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Was wohl alles drinsteht in den Büchern?

Buchmesse Frankfurt

Rundgang über die Buchmesse

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In den Frankfurter Messehallen geht es um alles mögliche, aber auch um die eindrucksvollen Kernkompetenzen des Druckerzeugnisses. Von heute an auch für alle Interessierten.

Der Schriftsteller Thomas Melle, gerade an den Münchner Kammerspielen in Form eines Thomas-Melle-Roboters präsent (in der Performance „Unheimliches Tal“ der Gruppe Rimini Protokoll), hat sich noch auf ein anderes ungewöhnliches Projekt eingelassen. Im Rahmen des Goethe-Instituts-Programms „Social Translating“ übertrugen zehn Übersetzerinnen und Übersetzer aus asiatischen Ländern seinen Roman „Die Welt im Rücken“ in ihre Sprachen.

Auf einer eigens dafür entwickelten Internetplattform arbeiteten sie sich gemeinsam an Sätzen ab wie: „Delfine sprangen mir aus dem Mund, und farblose grüne Ideen schliefen wieder furios.“ Dass der Japaner denkt, hier könnte das Orakel von Delphi mitgemeint sein, gefällt Melle, der aber verneinen muss. Einige hermeneutische Vorstöße später kommt der Japaner zum Schluss: „Okay, dann wäre es am besten, den Satz wörtlich ins Japanische zu übersetzten.“

In Frankfurt berichtete die Inderin Sunanda Mahgan, wie angenehm es sei, einen Autor ständig befragen zu können und mitzulesen, was die Kollegen wissen wollen. Thomas Melle lächelte und sagte, dass er sich wie ein Antwortautomat vorgekommen sei. Andererseits habe es ihm gefallen, sich undichterisch selbst zu enträtseln. Was auf der „Weltempfang“-Bühne in Halle 4.1 vorgestellt wurde, ist keine exotische Nebensächlichkeit. Der Vertreter des finanzierenden Unternehmens Merck machte darauf aufmerksam, dass nach Abschluss aller Arbeiten mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung „Die Welt im Rücken“ wird lesen können. Auch erklärte er: „Moderne Manager können nicht nur Experten auf ihrem eigenen Gebiet sein.“

Vorerst bleibt es allerdings der Buchmesse überlassen, über Tellerränder zu schauen. Es ist seltsam, wie einem Branchentreffen, bei dem es ebenso um Verträge und PR geht wie bei jeder anderen Messe auch, doch gelingt, Situationen herzustellen, in denen Menschen kurz ernsthaft miteinander ins Gespräch kommen. Und der Japanischübersetzer Jisung Kim darum ausführen konnte, dass „Die Welt im Rücken“ vom japanischen Publikum durch eine eigene Tradition der Selbstentblößungsliteratur vermutlich gut aufgenommen und eingeordnet werde (Thomas Melle war so überrascht wie wir).

Von und für Menschen mit langem Atem

Oder die kanadische Psychotherapeutin Karen Abbs recht ausführlich von ihrer Arbeit mit traumatisierten Opfern von Krieg und Gewalt in afrikanischen Ländern erzählte, und die Vorbeieilenden waren nicht mehr in Eile. Das Erstaunlichste sei, sagte Abbs, die unglaubliche Fähigkeit des Menschen, wieder gesund, wenigstens gesünder zu werden. Ein Kind, das wieder anfange zu sprechen, dann zu essen, schließlich zu spielen. Theoretisch könnte man darüber und über ähnliches auch bei einer IAA sprechen. Es wäre sogar sinnvoll, wenn man an die Bedeutung des Automobils für die Welt denkt. Praktisch muss man sagen, dass darauf kein Mensch käme.

Lange nicht mehr so deutlich bemerkt, wie die Buchmesse und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sich offen halten für die Belange des Lebens zwischen netten neuen Geschenkpapieren (klarlinig, nostalgisch, kauft ein, Ihr Buchhändlerinnen und Buchhändler, bitte kauft ein) und der Sorge um die berüchtigten verschwundenen 6,4 Millionen Leser (gezählt bei einer großangelegten Börsenvereins-Studie aus dem Frühjahr). Die eben noch verschwundenen Leser scheinen sich außerdem alle in den Messehallen eingefunden zu haben. Ein beruhigendes Gefühl.

Im Forum, der Halle des Ehrengastes Georgien, stehen sanft gerundete Holzobjekte und stellen ein dreidimensionales und übermenschengroßes georgisches Alphabet dar, 33 Buchstaben. Deren Klang wird in der mit Fotos angereicherten Installation zelebriert, aber noch schöner von dem Dichter Rati Amaglobeli und dem Musiker Gogi Dzodzuashvili, die eine Art archaische, dabei spröde und lakonische Elektromusik herstellen und in einer Nummer anscheinend das Alphabet aufsagen und -singen. Das laute Vortragen von Dichtung gehört ins Umfeld der „Supra“, eines opulenten georgischen Festessens. Auch deutsche Experten im Forum lächelten verklärt / verschmitzt, wenn das Wort fiel, „Supra“. Trotz der vielen Bücher kommt selbst auf der Buchmesse sekundenweise der Eindruck auf, gelegentlich im Leben auch etwas zu verpassen (und nicht nur einen Nachmittag im Freibad in diesen schönen Frankfurter Hochsommertagen).

