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In der Résistance

Nun wissen wir, wo Becketts Godot steckte.

Von JAN-FREDERIK BANDEL

Jede Interpretation ist Überinterpretation, und dies ist wiederum ein Allgemeinplatz. Je entschiedener ein literarischer Text sich dem einfachen Verstehen entzieht, desto deutlicher tendieren die Versuche, ihm beizukommen, zu den beiden Extremen der Überinterpretation: der indizienversessenen Detektivarbeit und der schlagwortfreudigen Schwadronage. Um die rätselhaften Werke der literarischen Moderne (etwa von James Joyce, Paul Celan oder Samuel Beckett) hat sich eine florierende Kommentarindustrie angesiedelt. Die wortreichen Produkte dieser Deutungsfabrikation haben oft nur zu den Inhalt, über die in Frage stehenden Werke nichts sagen zu können.

Im Falle von Becketts Theaterstück "Warten auf Godot" haben sich die Kommentatoren auf einen hohen Abstraktionsgrad geeinigt. Egal ob die metaphysische Lesart im Schwunge ist oder doch das Groteske, die Clownerie oder die Farce, eigentlich ist man sich über das Stück einig: Zwei komische Gestalten, Landstreicher offenbar, hängen in einer sinnlosen Welt herum. Nichts passiert, außer dass die beiden sinnloses Zeug reden und auf einen gewissen Godot warten (in dessen Namen nicht zufällig das Wort "God" steckt). Völlig sinnlos, denn der erscheint eh nicht. Und es kommt nur drauf an, diese Sinnlosigkeit zu deuten. Das aber ist eine Frage der persönlichen Vorlieben.

Erfreulich also, wenn einer seinen Einwand in diesen Konsens hineinruft. Die Lesart von Becketts Stück, die Raymonde und Valentin Temkine skizziert haben und die ihr Enkel Pierre nun in einem kleinen Buch zur Diskussion stellt, greift die Frage Bertolt Brechts auf, wo Becketts Protagonisten wohl während des Zweiten Weltkriegs gesteckt haben. Die Antwort, so Valentin Temkine, brauche nicht spekulativ zu bleiben. Sie stehe im Stück. Werden dessen Handlungsort und -zeit für gewöhnlich ins Unbestimmte verlagert wie das Schicksal seiner Helden, schreckt Temkine vor ganz konkreten Daten nicht zurück: "Warten auf Godot", erklärt er, spielt im Frühjahr 1943 auf einem verlassenen Plateau in den südlichen Alpen. Und die Landstreicher sind in Wirklichkeit jüdische Flüchtlinge, die nun, da auch die vormals "freie Zone" von den deutschen Truppen besetzt ist, auf einen Schleuser der Résistance warten, der ihnen bei der Flucht über die Alpen helfen soll. Temkine weiß auch zu berichten, dass die beiden Flüchtlinge aus dem 11. Arrondissement in Paris stammen, wo sie die Talmud-Torah-Schule besucht haben.

Das erste Indiz, auf das Temkine vor einigen Jahren stieß, war ein Dialog der beiden Wartenden über den Eiffelturm, von dem sie sich beizeiten hätten stürzen können: "Jetzt ist es zu spät. Die würden uns nicht einmal mehr rauflassen." Tatsächlich war Juden von 1940 bis 1945 der Zugang zum Eiffelturm untersagt. Es folgen zahlreiche, bis dahin lässlich übergangene, geografische Angaben, Verweise auf den Verlust der Rechte und so weiter. Bekannt ist auch die Tatsache, dass eine der Figuren in einer Vorstufe des Stücks auf den Namen "Lévy" hörte. Und erinnert die gestreifte Kleidung, die die Flüchtlinge 1975 in Becketts Berliner Inszenierung trugen, nicht an KZ-Kleidung? So steht es zumindest in einem der Beiträge dieses Bandes. In einem anderen wird dieselbe Kostümierung als eleganter Anzug eines abrupt geflohenen "Fatzkes" gedeutet.

Eindeutig sind Indizien nie. Sie sind nur Anhaltspunkte einer detektivischen Deutung, die im Zweifelsfalle nicht minder Überinterpretation ist als die Schwadronage. Das hat am Komischsten wohl Arno Schmidt vorgeführt, als er vorgab, James Joyce vor dem Fein- und Edgar Allan Poe vor dem Tiefsinn seiner Verehrer zu retten. Letzterer erschien ihm dabei in seinen Texten als Voyeur, der sich bevorzugt in öffentlichen Bedürfnisanstalten herumschlug. Den hohen Ton, das "Schicksalsgeschwafel" der Beckett-Verehrung wollen auch die Temkines und ihre Koautoren François Rastier und Denis Thouard durchbrechen, doch geht es dabei um mehr als Beliebigkeiten der Rezeptionsgeschichte.

Auch wenn Becketts Stück historisch präzise Daten enthält, geht es in dieser Lektüre so wenig auf wie in vorausgegangenen. Inwiefern gerade in dieser Spannung ein "Werk des Widerstands", das heißt, eine spezifische Ästhetik nach Auschwitz entwickelt wird, ist die zentrale Frage, die der Band aufwirft, ohne eine eindeutige Antwort zu geben. Im Gegenteil: Es ist ein Buch der Debatte, das in seinen einzelnen Kapiteln immer wieder neu ansetzt, die verschiedenen Konsequenzen von Valentine Temkines Beobachtungen zu bedenken, die Wirkungsgeschichte einzubeziehen, die Biografie Becketts und schließlich die grundlegenden Fragen literarischer Interpretation.

Becketts eigene Erwiderung auf die Frage nach dem "höheren Sinn" seines Stücks ist jedenfalls bekannt: Er sei "unfähig zu sehen, wozu dies gut sein sollte." Überliefert ist allerdings auch seine Antwort auf Brechts Frage, wo die beiden Vagabunden wohl im Krieg gesteckt haben: "In der Résistance."

Pierre Temkine u.a.: Warten auf Godot. Das Absurde und die Geschichte. Matthes & Seitz 2008, 192 Seiten, 14,80 Euro

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