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Russische Avantgarde als Lebensbegleiter

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Von: Jürgen Verdofsky

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Zum Tod des Entdeckers, Bewahrers und Anregers Fritz Mierau.

Die „wenigen Protagonisten werden ihren Neigungen auf überraschenden Wegen folgen“, schrieb Fritz Mierau 1987 im Ost-Berliner Samisdat „Mikado“ über die russischen Symbolisten. Ein Protagonist, der seinen Neigungen auf eigenwilligen Wegen folgt, war der Slawist Mierau selbst. Die russische Avantgarde und das Werk von Franz Jung sind seine Lebensbegleiter. Die Wiederentdeckung des Theologen und Mathematikers Pawel Florenski wird das dritte große Thema.

1934 in Breslau geboren, im sächsischen Döbeln aufgewachsen, studierte Mierau an der Humboldt-Universität bei Hans Holm Bielfeldt, dem Nestor der ostdeutschen Slawistik. Er war zu jung, um von den Verhaftungen erfasst zu werden, die im Jahr 1957 unter den DDR-Slawisten grassierten, kaum hatte sich Chruschtschows Tauwetter verzogen. Eine prägende Erfahrung.

Fritz Mierau blickte in den Abgrund, den er aus der russischen Literatur kannte, diese Folge von Verleumdung und Verfälschung, diese Unbekümmertheit, mit der verhaftet und vernichtet wird. Fortan war er jemand, der die Ereignisse überschaute, ohne sich zu verstricken. Aber wenn es darauf ankam, zeigte er den Dissens.

Mierau wählte seine Einlassungen selbst, suchte Zeitpunkt und Umweg, blieb aber unablenkbar. Er hatte etwas von der Askese, die zu jener Haltung gehört, wortgetreu unter selbstauferlegtem Risiko. Gut hundert Bücher hat er verfasst, herausgegeben oder übersetzt, fast die gleiche Anzahl an Projekten wurde verboten. Doch ergeben hat er sich nie. Legendär war seine Arbeitsweise. Aus Momenten der Muße fand er zu großen thematischen Bögen. Er war unbestechlich im Urteil, gelassen im Umgang und zeigte Noblesse im Streit. Ein freier Geist zeigt sich in seiner Autobiographie „Mein russisches Jahrhundert“. Alles wird getragen vom dialektischen Dreisprung seiner Methode, den er mit „Einweihung“, „Ausdehnung“ und „Sammlung“ überschreibt.

Als Herausgeber zweisprachiger Gedichtbände von Sergej Jessenin, Ossip Mandelstam, Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa hat er fast alle ostdeutschen Lyriker von Rang als Nachdichter versammelt. Das waren starke Signale im Leseland DDR. Theoretische Schriften wie „Erfindung und Korrektur. Tretjakows Ästhetik der Operativität“ und nicht weniger die Essays „Die Erweckung des Wortes“ oder „Zwölf Arten die Welt zu beschreiben“ werden ästhetisch reflektierte Variationen avantgardistischer Impulse – beispielhaft.

Als Biograph von Jessenin, Jung und Florenski setzt er kaum zu zähmende Assoziationsketten in Gang. Seine 14-bändige Jung-Ausgabe, 1980 – 1998 zusammen mit Sieglinde Mierau, ist ein editorisches Glanzstück. Danach gipfelte alles in der Biographie „Das Verschwinden von Franz Jung“. Mit der Werkausgabe des Stalin-Opfers Pawel Florenski vollendete sich Mieraus Lebenswerk. Aber damit nicht genug, soeben kommt Versprengtes aus dreißig Jahren: „Keller der Erinnerung. Sprache in Zeiten gelebter Utopie“.

Fritz Mierau ist am 29. April, kurz vor seinem 84. Geburtstag, in Berlin gestorben. Nie kommt man der russischen Avantgarde, die im eigenen Land neuerdings wenig gilt, näher als bei ihm. Jetzt, wo nur seine Bücher bleiben, zeigt sich der sanfte und anmutige Schatten eines großen Entdeckers, Bewahrers und Anregers.

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