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Deckblatt von Friedrich Hölderlins Homburger Folioheft. 

Hölderlin-Biografie

Rüdiger Safranski: Wie Hölderlin Genres sprengt

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Die neue Biografie von Rüdiger Safranski.

Das neue Buch von Rüdiger Safranski ist ein Ereignis und führt dem Leser zweierlei vor Augen. Zum einen die kaum noch je erfasste geistige Gewalt des deutschen Dichters Friedrich Hölderlin. Zum anderen den Umstand, dass sich Safranski, nachdem er sich von der gelingenden Lebensführung Goethes, der Störendem, Abgründigem gern aus dem Weg gegangen war, hatte begeistern lassen, nun, rechtzeitig zum 250. Geburtstag Hölderlins im kommenden Jahr, sich anders treffen, von dem Dichter sich nämlich erschüttern und beunruhigen lässt. Ausgiebig will er ihn zitieren und dabei eine Ahnung vermitteln, dass, um ihm gerecht zu werden, die Rede letztlich selber stocken muss.

Eine Stelle aus der Elegie „Brod und Wein“ leitet das Vorwort ein: „Göttliches Feuer auch treibet, bei Tag und Nacht / Aufzubrechen. So komm! dass wir das Offene schauen“. Hatte Safranski bei Goethe lebenstaugliche Antworten gefunden, so entdeckt er bei Hölderlin nun die Wucht einer Frage, deren Virulenz ihm keinesfalls erloschen scheint. „Eine Annäherung an Hölderlin wird wohl kaum gelingen, wenn man unempfindlich bleibt für göttliches Feuer, wie immer man sich seine Bedeutung zurechtlegen mag. Was also ist das für ein Feuer, das in Leben und Poesie Hölderlins brennt? Das ist die Frage, der dieses Buch nachgeht.“

Wie tief bewegt war diese Lebensgeschichte doch! Hölderlin entstammte einer wohlhabenden schwäbischen Familie, die Staatsbeamte und evangelische Theologen hervorgebracht hatte. Der Heranwachsende sollte erfahren, dass die Sozialisation durch den allzu rigiden Pietismus Segen und Hemmschuh zugleich war, rasch überwunden und anders fruchtbar gemacht werden musste. Er litt lebenslang darunter, dass die eigene Mutter keinerlei Verständnis für seine dichterische Berufung hatte. Erst die kurze, unglücklich endende Beziehung zu der verheirateten Susette Gontard sollte ihm Liebe und seelischen Gleichklang bescheren.

In gewohnt kundig-bündiger Weise schildert Safranski die philosophischen Debatten der Zeit, in die Hölderlin zutiefst involviert war. Im Tübinger Stift freundete sich der Student mit Hegel und Schelling an und hörte später Fichte in Jena. Die Begeisterung für Spinoza führte die Zeitgenossen hin zu einer pantheistisch durchdrungenen Natur, von Fichte lernten sie die energische Selbstergreifung des Ich.

Erst die Poesie sollte beides miteinander versöhnen und etwas wie die Erotik subjektiven Umgangs mit Natur ermöglichen. Auch Kant hatte ja die eigentliche Selbstermächtigung des Individuums in dessen produktivem Schöpfertum gesehen. Hölderlin musste darum bald das „Hochplateau der Gedankenarbeit“ verlassen und Vergegenwärtigung durch Poesie suchen.

Rüdiger Safranski: Hölderlin. Komm! ins Offene, Freund! Biographie. Hanser, München 2019. 336 S., 28 Euro.

Der Dichter war bekanntlich glühender Verfechter der Französischen Revolution. In seinem Theaterstück „Empedokles“ träumt er von einem Volk, das sich vom Feudalismus befreit hätte und in Gleichheit und Brüderlichkeit auch wahrhaft gastfreundlich sein könnte. Deutsche Soldaten meinten später, mit Hölderlin im Tornister in die beiden Weltkriege ziehen zu können, aber der Dichter hatte doch eher die „Marseillaise“ im Sinn, wenn es ihm um vaterländisches Pathos ging.

