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Philosophie

Rüdiger Safranski über Philosophie und Corona: „Einzeln sein“ – Wir im Einzelnen

  • VonEberhard Geisler
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Rüdiger Safranski denkt über Philosophie in Zeiten von Corona nach.

Rüdiger Safranski erweist den Rang seiner Arbeit neuerdings darin, dass er sie an die Grenzen des eigenen Genres, der Philosophie-Geschichte, führt. Der Autor denkt in seinem neuen Buch darüber nach, was die Pandemie mit den Menschen macht, die sie in eine Isolation versetzt, in der sie ihrer gewohnten Kontakte beraubt sind.

Daraus folgt für ihn zweierlei. Er widmet sich zunächst dem Einzelnen in seiner Einzelheit und erinnert daran, dass in der Geschichte des Denkens die entscheidenden Leistungen aus einem verwegenen Rückzug der Individuen auf sich selbst hervorgegangen sind. Manch eine Gestalt, die Brücken hinter sich abbrach, sollte dadurch neue, breitere bauen. Sodann zieht er die Konsequenz aus einer Epoche, in der der Anspruch auf umständliche Entfaltung großer Denkgebäude obsolet geworden ist, und löst die Darstellung in einzelne Skizzen auf.

Es liegt auf der Hand, dass Safranski bei diesem Projekt auf die Philosophie des Nominalismus zurückgreifen musste. Sie stammt aus dem späten Mittelalter, verstand sich als Wendung gegen die Scholastik und lehrte, dass das wahrhaft Wirkliche das Einzelne sei, das durch Begrifflichkeit und Konstruktion eines Allgemeinen nicht erfasst werden könne.

Auch Gott, schreibt Safranski unter Bezug auf den Nominalisten Duns Scotus, konnte demgemäß nicht begriffen, sondern nur geglaubt werden („Besser sich von ihm ergreifen zu lassen, statt ihn begreifen zu wollen“). Und in diesem Sinn einer Verteidigung von Einzelheit und Individualität klärt er die Leserschaft gleich eingangs auf: „Es wird hier keine umfassende Theorie über das Einzeln-Sein versucht. Das wäre wohl auch paradox, denn wenn man den Einzelnen wirklich ernst nimmt, dann gibt es eben nur Einzelfälle, die jeweils zu denken geben.“

Nun kann es losgehen, und man spürt den Aufwind der Renaissance. Pico della Mirandola muss unbedingt Erwähnung finden, der 1486 über die Würde des Menschen schrieb und diesem als Individuum die Kraft zuerkannte, den göttlichen Schöpfungsakt in seinem eigenen Tun nachahmen und somit schöpferische Freiheit ins stolze Selbstbewusstsein vor allem des Künstlers aufnehmen zu können. Der Autor vergisst an dieser Stelle vor Begeisterung, Nietzsche zu erwähnen, der in der Renaissance vor allem eine Epoche von Herrenmenschen sehen wollte, die in ihrer Machtgier gern auch Meuchelmorde legitim gefunden hatten – um den Philosophen wenig später dann doch noch zu erwähnen.

Darauf folgt Martin Luther, der in Worms gegen die damalige Welt und den Kaiser aufstand und auf diese Weise die folgenden Jahrhunderte nachhaltig prägen sollte. Dialektik oder Geheimnis – jedenfalls vermerkt Safranski, dass Luther in dem Augenblick, in dem er kühn entschlossen wagte, selbst zu sprechen, sich bewusst war, dass gar nicht er selbst sprach, sondern ein Anderer aus ihm.

Das Buch

Rüdiger Safranski: Einzeln sein. Eine philosophische Herausforderung. Carl Hanser, München 2021. 288 S., 26 Euro.

