Plastik aus dem Meer: riesiges Müll-Walbild, gestaltet bei einer Aktion bei Nantong in China, 2019.
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Plastik aus dem Meer: riesiges Müll-Walbild, gestaltet bei einer Aktion bei Nantong in China, 2019.

Odyssee

Sabine Scholl: „O.“ – Bezauberndes Rülpsen der Seeanemone

  • vonKatrin Hillgruber
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Sabine Scholls feministische „Odyssee“-Travestie „O.“.

Zwischen 700 und 800 v. Chr. muss der attische Dichter Homeros das Versepos „Odysssee“ geschrieben haben. Seitdem hat die Sage von der Heimkehr des Königs Odysseus von Ithaka aus dem Trojanischen Krieg die literarische Nachwelt angeregt – so James Joyce zu seinem Jahrhundertroman „Ulysses“.

Nun wagt sich – nach Margaret Atwood und ihrer „Penelopiade“ – die 1959 im oberösterreichischen Grieskirchen geborene Schriftstellerin Sabine Scholl an eine Neuerzählung der Heldensage aus weiblicher Sicht. Dabei reduziert sie Odysseus auf die geschlechtsneutrale Initiale „O.“, ähnlich also wie Heinrich von Kleist seine Marquise.

Ein weinrotes Meer und kurzbeinige Ziegen sind die ersten Impressionen, die O. bei ihrer Ankunft auf einer unbekannten Insel wahrnimmt. Sie ist im Reich der schönen Calypos (es heißt ausdrücklich nicht „Kalypso“) gelandet, die sie bewirtet, verführt und dann nicht mehr gehenlassen will. Eines Nachts schleicht sich O. schließlich doch davon. Angezogen von leuchtenden Handy-Bildschirmen, trifft sie auf geflüchtete Frauen, die von einer Schlepperorganisation um ihr Geld betrogen wurden. Besonders die junge Salma beeindruckt O. Gemeinsam beschließen sie weiterzuziehen. Dafür müssen sie sich, umgeben von Plastikmüll, erst das nötige Basiswissen aneignen: „Ozeane übte mit O. und den anderen das Atmen, das Eintauchen, das Untertauchen, das Anhalten der Luft und das Wiederauftauchen. (…) Schließlich wagten sie unter der Führung Ozeanes, den Halt ihrer Balken aufzugeben und Etappe für Etappe den Bereich der Plastikinsel zu verlassen.“

Das Buch

Sabine Scholl: O. Roman. Secession Verlag, Zürich / Berlin 2020. 300 Seiten, 22 Euro.

Die Schriftstellerin Dubravka Ugrešic prägte den Begriff der „patchwork-story“, auf den sich Sabine Scholl häufig bezieht. So spricht sie in ihren „ABCD“ betitelten poetologischen Notizen vom „Nähen als Metapher: die subversive Überarbeitung von vorgegebenen Mustern, aus der eine weitere Lesart der Geschichte sichtbar werden soll.“ Mit „O.“ hat sie eine dezidiert weibliche Version der „Odyssee“ geschneidert. Das Buch ist ausdrücklich der Littérature engagée zuzurechnen. Eines der Motti stammt von der Kapitänin Carola Rackete, die im Sommer 2019 gegen den Widerstand der italienischen Behörden libysche Flüchtlinge gerettet hatte. Sabine Scholl zitiert Rackete mit dem Satz: „Entweder man hofft – oder man macht was.“

Die Autorin allerdings hat sich allzu viel vorgenommen: Sie thematisiert die Flüchtlingsproblematik, die Verschmutzung der Umwelt, insbesondere der Meere, und persifliert männliches Machtstreben und Imponiergehabe. Das kann platt werden, wenn sie Homers einäugigen Riesen, den Zyklopen, mit einem amtierenden Staatsmann vergleicht: „Er sah aus wie der Trampler. (…) Die Zunge seiner langen, roten Krawatte leckte über seinen Schritt. Das nach vorn gekämmte blonde Haar war mit Spray in Form gebracht. Er brüllte und nahm hässliche Worte in den Mund. Die Ähnlichkeit mit dem Höhlenmonstrum war unübersehbar. ‚Niemand kommt hier rein! Einwanderer sind verboten! Meine Wahrheit gilt! Die Bombe ist mein Freund!‘“

Ungut die Erinnerungen, die O. an ihre Kindheit hat. Während ihre Mutter seichte Erfolgsromane in die Maschine haute, missbrauchte O.s Vater Siegmund jahrelang Kinder im Gartenschuppen. Damit steht die Richtung des Textes fest: Männer gelten bis zum Beweis des Gegenteils als egomanisch und böse, Frauen dagegen als per se gut und vor allem lernwillig. In der Zauberin Kirke, die ihre Ex-Liebhaber in Schweine verwandelt, findet O. eine Lehrmeisterin: „‚Warte nur, ich werde dir weitere Klänge bringen. Das Rülpsen der Seeanemone, zum Beispiel. (…) Im Grunde geht es ja darum, dass der Ozean nicht verstummt. Dass seine Wesen nicht verschwinden. Verstummt das Meer, verstummen auch wir.‘“

So richtig diese Bemerkung auch ist: Die Autorin tut ihrer Sache stilistisch keinen Gefallen. Der Ton schwankt zwischen pathetischen Setzungen wie „die hocherleuchtete Seherin“ und Umgangssprache und wirkt dadurch seltsam gestelzt. Zum antikisierenden Tenor passt die altgriechisch anmutende blaue Schrift auf dem blasstürkisen Umschlag. „O.“ scheint direkt vom Meer angespült worden zu sein, denn das verwendete Bilderdruckpapier erzeugt einen unruhigen Wassereindruck. Erik Spiekermann gestaltet für den Secession-Verlag exquisite Buchumschläge, in diesem Fall zusammen mit Marco Stölk. Sie haben eine faszinierende aquatische Hülle geschaffen, welcher der Inhalt allerdings nicht gerecht wird.

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