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Seit  1991 die deutsche Übersetzung seines ersten großen Romans „Buch der Erinnerung“ erschien, gilt Péter  Nádas als einer der wichtigsten Autoren der Gegenwart.

Interview mit Péter Nádas

Aus dem Rotlichtmilieu ins Literaturhaus

1985 bis 2005 schrieb der ungarische Autor Péter Nádas an seinem Roman Parallelgeschichten. Heute erscheint die deutsche Übersetzung seines 1723 Seiten umfassenden Jahrhundertbuches. Mit ihm sprach Arno Widmann.

Péter Nádas sitzt im Kaminraum des  Literaturhauses  in der Berliner Fasanenstraße. Es ist Vormittag. Die Sonne scheint auf sein Gesicht.  Der Rest des Raumes liegt im Dunkeln. Nádas spricht leise, sehr bedächtig arbeitet er jeden  Konjunktiv heraus. Er macht lange Pausen. Man tut gut daran, sie nicht überbrücken zu wollen. Wie unbeholfen und grob man neben ihm sitzt…

Darf ich mit Ihnen über „Parallelgeschichten“ sprechen?

Aber ja, darum sitzen wir ja hier.

Ich habe den Roman aber nicht gelesen.  Er hat mehr als 1700 Seiten. Davor habe ich auch Angst. Denn die sind in drei Wochen, neben einem ganz normalen Job nicht zu schaffen.

Wie viel haben Sie denn gelesen?

Ich traue mich nicht, es Ihnen zu sagen.

Zweihundert Seiten.

Ich habe tatsächlich nur etwas mehr als die ersten zweihundert Seiten gelesen. Daneben habe ich etwa noch einmal so viel im Buch – an den verschiedensten Stellen -  gelesen.

Das ist tatsächlich keine Basis. Das ist ja nur das Vorspiel.

Darf ich dennoch etwas zu dem Buch sagen?

Bitte.

Es ist spannend. Es fällt schwer, es aus der Hand zu legen. Es beginnt mit einer Leiche, als Krimi. In Berlin, im Dezember 1989. Dann aber gibt es auch Stellen, da ist man gleichzeitig so gebannt, dass man nicht aufhören kann und doch unterbrechen muss, weil man es nicht mehr aushält.

Zum Beispiel?

Da ist die Stelle, die spielt im Budapest des Jahres 1961. Das Telefon klingelt und niemand in der Wohnung will ran. Jeder Bewohner hat seine eigenen, sehr unterschiedlichen Gründe. Die Dame des Hauses zum Beispiel kämpft wieder mit einem ihrer Herzanfälle. Sie nimmt dagegen ein Medikament, das so durchschlagende Wirkung auf ihre Verdauung hat, dass sie nur noch mit größter Mühe das Klo erreicht, „wo der Durchfall förmlich aus ihrem Dickdarm herausexplodiert“…

#Umbr

Was wollen Sie? Das sind Schwierigkeiten des Lesers. Er muss wissen: Das Buch ist eine Bergtour. Wenn ich eine Bergtour mache, gibt es auch Schwierigkeiten. Ich habe natürlich mit ihnen gerechnet. Aber sie bedeuten mir nichts. Der Leser ist immer ein Einzelfall.

Der Autor auch.

Aber der Autor hat andere Aufgaben. Wäre das nicht so, stünde es sehr schlecht um die Literatur. Der Leser kann es sich leisten, nur über ein sehr beschränktes Wissen zu verfügen. Gerade so, wie es ihm passt. Wenn ein Leser Angst davor hat, mit seinen physischen Angelegenheiten konfrontiert zu werden, das mag er tun. Aber es gibt eine Menge Innereien, die auch in diesem Leser, der nichts davon wissen will, arbeiten. Sie arbeiten so, wie ich es beschreibe. Auch der Leser arbeitet mit diesen Innereien, aber er arbeitet womöglich in den Grenzen seiner Erziehung mit ihnen. Er bedeckt, was er nicht zeigen darf. Er fürchtet, dass die Umgebung ihm dann ihre Liebe entzieht. Die Mutter tut das. Der Vater prügelt ihn vielleicht. Der Leser ist dressiert. Aber jeder weiß, dass das nichts daran ändert. Die Innereien, um bei diesem Beispiel zu bleiben, funktionieren dennoch. Sie tun ihre Arbeit ganz unabhängig von unseren Vorstellungen von Sitte und Anstand. Wie soll ein Autor, der die Welt verstehen will, nicht darüber schreiben?