Die allmählich zunehmende geistige Zerrüttung des Dichters stellt Safranski in ihrer rätselhaften Komplexität dar, also ohne einfache Antworten zu geben. Nach dem Abschied von Susette und vor seiner Abreise nach Bordeaux hat Hölderlin seinem Freund Casimir Ulrich Böhlendorff geschrieben: „jetzt fürcht’ ich, dass es mir nicht geh’ am Ende, wie dem alten Tantalus, dem mehr von Göttern ward, als er verdauen konnte“. Als er dann einmal in weinseliger Runde mit Gleichgesinnten revolutionäre Umsturzpläne entworfen hatte, sollte er durch einen gewissen Blankenstein beim Herzog von Württemberg denunziert werden, was große Beängstigung bei ihm hervorgerufen haben dürfte. Trotzdem hat er offenbar keinen Verfolgungswahn entwickelt und muss mit seiner Zerrüttung sogar recht spielerisch umgegangen sein, weshalb verschiedene Zeitgenossen sie für bloße Maskerade hielten.

Nach seiner Einweisung in eine psychiatrische Klinik nahm ihn der Schreinermeister Zimmer in seinem Tübinger Turm rührend in Pflege. Derart gut informiert wird der Leser dann auch die späten, ergreifend schlichten Gedichte würdigen können, die in besagtem Turm entstanden und leider nur in kleiner Zahl erhalten sind, aber an gewisse Klaviersonaten von Schubert erinnern, die längst schon von drüben zu kommen scheinen.

Eine gewisse dekonstruktivistische Kritik hat, ausgehend von der in „Hälfte des Lebens“ ausgesprochenen Beklemmung – „Die Mauern stehn sprachlos und kalt / Im Winde klirren die Fahnen“ –, den Willen des Dichters zu völliger Sinnentleerung und zum Blick in bodenlose Abgründigkeit erkennen wollen. Safranski kann aber deutlich belegen, dass der Dichter nach wie vor von tiefem geistlichem Empfinden umgetrieben war. Wenn er entschieden in Säkularität eintauchen wollte, dann war es um der Ankunft des Gottes willen.

Die letzte seiner großen Hymnen, die „Friedensfeier“, sieht diese göttliche Gegenwart inzwischen verwirklicht und grüßt den Frieden, der in diesem Augenblick, in dem das revolutionäre Frankreich den Zweiten Koalitionskrieg für sich entschieden hat (1801), die ersehnte europäische Friedensordnung endlich zu gewährleisten scheint: „Allversöhnender der du nimmergeglaubt / Nun da bist“. Zusammen mit der Hoffnung auf Bonaparte lässt der Dichter in dieser Hymne zugleich jedoch sowohl die Vision einer neuen Mythologie, von der auch Hegel und Schelling gesprochen hatten, als auch die Figur Christi aufscheinen, der umfassende Versöhnung vorgelebt hatte.

Es ist, als habe Hölderlin dem Neuen Testament eine Energie abgespürt, die ihn weit über die kirchliche Orthodoxie hinaustreiben musste. Mit Händen und Füßen musste er sich dagegen wehren, eine Pfarrstelle anzutreten, wie die Mutter es gewünscht hatte, weil er sich einem Ideal strömender Rede verpflichtet hatte, welches in mancherlei Hinsicht den kühnen Absprung zur Voraussetzung seiner Verwirklichung hatte, gerade weil es sich aus der Überlieferung speiste. In diesem Sinn musste er auch Dionysos mit in seine Idee des Göttlichen hineinnehmen, weil er dieses sich nicht anders denn als treibende Kraft radikaler Verlebendigung vorstellen konnte.

Bemerkenswert ist, dass der behandelte Gegenstand den Autor diesmal veranlasst, das Genre der Biografie, das gern zu historisierender Beschaulichkeit neigt, in seiner innersten Anlage aufzusprengen, ja fast schon aufzugeben, um Streitschrift, Memorandum und Wegweiser ins Aktuelle zu werden.

Siebzig Jahre nach Kriegsende fällt der Literatur noch immer die Aufgabe zu, die Deutschen wieder an sich selbst zu erinnern. Dieser Erinnerung bedarf es nach wie vor. Safranskis neuem Buch sind viele, viele Leser zu wünschen!

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