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Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre am Ort des Geschehens: im Café, hier 1970.

Sarah Bakewell „Das Café der Existentialisten“

Rückkehr zur Wirklichkeit

Als das Phantasiestück namens „modernes Europa“ entwickelt wurde: Die britische Autorin Sarah Bakewell spaziert durch den Irrgarten des Existenzialismus, für sie die Chiffre einer Epoche.

Von Harro Zimmermann

Nach dem Inferno von Weltkrieg und Holocaust, als wahnhafte Ideologien den Kontinent Europa materiell und geistig ruiniert hatten, konnte es für viele Intellektuelle nur noch die Rückkehr des Menschen zum Wahrhaftigen und Authentischen geben. Das Ich musste sich emanzipieren von allen Befangenheiten und Einschnürungen des Daseins und des Denkens. Freiheit hieß das Losungswort der Zeit.

In diesen Jahren der Not sollte ausgerechnet die Stunde der deutschen akademischen Philosophie schlagen – die der Phänomenologen. Kierkegaard und Nietzsche, die Urväter von Phänomenologie und Existenzialismus, hatten die oft angsterfüllte, von Entscheidungsnöten getriebene subjektive Existenz in den Mittelpunkt ihrer Philosophien gerückt, auf faszinierende Weise war bei ihnen das Denkprogramm von Unzufriedenheit und Rebellion, von aktiver Selbstbehauptung und individueller Autonomie vorgebildet. Dazu trat in den zwanziger Jahren der Einfluss von Männern wie Edmund Husserl und Martin Heidegger. Sie übten nicht nur auf die Pariser Szenerie um Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir Wirkung aus, sondern auch auf den public spirit, auf Alltagskultur und Politik ganz Europas und Amerikas.

Husserls Vorhaben, die „Sachen selbst“ in genauesten Augenschein zu nehmen, zum Kern der Erfahrungen vorzustoßen und dabei die Autorität der überkommenen -ismen mit all ihrem spekulativen Ballast abzuwerfen, entband so etwas wie ein subversives Reflexionspotential. Weil Leben und Erfahrung in ihrer Gesamtheit und existenziellen Verknüpfung wahrgenommen werden mussten, konnte Karl Jaspers ein „anderes“ Denken fordern, eines, das „im Wissen zugleich mich erinnert, wach macht, zu mir selbst bringt, mich verwandelt“. Philosophie sollte zu einem Lebenselixier werden, zum Energetikum der mutigen Entscheidung, der Freiheit.

Der bornierte Sonderling

Auch wenn Martin Heidegger, gekleidet im Schwarzwälder Bauernrock und auf Holzwegen wandelnd, eine weltphilosophische Provinzgröße, ein Nazi-Adept, Kollegenverräter und bornierter Sonderling war, dieses „phänomenologische Kind“ hatte mit seiner Wissenschaft vom Sein jene „empfundene Seltsamkeit“ in die Welt gesetzt, kraft derer für viele Zeitgenossen noch einmal das große philosophische Staunen heraufziehen konnte.

Für Sarah Bakewell hat erst dieser „Romancier der Moderne“, der die Welt und die Philosophie in seinem Wort ursprüchlich noch einmal erschaffen wollte, das Hineingeworfensein des Individuums in den Alltag zu denkerischer Bedeutung erhoben. Heidegger zufolge ging die „Sorge“ um sich selbst in der Mitwelt des „Zuhandenen“ jeder Wahrnehmung und Gedanklichkeit des Einzelnen voraus – für die Existenzialisten lag darin nicht weniger als die Ermutigung zu persönlicher Autonomie und zur „unauslotbaren Strahlkraft“ gelebter Erfahrung und Kommunikation unter Menschen.