Literatur, Bücher wie ihre, lehren uns über Dinge zu sprechen, über die wir zu schweigen gelernt haben? Nicht nur über unseren Körper, sondern über unser Leben, unser Zusammenleben und dessen Grausamkeiten. Gehört das zu den Aufgaben des Autors?

Aufgabe ist das falsche Wort. Was der Autor macht,  ist eher eine Untersuchung, eine Analyse, eine Forschungsarbeit. Aber da ist niemand, der mir einen Forschungsauftrag gegeben hätte. Also ist es auch keine Forschung. Mir fehlt das richtige Wort dafür. Literatur balanciert zwischen Philosophie, Wissenschaft und Ethik. Sie fängt etwas ein, das all diesen Disziplinen  entgeht.

Spielt Schönheit eine Rolle?

Eine sehr große! Aber Schönheit ist ein zu  weites Feld, Luise. Harmonie ist wichtig. Und Disharmonie. Eine harmonische Einstellung spielt eine große Rolle für uns. Wir wünschen sie uns, wir streben sie an. Schönheit ist ein Bestandteil der Harmonie. Je harmonischer, je regelmäßiger ein Gesicht, desto nichtssagender es also ist, für desto schöner wird es gehalten. Gesichtszüge sagen sehr viel aus. Und sie führen in die Irre. Wir streben Harmonie an, und wir sind disharmonisch. Zum Leben gehört beides. Alle beide muss man in Betracht ziehen, beiden muss man gerecht werden, um diese Forschungsarbeit, diese Analyse durchführen zu können.

Je schrecklicher das ist, worüber man schreibt, desto mehr Platz braucht man, weil man auch das Schöne zeigen muss, um der Harmonie, ja um der Wahrheit willen?

Ja. Die andere Seite, welche es auch immer jeweils sein mag, darf niemals weg gelassen werden. So groß der Wunsch nach Harmonie sein mag, es muss immer auch Platz geschaffen werden für die Disharmonie. Das Leben ist nicht harmonisch. Wir leben in einer dreidimensionalen Welt mit vielen unbekannten Dimensionen. Das hat nichts mit Esoterik zu tun. Das Unbekannte ist ständig gegenwärtig. Wir können weder unsere Geburt noch unseren Tod bestimmen.

Können wir dazwischen etwas bestimmen?

Ja. Wir fällen wunderbare Entscheidungen, um das Chaos zu beherrschen. Wir lösen stolz ein Problem nach dem anderen. Aber wir wissen, dass jede Lösung neue, andere Probleme erzeugt. Das Leben als Problem aufzufassen, ist verrückt. Das Leben ist kein Problem. Das Leben ist. Das Leben ist eine Gegebenheit mit seinen Eigenschaften, mit den Eigenschaften anderer, mit den Eigenschaften aller. Gleichzeitig ist der Mensch ein Einzelfall, unwiederholbar. Beide Aspekte gehören zusammen.

Das charakterisiert uns: Wir wollen sein wie alle anderen und wir wollen uns unterscheiden von allen anderen.

Das ist aber kein Problem. Das ist so. Der Mensch ist ein Herdentier, das ständig die Herde verlassen möchte. Aber er kann es nicht. Wenn er es tut, stirbt er. In individualistischen Gesellschaften hat man mehr Möglichkeiten dafür gefunden. Aber dann ist das doch meist mehr Vereinzelung als Individualisierung. Individualität können nur sehr wenige zeigen. Das sind keine Popsänger. Das sind Künstler. Andere können das nicht. Opernsänger können uns ihre Individualität zeigen, denn sie zeigen uns, dass ihre Stimme von allen anderen Stimmen sich unterscheidet. Kein Ingenieur kann das. Das sind Erfindungen. Das sind Einfälle.

