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An den Rückseiten der Städte

  • VonMichael Braun
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Die schönen, quälenden Seventies: Der vor 25 Jahren verstorbene Dichter Nicolas Born fühlte und schrieb wider das linke Klischee

Peter Handke hat einmal in einem Gedenkblatt die Frage gestellt, warum denn über die Gedichte seines toten Freundes Nicolas Born nicht ebenso viel begeistertes Geschrei herrsche wie über die Lyrik des für seine Radikalität bewunderten Rolf Dieter Brinkmann. Wie berechtigt diese Frage (noch immer) ist, bewiesen im vergangenen Jahr unfreiwillig die Autoren der heftig diskutierten Anthologie Lyrik von Jetzt (DuMont Verlag), die in devoten Reminiszenzen den wilden Poeten Brinkmann hochleben ließen, während sie den lyrisch komplexeren Nicolas Born gründlich vergessen hatten. Tatsächlich sind schrille Feinderklärungen in den Werken des 1979 mit nur 41 Jahren gestorbenen Alltagsrealisten Born nicht zu finden.

Der Polizistensohn Klaus-Jürgen Born aus Praest am Niederrhein, einem Dorf unweit der holländischen Grenze, war im April 1963 als wortkarger, introvertierter Mann nach Berlin ins Literarische Colloquium gekommen, wo der gelernte Chemigraph umgehend die Initiationsriten des literarischen Betriebs durchlief. Gemeinsam mit Peter Bichsel, Hubert Fichte, Hermann-Peter Piwitt und Hans Christoph Buch saß er in Walter Höllerers legendärem Seminar "Prosaschreiben", um bald darauf bei Dieter Wellershoff vorzusprechen, der damals nicht nur Lektor im Verlag Kiepenheuer & Witsch war, sondern als Schlüsselfigur einer neuen Bewegung, der "Kölner Schule", agierte. Als 1965 bei Kiepenheuer & Witsch Borns Romandebüt Der zweite Tag erschien, rubrizierte man den literarischen Neuling prompt als einen weiteren Vertreter jener phänomenologisch orientierten Beschreibungsprosa. Die Helden seiner bekanntesten Romane, Die erdabgewandte Seite der Geschichte (1976) und Die Fälschung (1979), werden dann durch eine persönliche Lebenskrise immer tiefer in ein Gefühl der Lähmung hineingetrieben.

Schmerzhafter Tribut

Für den Enthusiasmus seiner ersten literarischen Erfolge im Berliner Dichter-Milieu musste Born bald einen schmerzhaften Tribut entrichten: 1966 zerbrach seine erste Ehe, er verließ sein Elternhaus in Essen und ging endgültig nach Berlin. Auf der Flucht vor den Kollektivräuschen der Linken siedelte er in späteren Jahren mit seiner zweiten Ehefrau Irmgard und seiner Tochter Katharina ins Wendland über, wo sich gerade die Protestbewegung gegen das atomare Endlager in Gorleben formiert hatte.

Aus dem strengen Wahrnehmungs-Protokollanten des Romans Der zweite Tag war 1967 der Dichter Nicolas Born geworden, der im Klappentext seines lyrischen Debüts Marktlage das Evangelium der neuen, offenen Poetik verkündete: "Weg von Symbol, Metapher, von allen Bedeutungsträgern... die Gedichte sollen roh sein, jedenfalls nicht geglättet; die rohe, unartifizielle Formulierung, wird wieder Poesie..." In diesem ersten Gedichtband hat sich noch die Lebenswelt der Menschen aus dem Revier eingelagert; in knappen Strichen zeichnet Born das Bild einer untergehenden Nachkriegsgesellschaft, deren Realien zum "Verrott" geworden sind. In den tektonischen Schichtungen dieser alten Gesellschaft wächst noch undeutlich ein neues Ich heran, das nach "Veränderungen" hungert.

Als er im Nachwort zu seinem Band Das Auge des Entdeckers (1972) den Begriff der Utopie ins Spiel brachte, standen gleich die linken Freunde Spalier, um ihn ins systemkritische Milieu einzugemeinden. Dabei verachtete Born nichts so sehr wie jene lamentierende Literatur, die auf "die Misere abonniert" ist.

