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Aus London zum Bachmann-Preis: Sharon Dodua Otoo.

Literatur

Sharon Dodua Otoo, Saša Stanišic & Co: Wenn die Wörter anders schmecken

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Im ablaufenden Jahrzehnt besonders erfolgreich: Auf Deutsch geschriebene Bücher von Autoren aus fremden Muttersprachen.

Der Deutsche Buchpreis für Saša Stanišic in diesem Herbst vervollständigt ein Bild, das im Lauf dieser Dekade nach und nach entstand. Nachdem „Herkunft“ sofort bei seinem Erscheinen im März gute Kritiken erhielt und im April auf den vierten Platz der Bestsellerliste geklettert war, hält sich das Buch dort seit der Preisverleihung zwischen den Positionen 1 und 5. „Herkunft“ ist ein Roman und doch keiner, eine Autobiografie und doch keine, lebt von der Gegenwart seines Entstehens, greift in die Geschichte zurück. Der Erfolg von Stanišics „Herkunft“ bei den Lesern zeigt, dass die Bundesrepublik Deutschland sich im Feld der Literatur als Einwanderungsland bewährt.

In keinem Jahrzehnt zuvor ist die deutsche Literatur so auffällig bereichert worden durch Autoren, deren zuerst erlernte Sprache nicht Deutsch war. Nun wird diese Literatur, die einen doppelten Sprachraum nutzt, auch vielfach ausgezeichnet.

Eine Auszeichnung allerdings überstand das Jahrzehnt nicht. Und auch das ist symptomatisch. Der Chamisso-Preis, von 1985 bis 2017 an 78 Autoren aus über zwanzig Herkunftsländern vergeben, war ursprünglich gedacht, auf die sogenannte „Gastarbeiterliteratur“ aufmerksam zu machen, prämierte später den Sprach- und Kulturwechsel. Der erste Preisträger, Aras Ören, spricht hervorragend Deutsch, schreibt seine Poeme jedoch auf türkisch. In unserer Dekade geehrt wurden zum Beispiel Marjana Gaponenko, mit dem Ukrainischen und Russischen aufgewachsen, Ann Cotten, deren erste Sprache Englisch ist, und Akos Doma, in Ungarn geboren.

Die Robert-Bosch-Stiftung meldete das Ende ihres Engagements dafür als Erfolg: Der Preis habe „seine Zielsetzung erreicht“, denn auf Deutsch schreibende Schriftsteller mit Migrationshintergrund seien heute „selbstverständlicher und unverzichtbarer Bestandteil deutscher Gegenwartsliteratur.“

Inzwischen hat sich ein Bündnis von Organisationen für eine Neuauflage aufgerafft. Namensgeber ist wieder Adelbert von Chamisso (1781 –1838), der als Kind mit seinen adligen Eltern aus dem revolutionären Frankreich geflohen war. Seine Muttersprache war Französisch, seine Literatursprache Deutsch. María Cecilia Barbetta und Jaroslav Rudiš, aus Argentinien beziehungsweise Tschechien in die deutsche Literatur eingewandert, bekamen als erste den Chamisso-Preis/Hellerau. Ihre beiden Romane „Nachtleuchten“ (Barbetta) und „Winterbergs letzte Reise“ (Rudiš) eint das Deutsche, sind ansonsten so unterschiedlich, wie zwei von zwei verschiedenen Menschen geschriebene Bücher nur sein können. María Cecilia Barbetta antwortete 2018 auf die Frage, ob ihr Roman ein anderer geworden wäre, wenn sie ihn in ihrer Muttersprache Spanisch geschrieben hätte: „Es hätte ihn gar nicht gegeben. Die deutsche Sprache ist mein Schutzraum. Sie gibt mir die Chance, mir eine Welt anzueignen, die ich mit 22 Jahren verlassen habe.“

Ähnlich äußerte sich Abbas Khider, 1996 als 23-Jähriger aus dem Irak geflohen, in einem Gespräch mit der FAZ: „Wenn ich auf Arabisch schreibe, handelt alles von Leid. Das Deutsche hält mich auf Distanz.“ Seine ersten Romane nahmen die Zustände in der Diktatur Saddam Husseins auf. Mit „Die Ohrfeige“ aber, 2016 erschienen, widmete er sich deutschen Verhältnissen, wie sie ein Mensch durchleben kann, der in ihnen ankommen möchte: einen Sprachkurs braucht, Arbeit, eine Wohnung. Als ich ihn zum Erscheinen des Romans traf, sagte er, seit einiger Zeit könne er jeden Monat in einer Talkshow sitzen – als Experte für den arabischen Frühling, für den Islamischen Staat, die Flüchtlingskrise. Doch: „Ich bin kein Instrument, ich bin ein Autor. Ich habe meine Botschaft, auch wenn viele deutsche Autoren die Hände heben, wenn sie das Wort hören.“

Doch viele der Sprachwechsler-Autoren sehen sich nicht wirklich willkommen – auch das gehört zur Realität. Abbas Khiders jüngstes Buch „Deutsch für alle“ widmet sich, spielerisch als Lehrwerk getarnt, der Sprache mit den Schlangenwörtern, dem siechen Genitiv und seltsamen Umlauten, die er studiert hat. Er schreibt zugleich davon, vor allem in Bayern oft einfach so von Polizeibeamten durchsucht worden zu sein.