Die Liste der großen Einzelnen ist lang: Michel de Montaigne, der, selbstbewusst und um Ausgleich bemüht, die Selbstthematisierung als literarisches Genre schuf; Stendhal; Sören Kierkegaard, der für die Existenzphilosophie den Grundstein legte; Max Stirner, der die Einzelheit des Individuums gegen Hegels Geschichtsphilosophie und gegen die Ansprüche der Kirche behaupten wollte, aber dabei die „bittere Erfahrung demütigender Ohnmacht“ machen musste; Henry David Thoreau, der die Einsamkeit in den Wäldern suchte, um hernach gegen die Sklaverei zu kämpfen; Stefan George, der sich als Priester einer Kunstreligion verstand und in einem Erlesenheits-Gestus gefiel, mit dem er so manchen Zeitgenossen in seinen Bann schlug; die vornehme, sich den Nationalsozialisten widersetzende Ricarda Huch und Karl Jaspers, dem um eine andere Philosophie der Existenz zu tun war als Martin Heidegger, den er ebenso bewunderte wie als gefährlich einschätzte.

Selbst Jean-Paul Sartre wird in diesem Zusammenhang noch einmal interessant, wenn er nämlich Tagebuch schreibt. Und spät hat sich sogar noch Ernst Jünger von seiner frühen Verherrlichung der formierten, soldatisch organisierten Massengesellschaft distanzieren und in seinem Essay „Der Waldgang“ die Figur des Einzelnen würdigen wollen.

Einen Denker und eine Denkerin gibt es, bei denen Rüdiger Safranski bei der Sichtung der Geistesgeschichte, die er diesmal über die deutschen Grenzen hinaus ausweitet, zu seinen bislang vielleicht gelungensten und schönsten Seiten findet: Martin Heidegger und Hannah Arendt.

Bei Heidegger kennt er sich hervorragend aus und kann dessen Denken nun trefflich charakterisieren. „Sein und Zeit“ sollte ein Paukenschlag werden, der die Menschen dazu aufrufen sollte, aus dem bloßen „Man“ und der Selbstentfremdung herauszufinden und entschlossen nach ihrem jeweiligen „Ich-Selbst“ zu fragen, wie es für sie in gesteigerten Augenblicken – in der Grenzsituation insbesondere des Todes – schließlich zu erfahren und entwickeln möglich sein sollte. Trotzdem sollte sich der Philosoph 1933 als „seinsgeschichtlicher Sturmtruppführer“ missverstehen und unbeschadet seines Weckrufs zur Einzelheit der Individuen gern im „Erregungsstrom“ der nationalistischen „Bewegung“ mitschwimmen wollen.

Ganz anders Hannah Arendt, die, obschon Heideggers Geliebte, gleichwohl andere, der Demokratie verpflichtete Auffassungen vertrat. Und die nicht nur über Adolf Eichmann schrieb, sondern auch – lange vor Sloterdijk – eine Philosophie der Geburtlichkeit entwarf, die nicht von der Konfrontation mit dem Tod ausgehen, sondern wieder und wieder die Möglichkeit eines neuen Anfangs für jeden Einzelnen freiräumen wollte.

Zum Glück konnte dieses Buch rasch erscheinen, und es erscheint zur rechten Zeit. Da übersieht man gern, dass die Darstellung Diderots etwas verkürzt geraten ist, sich allein auf Hans Ulrich Gumbrechts Buch von 2020 bezieht, also lediglich die harsche Distanznahme Diderots gegenüber Rousseau hervorkehrt und dessen tiefer, ebenfalls zum Ausdruck gebrachter Bewunderung für den Zeitgenossen, der die Rückkehr zur Natur suchte und das Leben in der Gesellschaft mied, nicht weiter nachgeht.

Jedes bedeutende Werk lebt aus seiner Bescheidung. Der Autor, Biograph und Historiker der Philosophie hat immer wieder Zwischenbetrachtungen eingefügt, die Resümees ziehen und Überblicke versuchen. Erneut beweist er hier seine glückliche Hand. Zugleich aber – und das ist wunderbar – lässt er uns am Horizont dieser Skizzen die Möglichkeit einer neuen geistigen Entspanntheit erahnen. Wenn nur der Einzelne ein Einzelner auch sein darf, wird ein Fluidum spürbar, das nicht benannt werden muss, aber in dem der Einzelne zusammen mit Anderen ist, und das ihn trägt. „Es ist nicht immer nötig, dass das Wahre sich verkörpere; schon genug, wenn es geistig umherschwebt und Übereinstimmung bewirkt; wenn es wie Glockenton ernst-freundlich durch die Lüfte wogt“ (Goethe).

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