schill (oh ja, den gibt es offenbar noch), zu Franz Josef Strauß und dem „Spiegel“ – und vor allem immer wieder zur „Bild“. Das ZDF verlegte er dabei nach Wiesbaden; allerdings war vielleicht auch nur der entscheidende, von Wiesbaden nach Mainz führende Halbsatz nicht zu hören. So oder so war am Ende nicht auszumachen, was Willi Winkler hatte mitteilen wollen.

Ein Festredner-Missgriff, den die alte und die neue Stadtschreiberin mit ihrem je anderen Charme und Witz ausbügelten. Sowieso ist man gespannt, ob Dea Loher bald „sachdienliche Hinweise“ erhalten wird.

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