Steve Jobs ist kein Individuum?

Nein, nein. Natürlich ist er ein Individuum. Wie jeder von uns ein Individuum ist. Aber nicht in dem Sinne, wie ich das Wort gerade gebrauche. Er hat etwas erfunden. Aber alles, was er erfand, war im Keim schon da.

Das gilt doch auch für Cecilia Bartoli.

Ja. Aber, was sie damit macht, das ist einmalig.

Bei Unternehmern ist das nicht so?

Nein. Die individualistische Gesellschaft hat die Neigung zum Beispiel von Unternehmensphilosophie zu sprechen. Dann stehen Kant und Playmobil einträchtig neben einander. Aber Playmobil ist keine Philosophie. Das ist ein System, nichts Selbständiges.

Wenn schon ein Sänger, der eine vorgegebene Partitur nur mit seinem Timbre anreichert, ein Individuum ist, dann ist doch ein Autor, der ein Buch schreibt, das mit keinem anderen zu vergleichen ist, ja ein noch viel dickeres Individuum?

Es gibt kein dickeres Individuum. Alle Herdentiere – nicht nur Menschen, sondern auch zum Beispiel  Schafe – weichen von einander ab. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, seine Individualität zu zeigen. Das tun aber nur sehr wenige. Talentforscher wären glücklich, wenn sie bestimmen könnten, woran das liegt. Woher kommt dieses Talent? Eine Verrücktheit? Eine Beschränktheit? Ein Erziehungsfehler? Oder allzu gute Erziehung?

Was war es bei Ihnen?

Ich weiß es nicht. Nein, ich weiß es ganz genau. Mein Vater war ein Fachmann im Postwesen. Er konnte Fremdsprachen. Darum wurde er ins Ausland zu internationalen Verhandlungen im Fernmeldewesen geschickt. Das war streng geheim. Er durfte darüber nicht sprechen. Er kam aber von diesen Reisen immer mit unbekannten Dingen zurück. Er brachte zum Beispiel aus Paris eine knallrote Kunststofflampe mit.  Angeblich war sie aus Miskolc. Sie hatte einen sehr schönen ovalen Schirm und warf  ein rötliches Licht. Es war ein freundliches, ein einladendes Licht. In diesem Licht schrieb ich mit elf Jahren meine erste Geschichte. Es war ein Märchen. In meiner Familie gab es Leute, die schrieben: Übersetzer, Journalisten. Denen zeigte ich, was ich geschrieben hatte. Sie sagten etwas dazu. Ich schrieb weiter. So entstand das. Ich komme aus dem Rotlichtmilieu.

Als Sie an den Parallelgeschichten schrieben, erkrankten Sie schwer. Sie konnten nicht davon ausgehen, dass Sie das Buch zu Ende bringen würden.

Als ich damit begann, hatte ich keine Chance, es jemals veröffentlicht zu sehen.

Aber Buch der Erinnerung war ein Welterfolg. Da war doch klar, dass ein neuer Roman von ihnen veröffentlicht werden würde.

Ich begann mit der Arbeit an Parallelgeschichten 1985. Da war das Buch der Erinnerung noch kein Welterfolg. Ich hatte gleich, nachdem ich fertig war mit dem Buch der Erinnerung, mit den Parallelgeschichten begonnen. Mir war das erste Buch nicht radikal genug. Ich hatte zu viel runtergeschluckt, das doch raus musste.

Das Gefühl, das Buch gegen die Weltgeschichte und gegen den eigenen Tod doch noch zu Ende gebracht zu haben, ist keine Genugtuung?

