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Im russischen Olymp

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Dichter mit getragener Stimme

Von HANNS-JOSEF ORTHEIL

Ich höre jetzt Tolstoj, ja doch, die Stimme, die ich jetzt höre, soll die Stimme Lev Tolstojs sein. Es ist eine helle, markante Stimme, drohend und mächtig scheint sie aus dem Dunkel des Weltalls zu dringen, wie die Stimme Gottvaters, der seine Wortblitze durch ein stark knisterndes planetarisches Rauschen schleudert. "So können wir nicht leben! So können wir nicht leben!" wiederholt der zornige Tolstoj im Jahr 1908, er verflucht die Todesurteile und Hinrichtungen, zwanzig Bauern wurden gerade erhängt.

Alexander Nitzberg, 1969 selbst in Moskau geboren, hat in russischen Archiven Phonogramme der großen russischen Dichter entdeckt. Tolstoj, der Epiker, eröffnet den Reigen der Lesungen, dann aber folgen ausschließlich Lyriker.

Die frühe Moderne des 20. Jahrhunderts ist in Russland die hohe Zeit der Vortragskunst. Von Majakovskij weiß man zum Beispiel, dass er in einem Restaurant so lange Gedichte rezitierte, bis Osip Mandelstam der Geduldsfaden riss: "Majakovskij, hören Sie auf, andauernd Gedichte vorzutragen! Sie sind doch keine Rumänenkapelle!" Wenige Minuten wird sich Majakovskij vielleicht beherrscht haben, dann aber werden die Worte wieder aus ihm herausgeströmt sein, im alten Russland glaubte man an die Macht der Dichterworte, die nicht nur hingeschrieben, sondern vor allem laut vorgetragen wurden.

Ich höre jetzt Aleksandr Blok, er rezitiert sein Gedicht "Im Restaurant", Aleksandr Blok soll schauspielerischer Ehrgeiz fremd gewesen sein, ich stelle ihn mir also vor, wie er jetzt verhalten und mit höchstens angedeuteten Gesten sein Liebesgedicht rezitiert, er spricht es sehr getragen und langsam, in einem leicht grollenden Ton, ich sehe Aleksandr Blok jetzt in einem schwach beleuchteten Vortragssaal stehen und seine dunklen, schweren Gedichte im Raum ablegen, man wagt kaum zu atmen, wenn man ihn hört, man wartet angespannt und etwas ratlos darauf, dass sein Schmerz und sein Leid ihr Ende finden.

Mandelstams Vokale

Die meisten danach auftretenden Dichter tun es Aleksandr Blok gleich, sie rezitieren mit getragener Stimme, sie versuchen, ihre Gedichte zu singen, es handelt sich um für uns Heutige völlig ungewohnte Rezitationsformen, jedes Wort kommt mit einer kleinen Schleppe daher, mit einer Festtags- oder Trauer-Schleppe, man hört diesen Gesängen von Minute zu Minute sprachloser zu, schließlich muss man sich den eigenen Platz erst suchen, um nicht erschlagen oder ins letzte Eck gedrängt zu werden.

Ich höre jetzt Osip Mandelstam, Osip Mandelstam liebt die Vokale, er dehnt sie und lässt sie erst nach einem kleinen Ruck wieder los, es ist, als stolperte er jedes Mal in sie hinein und schaute sich in ihnen um, ansonsten schwillt seine Stimme in sehr feierlichem Ton zu jeder Zeile etwas an, um am Ende leicht zu verebben, "Die Finsternis schallt, schwillt/ und selbst im Schwellen noch schallt", heißt es in einem seiner Gedichte, so dass man leicht denken könnte, er spräche hier von seinem nicht unpathetischen Vortrag.

Im Beiheft berichtet Alexander Nitzberg, dass ein solcher Ton in vielen Fällen durch eine ausgefuchste Dichtungstheorie untermauert war, die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren in Russland auch die Jahre der literarischen Schulen und Lager, es gab die Symbolisten, die Akmeisten, die Futuristen, und sie alle stritten um die Bedeutung des Lauts, des Klangs, um Rhythmus und Kontur. Für die einen war ein Dichter, der gut vortrug, deshalb noch lange kein guter Dichter, während für die anderen ein Dichter, der gut vortrug, gerade deshalb ein guter Dichter war. Chlebnikov soll sich solchen Debatten entzogen haben, indem er so leise vortrug, dass man ihn nur in der ersten Reihe verstand, während Sergej Esenin seine Gedichte bevorzugt im Zirkus, auf einem Pferd galoppierend, hinauf in die Zirkuskuppel schrie, als kämen seine Gedichte erst dort oben vollständig zur Geltung.

Ich höre jetzt Vladimir Majakovskij, er soll ein besonders begnadeter Vortragskünstler gewesen sein, ja, nun gut, er schmeißt sich im Vergleich mit den anderen geradezu unverblümt an das Publikum ran, ich sehe ihn jetzt, wie er mit einem triumphierenden Lächeln durch den Saal schleicht und die Reaktionen des Publikums testet, er genießt seinen Auftritt, er bringt Spannung, Anrede und Frage hinein ins Gedicht, seine Zuhörer zucken zusammen und winden sich unter der Peitsche seines fordernden, vibrierenden Tons.

Die große Anna Achmatowa habe ich mir für den Schluss aufgehoben, ich wette, dass sie in keinem Vortragssaal steht, sondern über ihr Manuskript gebeugt an einem kleinen Schreibtisch sitzt. Sie singt die Zeilen wie ein Wiegenlied, langsam und feierlich, eines der letzten Worte ihres Gedichts "Widmung" klingt wie etwas, das ich kenne, "Choupängg" flüstert Achmatowa, und da endlich trete ich durch ein kleines Pförtchen selbst ein in eines dieser dunklen russischen Gedichte und verstehe: "Chopin", es geht um Chopin, es geht um etwas ganz und gar Trauriges von Frédéric Chopin.

Alexander Nitzberg (Hrsg.): "Sprechende Stimmen. Russische Dichter lesen". DuMont Verlag, Köln 2003, 39,90 Euro.

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