1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Die Rufe der Virginia-Uhus

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

„In der Nacht jagte ein Paar Virginia-Uhus über der Landzunge und füllte das Haus mit seinen fagottartigen Rufen.“
„In der Nacht jagte ein Paar Virginia-Uhus über der Landzunge und füllte das Haus mit seinen fagottartigen Rufen.“ © rtr

Alice Greenway erzählt in ihrem Roman „Schmale Pfade“ von einem Mann, dem (fast) nur Vögel etwas bedeuten. Und sie bietet nüchtern-erschütternde Bilder vom Krieg und Auge und Ohr für Naturbeschreibungen.

Jim Kennoway ist nicht die Sorte alter Mann, die aus dem Fenster klettert, um noch ein paar Abenteuer zu erleben. Und obwohl plötzlich eine junge Frau bei ihm einzieht, so führt ihre unbekümmerte Zugewandtheit nur zu einem Aufschub – bis Kennoways Sehnsucht zum Tode wieder stärker ist. Er säuft und raucht Kette, ein Bein wurde ihm schon oberhalb des Knies abgenommen, er pflegt seinen Stumpf nicht mehr. „Und bloß keine Scheißpflegerin!“, blafft er seinen Sohn an. Lieber wankt er auf Krücken, plagt sich mit dem Rollstuhl, stolpert und stürzt, zieht starrsinnig und allein ins alte Sommerhaus der Familie in Maine, durch das im Winter der kalte Wind pfeift. Nur weg, nur weg.

Es ist das Jahr 1973, der Ornithologe Jim Kennoway wird endgültig in Rente geschickt, die Kollegen atmen auf, unter anderem hat er einen von ihnen „Affenarsch“ genannt. Seit Jahren schon ist er „eine verschrumpelte Spezies, konserviert in Alkohol – in seinem Fall Gin.“ Sein einziges Buch, sein einziger wissenschaftlicher Erfolg erschien 1960: „Ausgerottete und aussterbende Vögel Ozeaniens“.

Perfekt war er einst darin, Vögel zu präparieren, „für seine Geschicklichkeit und Geschwindigkeit berühmt“, doch mittlerweile zittern seine Hände unkontrollierbar. „The Bird Skinner“, der Vogel-Häuter heißt Alice Greenways Roman im Original, der, warum auch immer, unter dem Titel „Schmale Pfade“ auf Deutsch erschienen ist.

Bis ins Jahr 1917 geht Alice Greenway zurück, da lernt der Teenager Jim seine spätere Frau kennen. Die Entscheidung aber, die sein Leben aushöhlen und ihn zu dem bitteren alten Mann machen wird, der er 1973 ist, ist die, in den Krieg zu ziehen. Auf Guadalcanal ist er zunächst eingesetzt, er erinnert sich an eine Nacht der Schrecken, an „ein Schlurfen im Unterholz, der hallende, kehlige Ruf des großen Blasskopfkuckucks, Centropus milo . Wie er sah, dass eine ganze Patrouille in Panik geriet, den Vogel für einen japanischen Hinterhalt hielt.“

Er überlebt Guadalcanal, er lässt sich im Juni 1943 als einsamer Kundschafter auf die Salomonen fliegen (Greenway erfindet dort eine Insel namens Layla). Er stößt auf einen Jungen, Tosca, ohne ihn würde er vermutlich nicht zurechtkommen, sich nicht gut genug verstecken, nicht gut genug zu ernähren wissen auf Layla Island. Dieser Junge, den er irgendwann Freund nennt, schickt ihm 30 Jahre später seine Tochter Cadillac, die „schwarz wie Bootsöl“ ist, ein Stipendium erhalten hat und in den USA Medizin studieren soll.

Man mache sich mit dem Auftauchen Cadillacs keine Illusionen, dass dies eine der in Film und Literatur so beliebten Junge-Frau-gibt-altem-Mann-neuen-Lebensmut-Geschichte ist: Greenway sieht keine späte Läuterung Jims vor und die Beschäftigung des einbeinigen Alkoholikers mit Hemingway lässt nichts Gutes ahnen.

Cadillac geht gleich am ersten Morgen unbekümmert Speerfischen, sie bringt Jim eine Scholle – das blutige Loch aber ruft bei Kennoway Kriegserinnerungen auf. Von einem Fuß, der nach einer Explosion neben ihm landet. Vom sterbenden Marinepionier, dem er idiotischerweise den Fuß hinhält, von dessen Entsetzen. Von Schlimmerem noch: von seinem eigenen Töten. Und so von dem Grund, warum es beinahe zu einem Kriegsgerichtsverfahren gegen ihn gekommen wäre.

Heute würde man bei Jim Kennoway eine posttraumatische Belastungsstörung oder etwas Ähnliches diagnostizieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte man einfach weiter.

Alice Greenway bewegt sich zwischen den Kriegsjahren und 1973 geschickt vor und zurück. Doch erstaunlich blass bleiben manche ihrer Figuren, Jims Sohn Fergus etwa, der scheinbar mühelos zurechtkommt im Leben, trotz des frühen Todes seiner Mutter, trotz des kalten, einsiedlerischen Vaters. Man erinnert ihn als netten jungen Mann und guten Koch, wenig sonst. Auch Jims Kollegen wollen kaum interessant werden, nicht einmal der „Affenarsch“. Es ist, als stelle die Autorin Pappfiguren auf am Rand von Jims sich zunehmend verdunkelndem Gesichtsfeld.

Dafür beeindrucken Greenways nüchtern-erschütternde Bilder vom Krieg, ebenso ihr Auge und Ohr bei Naturbeschreibungen, das intensive Flimmern der natürlichen Welt in diesem Roman. Wie Jim in Layla Islands vielstimmigem Urwald zwischen Panik und Lebenshunger schwankt. Wie ihn das laue Meer und die Vogellaute (wenn er sie identifizieren kann, also fast immer) trösten. Wie er dann als alter Mann selbst im Alkoholnebel, trotz pochender Schmerzen in seinem Beinstumpf noch notiert, welche Vögel an seinem kalten Haus vorbeikommen. „In der Nacht jagte ein Paar Virginia-Uhus über der Landzunge und füllte das Haus mit seinen fagottartigen Rufen.“

Nur Vögel, oder jedenfalls fast nur Vögel bedeuten Jim Kennoway etwas. Da war einmal Helen, seine Frau, es ist sehr lange her. „Heute kommt es ihm wie ein Wunder vor, dass er je jemanden geliebt hat.“ Es ist ein Roman über einen harten, auch von den Umständen gehärteten Mann.

Alice Greenway: Schmale Pfade. Roman. A. d. Engl. v. Klaus Modick. Mare, Hamburg 2016. 368 S., 22 Euro.

Auch interessant

Kommentare