Nein, nein. Meine Krankheit hat dazu geführt, dass ich das Buch umstrukturiert habe. Dass das Buch heute 1989 beginnt, ist ein Eingriff, den ich nach diesem Herzinfarkt vorgenommen habe. Die Begegnung mit dem praktischen Tod habe ich als Bestätigung erfahren. Ich merkte, es ist nicht falsch, was ich denke.

Aber nach 1724 Seiten fertig zu sein mit einem Buch. Das muss doch ein Triumph sein. Fertig! Ich habe es geschafft!

Eher ein Schmerz. Eine geschlossene Struktur glücklich abzuschließen, das ist eine Befriedigung. Aber Parallelgeschichten hat eine offene Struktur. Das durfte ich nicht abschließen. Das ist eine offene Wunde.

Sie haben Ihrem Roman ein Motto vorangesetzt. Es stammt von dem Vorsokratiker Parmenides, der um 500 vor Christi Geburt in Süditalien gelebt haben soll. Es lautet: „Es ist mir das Gleiche, woher ich ausgehe; denn dort werde ich auch ankommen.“ Was heißt das?

Das ist die Urform des zyklischen Denkens der Antike. Man kehrt an seinen Ausgangspunkt zurück. Man kann alles beobachten in der Welt und am Ende beobachtet man sich wie man die Welt beobachtet. Man sieht seine Lust am Entdecken und man sieht seine Angst vor dem Neuen. Beides. Es ist immer Beides.

Wir beide kommen gewissermaßen aus dem Zweiten Weltkrieg. Wann kommt – wenn Parmenides Recht hat, muss man diese Frage stellen - der nächste?

Dass der Krieg aufgehört haben soll, ist eine europäische Falschmeldung. Europa hat in all den Jahren mehrere Kriege geführt und führt sie auch heute. Nur nicht zu Hause. Krieg ist Krieg. Er hat sein Gesicht nicht verändert. Das Grauen ist das Gleiche geblieben. Sehen Sie, was er aus Afrika, einem wunderbaren Kontinent, gemacht hat.

Wenn Sie über Vergangenes schreiben, dann wird es zur  Gegenwart des Lesers. Ich hielt das für ihre schriftstellerische Leistung. Gerade aber habe ich begriffen, dass Sie die Vergangenheit nicht vergegenwärtigen müssen. Denn sie ist Iihnen Gegenwart. Sie beschreiben, was die befreiten Gefangenen eines Lagers tun. Es ist eines der Lager des Zweiten Weltkriegs. Aber das, was sie beschreiben, das spielt sich an anderen Orten auch heute ab.

Mein Blick ist der eines Kriegsversehrten. Ich setze ihn aber auch ganz bewusst ein. Denn ich habe begreifen müssen, dass ich in einer Welt lebe, die das alles nicht wahrnehmen möchte. Die psychischen Folgen der beiden Weltkriege werden überhaupt nicht wahrgenommen. Ich kann das aber nicht nicht wahrnehmen. Durch diese beiden Kriege hat eine Deformierung der menschlichen Gestalt stattgefunden. Sie ist nicht wieder gerade zu rücken. Aber wir müssen uns das bewusst machen, sonst verbreiten wir diese Pest.

Ist das ein Problem, das man lösen kann?

Nein. Aber es ist ein Unterschied, ob es einfach so ist, oder ob man es reflektiert, dass es so ist. Im ersten Fall besteht keine Hoffnung. Im zweiten schon.

Gehört Hoffnung nicht eher zum Unreflektierten, nur Gefühlten und gerade nicht zum Reflektierten?

Nein. Nein. Die Hoffnung liegt immer in der Reflexion. Im Unreflektierten herrscht die Gewalt.

Sie sehen, was passiert ist. Sie sehen, dass es überall auf der Welt weiter passiert. Sie beschreiben das, und sie sagen, dadurch, dass ich es reflektiere und beschreibe, wächst in mir die Hoffnung, dass es nicht sein muss?