Giga Zedania, Rektor der Ilia Universität von Tiflis, erklärte übrigens, dass im Zentrum der klassischen georgischen Literatur Dichtung stehe – schwer zu übersetzen und erst recht für eine Leserschaft, die sich vor 150 Jahren angewöhnt hat, den Roman für das Maß aller Dinge zu halten. Angeboten werden nun tatsächlich fast ausschließlich georgische Romane. Die Übersetzerin Kristiane Lichtenfeld sprach über Tschabua Amiredschibis „Data Tutaschchia“ (1975), ein mehr als sechshundertseitiges Großprojekt, zu dem schon Volk & Welt in den Achtzigern einen Anlauf genommen habe. Es erfülle sie mit Freude, dass endlich ein Verlag (Kröner in Stuttgart) mutig genug gewesen sei, sagte Lichtenfeld, auch wenn es eines Auftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse bedurft habe und für Amiredschibi persönlich, 1923 geboren, 2013 gestorben, zu spät komme. Bücher sind von und für Menschen mit langem Atem.

Wirklich. Denn der Wallstein Verlag wiederum stellte – in einem im Grunde genommen unauffindbaren Messegelände-Raum namens „Fragment“ – seine soeben fertig gewordene historisch-kritische „Faust“-Edition vor, ein kolossales Unterfangen in digitaler und in Buchform: zwei Foliobände mit einem Faksimile der Gesamthandschrift von Faust II sowie Transkription und Erläuterungen; dazu ein handlicherer Leseband mit den beiden Faust-Teilen; dazu ein ausufernder, aber auch ausgeklügelter und völlig frei zugänglicher Online-Bereich (www.faustedition.net), in dem sämtliche Handschriften und Drucke zum detaillierten Vergleich bereitstehen. Die Kooperation des Freien Deutschen Hochstifts im Frankfurter Goethehaus mit dem Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar und dem Lehrstuhl für Computerphilologie (!) und Neuere deutsche Literaturgeschichte in Würzburg hat vor zehn Jahren begonnen.

An dieser Stelle nur so viel: Hochstiftsdirektorin Anne Bohnenkamp-Renken führte vor, wie man sich im digitalen Bereich bewegen kann, wie das Problem Kurrentschrift weggewischt wird, indem sich Zeile für Zeile Druckbuchstaben darüber legen, wie man blitzschnell Vergleiche anstellen, nach hier und dort sausen kann. Auch: Was das für eine irrwitzige IT-Arbeit war. Noch dazu mussten weitere Heerscharen (hoffentlich waren es wenigstens Heerscharen) von Helfern in die Faksimilebände die Zettel kleben, mit denen Goethe seinerseits Textstellen überkleben ließ. Man kann sie aufklappen und darunter schauen und wieder bereuen, dass man die Kurrentschrift nicht zu lesen gelernt hat (lächerliche Mühe angesichts der Vorteile).

Die digitale Form hilft darüber, wie gesagt, rasant hinweg. Dafür ist es ein Spaß zu sehen, was sich die Herausgeber überlegt haben, um die Orientierung im Digitalbereich zu ermöglichen. Denn am Ende, da schau her, ist nichts übersichtlicher als ein Buch. Die Preise für die Bände sind moderat. Man wolle, sagte Wallstein-Verleger Thedel von Wallmoden, zu privatem Buchbesitz ermutigen.

Dass der Raum „Fragment“ heißt, passt zum Goethehaus, das sich auf sein neues Romantikmuseum vorbereitet. Dass er nicht zu finden war – ein einziger Pfeil sogar fidel in die entgegengesetzte Richtung wies, während die Räume „Apropos“, „Aspekt“ und „Argument“ sowie „Effekt“, „Exposé“ und „Extrakt“ allgegenwärtig schienen –, passte zur Buchmesse, die ihr Publikum nicht zuletzt in Erstaunen versetzen will.

Bestätigte sich der Eindruck, dass die Verlage in Katzenjammer geraten? Die abgesagten Feste von S. Fischer und Rowohlt, die Abwesenheit von einigen Verlagen, darunter Hoffmann und Campe (aus organisatorischen Gründen) sind in ihrer Bedeutung schwer zu beurteilen. Alle redeten über Bücher. Einige redeten über die verschwundenen 6,4 Millionen Leser. Mancher versucht etwas Neues, der Hanser Verlag etwa, mit der losen Reihe „Hanser Blau“ in ein unterhaltsames Segment vorzurücken, ohne sich zu blamieren.

Rowohlt kam noch mit was Sensationellem: einer kleinen abendlichen Exklusivveranstaltung im Frankfurter Hof, bei der den Gästen als Überraschungsbuch (auch schön!) Rudolf Borchardts aus dem Nachlass gezogener Roman „Weltpuff Berlin“ vorgestellt wurde. Präsentiert als pornografischer Titel und von Mann zu Mann. Hierbei handelte es sich womöglich durchaus um eine Blamage. Bei einer Buchmesse ist alles möglich. Tröstlich: Viele kriegen es mit, viele aber nicht.

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