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Demonstranten mit einem Plakat von Silvio Berlusconi, gegen den sie auch protestieren.

In Berlusconis Italien: "Viva Mussolini!"

Die Rückkehr des Duce

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Anders als die Deutschen wurden die Italiener nach Kriegsende mit ihren Verbrechen nicht konfrontiert. Wie das mit dem Riesenerfolg Silvio Berlusconis zusammenhängt erklärt das Buch "Viva Mussolini"".

Jüngst ging eine wunderliche Meldung durch die Presse: In Italien sei das beliebteste "App", die beliebteste iPhone-Anwendung, "iMussolini". Wer auf dem Touchscreen das Symbol mit dem stahlhelmbewehrten Duce anklickte, konnte dessen Reden hören und lesen. Rund tausend Italiener taten dies täglich. "Duce! Duce!", hallte es vor nicht allzu langer Zeit auch Silvio Berlusconi bei einem öffentlichen Auftritt entgegen. Es waren nicht Gegner, die den italienischen Regierungschef verhöhnten, sondern seine Anhänger, die ihn bejubelten. Kann man sich vorstellen, dass begeisterte Anhänger Angela Merkel "Führerin! Führerin!" entgegenbrüllen? Natürlich nicht. Was also ist mit Italien passiert? Dieser Frage geht der Schweizer Historiker Aram Mattioli in seinem neuesten Buch "Viva Mussolini!" nach.

Der Gründungsmythos

Anders als die Deutschen wurden die Italiener nach Kriegsende mit ihren Verbrechen nicht konfrontiert. Es gab keine Kriegsverbrecherprozesse. Dafür aber schon 1946 eine vom kommunistischen Justizminister Palmiro Togliatti verfügte Generalamnestie für rechtskräftig verurteilte Faschisten. Die Kommunisten hatten unter Mussolinis Herrschaft am meisten gelitten und im Befreiungskrieg den höchsten Blutzoll entrichtet. Aber Togliatti wollte einen Neuanfang.

Der Neuanfang war die "aus dem Widerstand geborene" Verfassung von 1948. Das war der Gründungsmythos der italienischen Republik. Er implizierte, dass Italien sich aus eigener Kraft von der nazifaschistischen Besetzung befreit habe. Er verschwieg den italienischen Bürgerkrieg zwischen Partisanen und den Milizionären der faschistischen Republik von Salò (1943 - 1945), die Mussolini nach seinem Sturz 1943 mit Hitlers Hilfe in Norditalien errichtet hatte. Und auch, dass das faschistische Regime 20 Jahre lang durchaus populär war und sich bis in die ersten Kriegsjahre hinein auf einen Massenkonsens stützen konnte, war kein Thema.

Die ersten Angriffe auf den in der Verfassung von 1948 festgezurrten antifaschistischen Grundkonsens kamen von einem der bekanntesten konservativen Historiker Italiens. Renzo De Felice, Autor einer dicken Mussolini-Biographie, bestritt, dass der Faschismus eine rassistische Komponente hatte. Mussolinis unter systematischem Einsatz von Giftgas geführter Eroberungskrieg in Äthiopien und die harten Besatzungsregimes in Libyen, am Horn von Afrika und auf dem Balkan, die etwa eine Million Todesopfer forderten, schienen ihm für die Deutung des Faschismus irrelevant. Schon Ende der 80er Jahre forderte der Historiker die Streichung der antifaschistischen Normen der Verfassung und des Verbots faschistischer Parteien.

Zum Dammbruch kam es zu Beginn der 90er Jahre. Unter dem Druck gigantischer Bestechungsskandale lösten sich die Christdemokratische Partei und die Sozialistische Partei quasi über Nacht auf. Wie ein Phönix aus der Asche betrat Silvio Berlusconi die leergefegte politische Bühne, gründete eine Partei, gewann zwei Monate danach im März 1994 die Wahlen und nahm drei Mitglieder des MSI (Movimento Sociale Italiano), der noch die Werte von Mussolinis Republik von Salò hochhielt, in sein Kabinett auf. "Italien war das erste Land, das den antifaschistischen Nachkriegskonsens durchbrochen hat", urteilte der konservative deutsche Historiker Ernst Nolte. Man müsste sich NPD-Minister in einem Kabinett Kohl vorstellen, wollte man die Tragweite begreifen.

MSI-Chef Gianfranco Fini, heute Präsident des Abgeordnetenhauses, hatte 1992 die Rückgabe Istriens an Italien gefordert. Noch drei Tage nach dem Wahlsieg Berlusconis hatte er Mussolini als den größten Staatsmann der italienischen Geschichte bezeichnet. Nun wandelte er sich innerhalb von etwa einem halben Jahr vom Saulus zum Paulus und hielt den Faschismus für einen "Teil des absolut Bösen", Mussolinis Rassengesetze von 1938 für eine Schande und die Republik von Salò für ein beschämendes Kapitel der italienischen Geschichte.

Faschismus gezielt verharmlost

Berlusconi nahm auch Alessandra Mussolini, die Enkelin des Diktators, in sein Bündnis auf. Sie hatte, enttäuscht von Finis Wende, eine eigene rechtsextreme Splitterpartei gegründet. Und er äußerte sich selbst über die Diktatur des Duce: "Für eine gewisse Zeit hat Mussolini gute Dinge in Italien getan", verteidigte er 1994 Fini. Später fand er, die faschistische Diktatur sei "gutartig" gewesen, der Duce und seine Schergen hätten schließlich nie gemordet, und die Verbannung Oppositioneller bezeichnete er frivol als Verschickung in die Ferien. Unter Berlusconi, weist Mattioli in seinem Buch nach, wurde der Faschismus gezielt verharmlost, so dass Meinungen, die früher als rechtsextrem abgelehnt worden wären, inzwischen auch von bürgerlichen Honoratioren vertreten wurden. Die Faschismus-Apologie sei damit gewissermaßen in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Spitzenpolitiker des früheren MSI, der sich zur Alleanza Nazionale wandelte und im vergangenen Jahr in Berlusconis "Volk der Freiheit" aufging, behaupten, bloß um eine deutsche Okkupation Italiens zu verhindern, habe Mussolini die Republik von Salò gegründet. Deren Milizionäre seien "Partisanen von rechts" gewesen. So wird der antifaschistische Gründungsmythos von einem neuen Mythos verdrängt, der den Unterschied zwischen Faschisten und Antifaschisten einebnen soll.

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