Der Sprung in die Freiheit und Selbsterfindung – das sollte immer mehr zu einer Sache der Entscheidung für jeden Einzelnen werden. Sartre und de Beauvoir, Merleau-Ponty und Camus, Jaspers und Marcuse, Lévinas, Edith Stein, Hannah Arendt und zahllose andere in- und ausländische Intellektuelle, Wissenschaftler und Künstler, allesamt leidenschaftliche Café-Besucher, Kettenraucher und Beziehungsgeschädigte, standen im Bann einer Philosophie, die zur Wirklichkeit gefunden hatte, die Lebenssinn und Daseinsenergie im Namen der Freiheit versprach.

Sarah Bakewells kundiger und gut gelaunter Spaziergang lässt den Irrgarten des weltweit ver-breiteten Existenzialismus in seinen biographischen und habituellen Absonderlichkeiten, in intellektuellen und künstlerischen Debatten, politischen Kontroversen und Kämpfen anekdotenreich und prägnant hervortreten. Was Philosophen gedanklich freigesprengt hatten, gewann etwa seit Mitte der vierziger Jahre – noch im Zeichen von Krieg und deutscher Besatzung – eine eigensinnige kulturelle Dynamik.

Der leuchtendste Stern

Von Sartres Ekel vor klebrigen Körpersäften, seinen sexuellen Obsessionen, Beziehungskämpfen und Drogen-Eskapaden bis zu seiner lebenslangen Schreibbesessenheit, von seinem Kommunikationsfuror bis zu den politischen Glaubenskämpfen und -umbrüchen der Spätzeit reicht die tour d’horizon in diesem lesenswerten Buch. Doch Sartre, über fünfzig Jahre in offener Beziehung mit der attraktiven Emanzipations-Ikone Simone de Beauvoir verbunden, war nur der leuchtendste Stern in einer Szenerie, zu der so illustre künstlerische Köpfe wie Jean Genet, Raymond Queneau, Michel Leiris, Edith Stein, Boris Vian, Alberto Giacometti und Picasso gehörten.

Als Jean-Paul Sartre Heidegger 1953 in Freiburg besuchte, sollte der mittlerweile unermessliche Abstand zwischen dem Urvater des phänomenologischen Denkens und seinem „anarchischen“ Schüler deutlich werden. Beide können damals nur aneinander vorbeireden, insbesondere wenn es um das Problem der politischen Verantwortung des Schriftstellers geht. Der „Alte vom Berg“ habe ihn dabei nur „unendlich mitleidig“ angesehen, sagt Sartre später.

Viel produktiver war die Auseinandersetzung mit Albert Camus, dem Geisteskompagnon aus Résistance-Zeiten. Zunächst gut befreundet, wenn auch von der berühmten Absurdismus-These unbeeindruckt, gerät Sartre mit Camus in der Frage nach dem Verhältnis zur sozialistischen Utopie und zur Sowjetunion in einen heftigen öffentlichen Streit. Camus vermag an das eine Ziel der Geschichte nicht zu glauben, sondern plädiert für die endlose, sich selber mäßigende Revolte. Sartre, der Mann der vielfachen Kehren, bricht die Freundschaft mit diesem Konterrevolutionär tief enttäuscht ab.

Für Sarah Bakewell stellt dieser Konflikt die Chiffre für eine Epoche dar, für ein Kapitel europäisch-globaler Kultur- und Intellektuellengeschichte, das im Angesicht heutiger Freiheitsbedrohungen und ideologischer Kontroversen immer noch „frische Perspektiven“ eröffnen könnte. Das mag als Frage dahingestellt bleiben, aber sicher ist, dass jener Existenzialismus der Kriegs- und frühen Nachkriegszeit sowohl den Nonkonformismus der fünfziger, als auch den linken Idealismus der späten sechziger Jahre mentalitär und intellektuell geprägt hat. In den Cafés der Existenzialisten wurde bei Aprikosencocktails und unter Zigarettenqualm ein Phantasiestück namens „modernes Europa“ ausgesponnen, dessen konfliktreiche Zukunft immer noch anhält.

Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein & Aprikosencocktails. A. d. Engl. v. Rita Seuß. C. H. Beck, München 2016. 448 S., 24,95 Euro.

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