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Die Literatur lässt sich feiern: Bankett beim Literaturnobelpreis.

Buchbranche

"So rückt die Literatur ins Licht"

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Der Chef des Carl Hanser Verlags, Jo Lendle, über die Bedeutung von Preisen für einen Verlag.

Herr Lendle, was bedeutet es für einen Verlag wie den Ihren, wenn ein Autor die Auszeichnung bekommt?
Die ganze Buchbranche steht da wie ein Kind, das erfährt, sein Geburtstag sei aufs nächste Jahr verschoben. Der Tag der Verkündigung des neuen Nobelpreisträgers ist ja nicht nur für Verleger ein Festtag, sondern für alle Leser – und sei es nur, um die Entscheidung zu diskutieren. Der Preis rückt die Literatur ins Licht, das freut die Verlage ebenso wie die konkreten Verkäufe. Natürlich finden die prämierten Werke zugleich auch neue Leser, für die 17 Literaturnobelpreisträger des Hanser Verlags variierte das enorm, von einigen Zehntausend verkauften Büchern bis zu Hunderttausenden.

Ist der Preis durch die Enthüllungen der letzten Wochen grundsätzlich beschädigt, hat er an Strahlkraft als bedeutendste Literaturauszeichnung verloren?
So bitter die Entscheidung für potenzielle Preisträger und für die Branche ist, scheint sie mir dennoch richtig. Und durch die Verschiebung ist das ja recht weise gelöst. Der Preis denkt in längeren Zeiträumen als einem einzelnen Jahr, da ist es wichtig, dass die Akademie die Vorwürfe aufklärt und sich eine neue Ordnung gibt. Auch nach einzelnen Entscheidungen wurde der Preis immer wieder heftig diskutiert. Wenn Aufarbeitung und Neujustierung nun gelingen, kann der Preis sogar gestärkt herauskommen. 

Waren Sie erschrocken oder froh über die heutige Nachricht aus Stockholm?
Ich war weder erschrocken noch erfreut über die Entscheidung, aber erleichtert: Ich habe gehofft – und erwartet –, dass die Akademie nicht versucht, „business as usual“ zu machen.

Wegen des Zweiten Weltkriegs ist die Verleihung letztmals ausgesetzt worden. Würden Sie die Aufdeckung des zu lange geduldeten Machtmissbrauchs von Männern gegenüber Frauen als eine Art Krieg der Gegenwart ansehen?
Die Tatsache, dass die Verleihung des Nobelpreises zuletzt im Zweiten Weltkrieg ausgesetzt wurde, sollte nicht zu falschen Schlüssen verleiten. Zwischen Frauen und Männern findet kein Weltkrieg statt, sondern es wird genauer hingeschaut, wo Macht missbraucht wird. Dafür sind ehrwürdige Institutionen besonders anfällig. Beispiele gibt es ja genug, in denen die Fortsetzung von Traditionen wichtiger schien als Aufklärung. Wenn festgefahrene Systeme in Bewegung geraten, entlädt sich Spannung manchmal eruptiv, das erleben wir gerade. Aber ein Krieg ist das nicht.

Wer ist der richtige Autor, das Drama um den Preis in einen Roman zu verwandeln?
Der beste Autor, um diese Nobelpreis-Vorgänge in einem Roman zu verarbeiten, wäre einer, dem auch der Preis schon lange gebührt: Philip Roth. Aber der hat zu meinem Kummer sein Schreiben eingestellt.

Interview: Cornelia Geißler

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