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Der nächtliche Flaneur am Totenbett. 

Pariser Nächte

Rétif de la Bretonne: Revolutionäre Nächte

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Reinhard Kaiser übersetzt den in Deutschland kaum bekannten Rétif de la Bretonne.

Rétif de la Bretonne ist einer der großen Flaneure der Literaturgeschichte. In den Jahren vor und nach der Französischen Revolution von 1789 streifte er durch das nächtliche Paris. Beobachtete das Leben der kleinen Leute, der Prostituierten, Bettler und Leichenfledderer, besuchte Cafés. Spelunken und Bordelle. Seine Erlebnisse schrieb er unter dem Titel „Les Nuits de Paris ou Le Spectateur nocturne“ auf. Der Frankfurter Schriftsteller und Übersetzer Reinhard Kaiser hat dieses monumentale Werk in Teilen übersetzt. Die von ihm ausgewählten Episoden werfen ein Licht auf die „Bestie Mensch“, aber auch auf das in vielen Fragen fortschrittliche Denken Rétifs.

Der 1734 als Sohn eines vermögenden Bauern in Sacy bei Auxerre zur Welt gekommene Nicolas-Edme Rétif, der sich nach dem Hofgut seiner Familie „de la Bretonne“ nannte, wurde zum Zeitzeugen eines gesellschaftlichen Umbruchs, der die Welt erschütterte und Zehntausende das Leben kostete. 1761 geht der gelernte Drucker nach Paris, ein Jahr später beginnt er zu schreiben. Sein erster Roman, „La Famille vertueuse“ (Die tugenhafte Familie), erscheint 1767. Obwohl sein Werk nicht viel Erfolg hat, widmet er sich danach ganz der Schriftstellerei und wird bald zum „Spectateur nocturne“, zum nächtlichen Zuschauer.

„Ich liebe die Nacht. In ihr fühle ich mich freier als am Tag“, sagt er, als er der schwermütigen Marquise in der zweiten seiner „Nächte von Paris“ von seinen Erlebnissen erzählt. Dem Nachtmenschen reichen vier Stunden Schlaf, zwei am frühen Morgen und zwei weitere am Mittag. Morgen für Morgen schreibt er nieder, was er sieht – möglicherweise nicht nur, um Stoff für seine Erzählungen zu haben. Rétif soll auch als Spitzel für die Polizei gearbeitet haben.

Im Jahr 1786 beginnt er mit den Arbeiten an den „Nächten“. Die ersten der insgesamt 16 Duodezbände erscheinen 1788, die letzten 1794.

„Ihr friedlichen Bürger, für euch bin ich wach geblieben! Für euch habe ich die Nächte durchwandert! Für euch habe ich die Höhlen des Lasters und des Verbrechens aufgesucht. Dem Laster und dem Verbrechen indessen gelte ich als Verräter, denn ich werde eure Geheimnisse offenbaren“, schreibt Rétif in der ersten Nacht. In seiner Autobiografie „Monsieur Nicolas oder Das enthüllte Menschenherz“, ebenfalls von Kaiser übersetzt und 2017 bei Galiani Berlin erschienen, erläutert er sein Ziel: Er wolle „die Sitten einer Nation“ darstellen. „Unter all unseren Literaten bin ich vielleicht der Einzige, der das Volk kennt, denn ich mische mich ständig unter die Leute. Ich will das Volk schildern.“

Und er tut dies schonungslos. Er beschreibt das Leben im Paris des ausgehenden 18. Jahrhunderts, wie der Schmutz und Unrat sich bei einem Sturzregen über die Straßen und die Menschen ergießt. Fortschrittlich fordert er die Installation von Dachrinnen und Fallrohren. „Und außerdem auch unterirdische Kanäle für die Straßenabwässer. Und dass man den Müll nicht in den Fluss kippt, sondern ihn aufs Land hinausschafft. (...) Und dass die Straßen sauber gehalten werden. Und dass die Stadt Straßenfeger einstellt.“

Er schildert, wie angehende Chirurgen Leichenteile ablegen, weil sie nach der Sektion nicht wissen, was sie mit den von ihnen zuvor auf Friedhöfen gestohlenen Körpern machen sollen, wie Kupplerinnen Jungen und Mädchen „im Alter der zartesten Unschuld“ im Garten des Palais Royal anbieten und diese Opfer brutaler Freier werden. Er beschreibt die Qualen der Geräderten, deren Sterben sich über Stunden hinzieht, bis sie von Henkern getötet werden, die zuweilen ihren Opfern Gnade zeigen, indem sie die auch zu Prügelstrafen Verurteilten erst nach deren Tod schlagen. Und stellt die Frage: „Haben die Menschen überhaupt das Recht, ihresgleichen mit dem Tod zu bestrafen? (...) Und ich glaube zu hören, wie die Natur mit einem schmerzerfüllten Nein antwortet.“

Wobei der moralische Kompass Rétifs nicht immer so eindeutig ausschlägt wie etwa bei der Frage nach der Todesstrafe. Das zeigen seine Aufzeichnungen der Ereignisse in den Revolutionsjahren. Der begnadete Vielschreiber war ein Opportunist, der je nach politischer Lage Veränderungen an seinen Texten vornahm, wie Reinhard Kaiser in seinem Vorwort herausarbeitet. Etwa zur Frage, ob der 1793 hingerichtete Ludwig XVI. zu Recht auf der Guillotine starb. Den 16. und letzten Band der „Nächte“ gibt es in zwei Druckfassungen. In einer ersten Fassung heißt es: „O, Ludwig, Sie waren verblendet, aber kein Verbrecher.“ In einer überarbeiteten Version: „O, Ludwig, Sie waren verblendet, und ein blinder König ist hundertmal schlimmer als ein Vebrecher.“

Dennoch erscheint Rétif nicht als Wendehals. Er verurteilt die Dekadenz der Adeligen, die trotz des grassierenden Hungers Lebensmittel verschwenden, und er befürwortet die Revolution, ohnen seinen Humanismus aus dem Blick zu verlieren. Auf dem Weg zur Bastille nach deren Erstürmung erschüttert ihn die „Horde Kannibalen“, wie er schreibt. „Einer von ihnen – ich sah es – machte dieses schaurige Wort wahr. Er trug auf der Spitze seines Säbels die blutigen Eingeweide eines Opfers des Volkszorns vor sich her, und dieses schaurige Gebinde entsetzte niemanden!“ Zum Ende seines Lebens, als die Arbeiten an den „Nächten“ längst abgeschlossen sind, kommt er zu dem Schluss: „Die Revolution war gut: nicht gut waren aber jene, die sie machten.“

Wer etwas über die Französische Revolution von einem gewiss auch subjektiven, aber immer aufmerksamen Augenzeugen erfahren will, dem sei die Übersetzung der „Nächte“ empfohlen, nicht zuletzt auch wegen Kaisers umfangreichen Vorwortes und der ausführlichen Kommentierung. Und auch wegen der Kopien von Kupferstichen, die in der Erstausgabe erschienen und einzelne Episoden illustrieren.

Natürlich ist auf jeder Abbildung der „nächtliche Zuschauer“ selbst zu sehen, in seiner Arbeitskleidung: mit großem, schwarzem, ins Gesicht gezogenem Hut und weitem Mantel.

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