Was alles passiert in dem Land, in dem sie zu Hause sind, das neuerdings ein „Heimatministerium“ hat, erzählen 14 Autorinnen und Autoren im 2019 erschienenen Band „Eure Heimat ist unser Albtraum“. Mehrere von ihnen sind ausgezeichnete Schriftstellerinnen: Die in London aufgewachsene Sharon Dodua Otoo etwa, die 2016 den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gewann, oder Sasha Marianna Salzmann, geboren in Wolgograd, die mit „Außer sich“ 2017 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand. Es geht in den Texten um das Anders-Sein, das ihnen aufgedrängt wird, wegen der Hautfarbe, des Akzents, des Glaubens, der Liebe wegen. Die Mitherausgeberin Fatma Aydemir erzählt, wie ihr eine Konkurrentin um ein Vorstellungsgespräch das Wort „Migrantenbonus“ einer Backpfeife gleich ins Gesicht geklatscht hatte.

Das Buch zeigt, dass es auch heikel sein kann, die Literatur zu feiern, die ins Deutsche eingewanderte Autoren verfassen: Weil manch ein Lob nur hochmütiges Schulterklopfen verpackt. Olga Grjasnowa, bekannt geworden durch den Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012), wertet in ihrem Beitrag die Bezeichnung „Migrationsliteratur“, mit der sie etikettiert wurde, als rassistisch und paternalistisch.

Wer also in dieser Dekade noch Bücher las, dürfte die Erneuerung der deutschsprachigen Literatur glücklich erfahren haben. Einige wichtige Beispiele fehlen noch in der Aufzählung: Nino Haratischwilis großer Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“ (2014 erschienen) durchschreitet ein Jahrhundert georgisch-sowjetischer Geschichte. Katja Petrowskaja, geboren in Kiew, ergründet in „Vielleicht Esther“ (2014) das von Verfolgung und Flucht geprägte Leben ihrer Vorfahren. Der mit zehn Jahren aus Polen nach Deutschland gekommene Matthias Nawrat erzählt beklemmend 60 Jahre polnische Geschichte in „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ (2015). Olga Martynowa stellt Fragen an die Vergangenheit, die in die Zukunft weisen, in ihrem Roman „Der Engelherd“ (2016). Senthuran Varatharajah, mit den Eltern aus Sri Lanka geflohen, bricht mit „Vor der Zunahme der Zeichen“ (2016) die Form des Romans auf. Isabel Fargo Cole, in New York aufgewachsen, legte 2018 mit „Die grüne Grenze“ ein faszinierendes Deutschlandbuch vor. Katerina Poladjans Heldin in „Hier sind Löwen“ (2019) reist als Deutsche nach Jerewan, benutzt dort ihre Muttersprache Russisch und eignet sich dann das Armenisch ihrer Vorfahren an – das macht etwas mit ihr. Feridun Zaimoglu, der mit „Kanak Sprak“ vor 24 Jahren ausdrücklich als Migrantenautor debütierte, zeigt sich in „Die Geschichte der Frau“ (2019) als Feminist.

2014 forderte Maxim Biller, mit Russisch und Tschechisch aufgewachsen und als Zehnjähriger in die Bundesrepublik gekommen, in der Wochenzeitung „Die Zeit“ unter dem Titel „Letzte Ausfahrt Uckermark“, „dass wir nicht deutschen Schriftsteller deutscher Sprache endlich anfangen sollten, die Freiheit unserer Multilingualität und Fremdperspektive zu nutzen“. Sein Text war angriffslustig. Er forderte Inhalte und sah über den stilistischen Reichtum hinweg, den erlangen kann, wer die Worte anders auskostet. Biller selbst erkundet in seinem poetischen Roman „Sechs Koffer“ (2018) das Leben zwischen den Sprachen und Kulturen. Damit liegt er gar nicht so weit entfernt von Saša Stanišics „Herkunft“ – von dem Autor also, den Biller in dem Aufsatz für seinen Brandenburg-Roman „Vor dem Fest“ (2014) kritisierte.

Das Jahrzehnt ist zu Ende, und der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass schon früher Bücher entstanden, die gerade deshalb reizvoll waren, weil deren Autoren sich eine andere Sprache eroberten. So wie Adelbert von Chamisso, wie Joseph Conrad, Vladimir Nabokov, Milan Kundera. Bei denen sprach und spricht niemand von „Migrationsliteratur“. Was fehlt noch? Ein paar Zeichen, die einige der hier genannten Autorennamen erst komplett machen. Das Schriftprogramm dieser Zeitung ist der neuen deutschen Literatur noch nicht immer gewachsen.

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