Die entscheidende Prägung empfing der junge Born keineswegs von dem kulturrevolutionär gestimmten Berliner Freundeskreis um Buch und Piwitt, sondern von dem Dichter Ernst Meister, mit dem er 1959 in Kontakt gekommen war. Von Meisters Sprachmagie, betonte er später, habe er vieles "über die Genauigkeit und die Unsicherheit der Sprache" gelernt. Dieser Sprachempfindlichkeit verdankte Born, dass er resistent blieb gegen die stilistische Lässigkeit und politische Naivität der Autoren aus dem Umkreis der Studentenbewegung. "Ein Gedicht muß dunkle Stellen haben", schrieb er in einer Rezension zu einem Band Ernst Meisters - eine Lektion, die er auch in seinem Band Das Auge des Entdeckers beherzigte.

Solche Töne wurden in der Lyrik-Debatte der siebziger Jahre gar nicht gern gehört. Man hatte sich allzu euphorisch auf "den Glanz des einfachen, direkten Ausdrucks" (Jürgen Theobaldy) eingeschworen. Gegenüber den prahlerischen Allgemeinbegriffen seiner linken Freunde wahrte Born stets Distanz; sein als Flugblatt verteiltes Gedicht "Berliner Para-Phrasen", das ein Demo-Erlebnis in lyrisierte Tiraden ummünzt, hat er später nicht mehr in seinen Band Gedichte 1967 - 1978 aufnehmen wollen.

Dies ist eine der großen Überraschungen, mit denen uns die im Wallstein Verlag erschienene kritische Gesamtausgabe seiner Gedichte nun konfrontiert: Der gegen die "Poetologien der Altvorderen" polemisierende Dichter war in seinen literarischen Anfängen von der "Neuen Subjektivität", zu deren Galionsfigur er später ausgerufen wurde, sehr weit entfernt. Bereits um 1960 hatte er - noch unter seinem Geburtsnamen Klaus-Jürgen Born - eine nie veröffentlichte Gedichtsammlung mit dem Titel Echolandschaft zusammengestellt, die noch ganz vom hohen Ton Ernst Meisters beeinflusst war (dessen Ehefrau Born auch den Einfall verdankte, sich den Künstlernamen Nicolas zuzulegen).

Zu den größten Verdiensten dieser kritischen Ausgabe seiner Gedichte gehört die Neuakzentuierung und subtile Korrektur des Born-Bildes, das bislang Hans Christoph Buch und Hermann Peter Piwitt mit biographischen Skizzen geformt hatten.

Die Herausgeberin der Ausgabe, Borns Tochter Katharina, entdeckt in ihrer sorgsamen Rekonstruktion der Lebensgeschichte Nicolas Borns viele neue Facetten im Leben dieses Dichters. Hier werden auch erstmals die Gedichte aus dem Nachlass veröffentlicht, die man nach einem verheerenden Brand in Borns Haus im Jahr 1976 vernichtet glaubte. Die dokumentierten Arbeitsprozesse an einzelnen Gedichten zeigen zudem einen Autor am Werk, der die scheinbare Leichtigkeit und Beiläufigkeit seiner Gedichte in strenger formaler Selbstdisziplinierung hergestellt hat. Die "Momente der Leere und Versunkenheit", die Born in seinen späten, verzweifelten "Notizen aus dem Elbholz" anspricht, haben sich bereits in die noch zuversichtlichen Gedichte des Bandes Das Auge des Entdeckers eingeschrieben. Was man später "Neue Subjektivität" genannt hat - in diesen Gedichten ist es am differenziertesten entwickelt: Ein instabiles, unruhiges Ich, das sich neugierig in die Welt hinein tastet und nach verlässlichen Orientierungen sucht. Nicht immer gelingt es Born aber, dieses Ich von bräsigen Exhibitionismen freizuhalten. Er weigere sich, schrieb Born einmal an Günter Kunert, sich vom herrschenden Realitätsprinzip und seinen Identitätsangeboten einfangen zu lassen: "Lieber keine Identität. Lieber zusammengesetzt sich fühlen aus lauter sich gegenseitig abstoßenden Fremdorganen."

Dieses Bewusstsein des Ich-Verlusts und des Fremdgesteuertwerdens hat ihn in den späten Gedichten fast erstickt. Ein Vierteljahrhundert nach seinem Krebstod am 7. Dezember 1979 wird nun ein Dichter wieder entdeckt, der die Fremdheit des Lebens und den Zusammenbruch der Utopien in unvergesslichen Versen fixiert hat: "Mit uns macht die Geschichte Schluß. / Am genauesten sieht man sie wenn der Zug / langsam entlangfährt an den Rückseiten der Städte / Lagerhallen Höfe, die Kehrseite der Wäsche/ und der Blumenfenster/ die erdabgewandte Seite der Geschichte."

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