Die Autorin Nora Bossong erhält den Joseph-Breitbach-Preis.
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Die Autorin Nora Bossong erhält den Joseph-Breitbach-Preis.

Literatur

In der Ruhe des Denkens

  • vonBrüggemann
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Die Schriftstellerin Nora Bossong erhält den Joseph-Breitbach-Preis.

Die 1982 in Bremen geborene Schriftstellerin Nora Bossong macht es sich mit ihrem Schreiben nicht leicht. In ihrem literarischen Werk entzerrt sie die Wirklichkeit, erforscht verborgene Sehnsüchte, entblößt die Scheinheiligkeit der Politik. In einer kristallklaren Sprache, die wie ein weißes Rauschen in den Träumen des Lesers nachklingt und vibriert, nähert sie sich den Grenzbereichen der menschlichen Wahrnehmung, ja dem Widerspruch. Für diese Fähigkeit und ihre einzigartige Stimme erhält die in Berlin lebende Schriftstellerin den mit 50 000 Euro dotierten Joseph-Breitbach-Preis. Er wird von der Stiftung Joseph Breitbach und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz vergeben.

Nora Bossongs vergangener, von der Kritik gefeierter Roman „Schutzzone“ (2019) spielt auf der großen Bühne der Weltpolitik. Der Text ist ein Beispiel für die Präzision und kühle Ironie, mit der die Schriftstellerin ihre Gegenstände behandelt. In dem Roman geht es um Mira, eine Mittdreißigerin, die Karriere macht bei den Vereinten Nationen. Im Ringen um internationale Kompromisse vergisst sie allmählich, worum es ihr bei der Arbeit geht. Nicht nur das Leben der Protagonistin ist aus den Fugen geraten, sondern auch ihr moralischer Anspruch. Mira muss erkennen, dass die UNO ein „zahnloser Tiger“ ist, der immer dann versagt, wenn es zuzupacken, also Leben zu retten gilt. Es ist ein Buch über Frust, Ignoranz und Enttäuschung.

Mahnend, nie moralisierend

Nora Bossong ist in ihren Texten mahnend, aber nie moralisierend. Sie hält sich an das Diktum der großen Literatur, indem sie Ungerechtigkeiten nicht benennt, sondern mit Worten spürbar macht. „Show, don’t tell!“, heißt es in der amerikanischen Ästhetik. Daran hält sich die Autorin. Ihre Protagonisten rücken dem Leser wie kleine Raupen auf den Leib, die ihren Weg im Schleichgang zurücklegen. In dem Roman „36,9°“ (2015) etwa gelingt es der Autorin, die zerbrochene Ehe eines gebeutelten Wissenschaftlers mit einer Analyse des Mussolini-Terrors zu verbinden. In ihrem Essaywerk „Rotlicht“ (2017) analysiert sie das Sex-Business. Die Liebe ist politisch – so wie alle anderen Lebensbereiche in Bossongs Werken auch. Dazu zählt übrigens die Lyrik, wie etwa der Gedichtband „Kreuzzug mit Hund“ (2018). Diese Vielfalt zeugt davon, dass Nora Bossong sich mit allen Mitteln der Literatur den wichtigsten Debatten stellt.

Nicht zuletzt ist auch ihr essayistisches Schreiben ein Beleg dafür. Nora Bossong hat sich während der Corona-Krise für die Wahrung bürgerlicher Rechte eingesetzt und sich für jene Denker stark gemacht, die politischen Gegenwind spüren. Sie hat das Werk des Philosophen Achille Mbembe vor Antisemitismus-Vorwürfen verteidigt und an die Ambivalenz seiner Texte erinnert. Man muss mit der Autorin nicht immer einer Meinung sein. Doch es bleibt kein Zweifel, dass ihre Interventionen das deutschsprachige Geistesleben enorm bereichern. Nora Bossong nimmt sich Zeit, genau hinzuschauen und hinzuhören in einer Zeit, in der krasse Kakophonie und Gereiztheit die Wahrheitsfindung erschweren. Auch wegen der Ruhe ihres Denkens ist sie eine der wichtigsten Stimmen in der deutschsprachigen Literatur.

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