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Alter Weg, modernes Gefährt: Via Appia in Rom.

Mathijs Deen

Auf dem Rücken Europas

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„Über alte Wege“: Mathijs Deen schildert eine Kulturgeschichte an Einzelbeispielen – bunte, erinnerbare Flecken eines großen Ganzen.

Die längste Europastraße ist die E 40. Sie führt vom französischen Calais bis zum kasachischen Ridder. Oder andersherum natürlich. 8413 Kilometer insgesamt. Für die gleiche Strecke macht der Routenplaner auch ein kürzeres Angebot von nur 6511 Kilometern Länge. Mit dem Auto wäre man in drei Tagen und etwas mehr als vier Stunden pausenlosen Fahrens am Ziel und käme dabei durch Belgien, Deutschland, Polen, Weißrussland und Russland.

Aber bei den Europastraßen geht es nicht um die schnellste Verbindung, sondern um die beste. Und die führt etwas südlicher auch durch die Ukraine, Turkmenistan, Usbekistan und Kirgisistan. Wobei es sich dort geografisch längst nicht mehr um Europa handelt. Das Europastraßennetz, das als Idee schon seit 1950 existiert, in seiner heutigen Form aber erst 1975 von der Unece festgelegt wurde, der Europäischen Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen, formuliert eine Utopie. Und die beste Straße ist die, die am meisten verbindet.

Der niederländische Radiojournalist und Schriftsteller Mathijs Deen hat sich vom Netz der Europastraßen inspirieren lassen, in die Geschichte Europas abzutauchen. Beziehungsweise in das Europäische der kulturgeschichtlichen Erzählungen, die er an historischen Personen, Figuren oder Objekten entwickelt. Eine subjektive Auswahl, die durch die Jahrtausende vom Austausch erzählt und von Verbindungen quer über den Kontinent hinweg.

Mathijs Deen: Über alte Wege: Eine Reise durch die Geschichte Europas. DuMont, Köln 2019. 416 S., 24 Euro.

Heute ist Europa für die einen ein bürokratisches Monster, das staatliche Selbstbestimmung aufzufressen droht. Für andere eine fette Kuh, die es zu melken gilt. Für wieder andere ein Vehikel ihrer Einzelinteressen. Und für manche die Hoffnung auf die Überwindung einer national orientierten Denkweise im Bewusstsein, dass „Nation“ letztlich ein Konstrukt ist, das auf gemeinsamen Privilegien fußt. (Eine gemeinsame Sprache oder Geschichte haben Ostfriesen und Bayern beispielsweise ja nicht. Aber dass Bismarck für eine Sozialversicherung für alle sorgte, war nicht die schwächste Leiste ihres gemeinsamen „deutschen“ Rahmens.)

Die von Mathijs Deen erzählten Geschichten spielen auf den alten Handelswegen, die unter dem Netz der Europastraßen liegen (wobei die genauen Streckenverläufe keine Rolle spielen, dieses Buch ist kein Sachbuch für Fernverkehr-Freaks). Die römische Via Appia etwa, die, wie Deen aus der Sicht eines fiktiven Straßenräubers vom Anfang des 3. Jahrhunderts schreibt, ein „Zügel auf dem Rücken Italiens“ war, den die Regierenden fest in der Hand hielten.

Die Straße „diente nicht nur dazu, verschiedene Teile Italiens zu verbinden und zu versorgen, sondern auch dazu, es zu beherrschen, es berechenbar und kontrollierbar zu machen“. Doch nicht nur der Senat von Rom konnte aufgrund der Streckenführung im Auge behalten, wer sich nach wohin aufmachte und wann dort ankommen musste. Sondern eben auch einer, der seinen eigenen Vorteil im Sinn hatte. Wie der Besitz den Diebstahl schafft, gebiert die Macht den Widerstand.

Die Erzählungen in diesem Buch vollziehen Strecken nach, die Menschen in allen Zeiten zurückgelegt haben, um besser leben zu können. Sie lenken den Blick auf die Dinge, die dabei mitgenommen wurden. Und sie erinnern an die großen transeuropäische Machtnetzwerke, die es jahrhundertelang gab. Dass heimische Landschaft und Sprache Sehnsuchtsbegleiter noch jeder Reise sind, steht außer Frage. Aber das hinderte die Akteure nicht, auch das Neue zu suchen und es ins eigene Weltbild einzulassen.

In „Der Glücksjäger“ geht es Mitte des 17. Jahrhunderts sowohl um einen spanischen Juden, der mit den Dramen Lope de Vegas’ unter dem Mantel über die Pyrenäen flieht und in Amsterdam eine schützende Gemeinde findet. Und es geht um eine niederländische Schauspielertruppe, zu der ungewohnterweise auch Frauen gehörten und die erst Dänemark und Schweden bereisen musste, bevor sie – als Ergebnis einer Empfehlungskette von Stockholm über Berlin nach Amsterdam – bei sich zu Hause auftreten durfte.

Ganz Reporter, beginnt Deen stets im Heute, besucht Menschen, die mit den Orten oder Dingen seiner Geschichten zu tun haben und trägt dann Recherchiertes und Vermutetes zusammen, fabuliert an dem entlang, was gesichert ist und fühlt sich durchaus detailreich in den Rest ein, ohne einen vorsichtigen Vielleicht-Ton zu verlieren. Von ersten Europäern um 800 000 v. Chr. bis ins Jahr 2017 spannt sich der Bogen und hinterlässt erinnerbare farbige Flecken auf dem Bild eines historisch Großen und Ganzen.

Mathijs Deen praktiziert kein Nature Writing wie Robert Macfarlane in seinem fast gleichnamigen Buch „Alte Wege“, für das er alte Pfade vorwiegend in Großbritannien abschritt und notierte, was er sah und fühlte. Trotzdem bekommt man unmittelbar Lust, sich in Bewegung zu setzen. Man fragt sich, wie es kommt, dass die Menschen früherer Zeiten in ihren doch so viel kürzeren Leben Zeit für Tage-, Monats- und Jahresmärsche aufbringen konnten, während unsereiner im Navi stets ohne Zögern die kürzeste der angegeben Routen anklickt und Regress verlangt, wenn sich die Bahn mal eine Stunde verspätet. „Europa“ ist in diesem Buch etwas sehr Konkretes. Ein Ort zum Starten und Ankommen. Ein Wegesystem sich überschneidender Geschichten. Eine Herkunft. Ein Horizont. Ein Netz.

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