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Sabine Doering über Friedrich Hölderlin: Aus innerer Verweigerung zur künstlerischen Radikalität

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Von: Ewart Reder

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Friedrich Hölderlin als 22-Jähriger.
Friedrich Hölderlin als 22-Jähriger. © akg-images

Sabine Doerings faszinierende Annäherung an den jungen Friedrich Hölderlin.

Mehr interpretiert als gelesen wird er seit jeher. Was hat man aus ihm nicht schon gemacht, einen Jakobiner gleichermaßen wie einen Deutschnationalen. In Hölderlins Welt stehen rätselhafte Schilder, darum wird er gern in vertraute Umgebungen entführt. Aus dem Dilemma hilft jetzt eine „Biographie seiner Jugend“, die den Dichter so eng umstellt wie die Wände, die ihn als Kind, als Oberschüler, als Studenten umstanden. So viel Nähe zu diesem Wolkenkopf – wie hat die Oldenburger Literaturprofessorin Sabine Doering das hingekriegt?

Die Antwort heißt historische Forschung in Verbindung mit einer herausragenden Erzählgabe. Was Geschichtskenntnis, Archivarbeit und eine grundierende Belesenheit vermögen, erlebt man in dem Buch als Reanimation der Verhältnisse, die Hölderlin zwar nicht gemacht haben, auf die er aber reagieren musste, wobei er sich verriet.

Die Theologie greift nach ihm

Dass seine Familie zur württembergischen „Ehrbarkeit“ gehört, macht aus ihm, wie aus Schiller, eine Art Staatseigentum. Im Lauffener Klosterhof geboren, in Klosterschulen erzogen, lebt und studiert er im Tübinger Stift hinter Klostermauern. Dass er den Vater und kurze Zeit später auch den geliebten Stiefvater verliert, lässt ihn früh altern. Immer fester wird der Griff der Theologenfamilie, aus der die Mutter stammt. Mit 14 muss er dem Herzog schriftlich versprechen, Pfarrer zu werden.

Das Württemberg Carl Eugens war ein aufgeklärter Gottesstaat, der mit dem heimischen Pietismus um den Totalanspruch auf die Seelen rivalisierte. An der Stelle hätte ein Exkurs in das System des Pietistengurus Oetinger einige Ergänzung geboten. Der Stuttgarter Hof setzte dagegen sein aufgeklärtes System, wollte „Weltweise, Gottesgelehrte, Moralisten und Staatslehrer so einig in ihren Bemühungen machen“ wie Mathematiker und Astronomen (Gottfried Ploucquet). In diesem Umfeld war die Freiheit nur ein Traum und Hölderlins Weg eine Kette von Entschlüssen, diesen Traum zu leben.

Das Buch

Sabine Doering: Friedrich Hölderlin. Biographie seiner Jugend. Wallstein Verlag, Göttingen 2022. 404 S., 32 Euro.

Dazu half ihm vieles. Ein pietistischer Pfarrer, als Mentor seiner Wahl, las die introspektiven Briefe des Heranwachsenden. Die Eliteschulen von Denkendorf und Maulbronn überschütteten ihn mit griechischer und lateinischer Poesie. Das Internatsleben war für das verträumte Kind herausfordernd, aber auch fördernd: Freundschaften wurden zum Elixier von Hölderlins literarischer Entwicklung. Ideen der Französischen Revolution perforierten die Klostermauern. Die Tübinger Theologie formulierte eigenständig. Hölderlin scheint mitgenommen zu haben, was sich bot, und mitgemacht zu haben, was verlangt wurde.

Ein Muster taucht auf: Geht die Verbiegung zu weit, die Verbeugung zu tief, sagt das Innere sich los vom Urheber solchen Selbstverrats. In Maulbronn erwartet man den Besuch der Herzogin Franziska, der 16-Jährige muss sie bedichten. Das Ergebnis bleibt so weit hinter Hölderlins damaligem Können zurück wie fortan der Anspruch von Fürsten hinter dem, was für ihn zählt. Nicht offene Rebellion, innere Verweigerung führt zu der künstlerischen Radikalität, die Hölderlins Werk kennzeichnet. Die Grundlage seiner Poesie bildet dabei das von den Alten gelernte Handwerk. Doerings Studien zeigen, wie skrupulös Hölderlin seine Gedichte entwickelt, wie im Gespräch mit seinen Freunden eine formale Strenge die entscheidenden Impulse setzt. Nach Doerings Urteil „vertraute Hölderlin in seiner frühen Lyrik recht einseitig auf pathoserzeugende Stilmittel“. Der Freund und poetische Bundesbruder Magenau verwies ihm das und machte ihn dadurch besser.

Ein freier Schriftsteller sein!

Die Bewunderung für Klopstock und Schiller erweist sich in dieser Biografie als Hauptkraft, aus der einer sich weiterzuentwickeln vermochte. Mit dem erstrebten Dichterlorbeer untrennbar verbunden war die Idee einer freien Schriftstellerexistenz. Nicht von der Kanzel wollte er sprechen, sondern aus den Büchern eines anerkannten, möglichst verehrten Dichters. Auch dazu halfen gesellschaftliche Verbindungen: „Es ist typisch für den Buchmarkt dieser Jahre, dass Hölderlins Weg in die literarische Öffentlichkeit auf die Vermittlung von Freunden und Bekannten angewiesen war.“

Vielleicht die größte Entdeckung, die das Buch bietet, ist aber der Eindruck von Hölderlins Persönlichkeit, den die ausgewählten Briefstellen, Textproben und kommentierenden Zeugnisse der Mitlebenden vermitteln. Die Zartheit und vertrauende Offenheit des Kindes leben auch in dem jungen Mann noch. Aber sie sind ausgewandert in ein Land, von dem das herkömmliche, umgebende nunmehr poetisch überblendet wird, wie der italienische Germanist und Übersetzer Luigi Reitani das mit philologischen Methoden nachgewiesen hat.

Keine Sprache nennt höhere Höhen und tiefere Abgründe als die Hölderlins. Überblicke von idealischen Bergeshöhen führen in eine beispiellose Weite. Um Württemberg und den Neckarraum handelt es sich dabei ebenso wie um das Griechenland aus Reisebüchern des 18. Jahrhunderts. Und um den Innenraum einer großen Seele.

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