Das wäre zu hoch gegriffen. Ich bin ja nicht allein. Andere haben auch darüber nachgedacht. Adorno, Mitscherlich zum Beispiel. Sie haben ja wirklich etwas bewirkt, das ohne diese Reflexion nicht da gewesen wäre. Oder nehmen sie Victor Klemperers LTI, ohne dieses Buch würden wir vielleicht heute noch Nazi-Deutsch sprechen.

Sie sagen „wir“.

Ich meine Europa. Es gab auch in anderen Ländern Europas ein Nachdenken, ein Umdenken. So wie es überall in Europa den Nationalsozialisten vergleichbare Bewegungen gab, so gab es  spätestens nach dem Krieg überall in Europa auch eine Reflexion darüber.

Als ich ihr Parmenides-Motto las, dachte ich auch an Ungarn. In der seit dem ersten Januar geltenden neuen ungarischen Verfassung geht es wieder um Gott, die Stephanskrone  und das Vaterland. Können Sie mir erklären, was es mit der Stephanskrone auf sich hat?

Sie ist das Symbol der ungarischen Einheit. Alle im Königreich Ungarn lebenden Völker standen unter der Stephanskrone. Seit dem Vertrag von Trianon, einem der Pariser Vorortverträge wie der Versailler Vertrag, die den Ersten Weltkrieg beendeten, leben viele von ihnen außerhalb Ungarns. Die Erinnerung an die Stephanskrone in der neuen Verfassung besagt, dass diese Menschen wieder vereint werden sollen.

Durch territoriale Vereinnahmung oder durch Lockruf?

Das steht nicht in der Verfassung. Sie spricht auch nicht von Staatsbürgern. Sie spricht von Ungarn. Ohne zu definieren, was ein Ungar sei. Auf Grund dieser Verfassung können jedenfalls auch Ungarn, die nicht in Ungarn leben, in Ungarn wählen und ungarische Pässe bekommen. Die Nachbarn nehmen das sehr unterschiedlich auf. Die Slowaken akzeptieren das nicht. Die Rumänen schon, denn sie machen dasselbe mit Moldawien. Serben und Kroaten sind unentschlossen. Die Ukraine lehnt das ab. Ich bin Republikaner. Für mich besteht ein Staat aus Staatsbürgern und nicht aus Volksgenossen.

Das Wort Republik…

Kommt einmal vor in der Verfassung. Aber die Verfassung ist demokratisch zustande gekommen. Zwei Drittel des Parlaments haben dafür gestimmt. Ich weiß auch, wie diese Zweidrittelmehrheit zustande kam. Durch Dummheit, Verbrechen und Versagen von Sozialisten und Liberalen. Ohne den Staat auszurauben Kapital zu schaffen und dabei sich auf dem globalen Markt zu behaupten – das ging nicht. Das hatte man sich nicht klar gemacht. Man handelte ganz instinktiv. Der ungarische Staat lebt heute vor allem von ausländischen Firmen. Sie sind die größten Steuerzahler in Ungarn. Der Staat verteilt das Geld an die Parteiklientelen. Je nachdem, welche Partei an die Macht kommt. Eine klassische Klientelwirtschaft. Ergebnis: Zwei Drittel der heimischen Unternehmen leben von Staatsaufträgen. Die wiederum sind mit Schmiergeldern verbunden. Aus der sehr ungesunden alten Struktur der Gleichschaltung ist eine neue, mindestens ebenso ungesunde der Spaltung entstanden. Auf der einen Seite stehen die wenigen Superreichen, auf der anderen eine große Schicht der Armen und Verarmten, dazwischen eine sehr, sehr kleine Mittelschicht. Zu dieser Entwicklung hat die westliche Welt sehr viel beigetragen.

Ein Verbrechen also nicht nur mit ungarischen….

Nein, nein. Das ist kein Verbrechen. Das ist ein Versagen. Der Westen ist vor allem uninformiert. Er weiß viel mehr über Tansania als über Ungarn.

Weil man denkt: Das ist Europa, da kenne ich mich aus?

Einerseits. Andererseits aber: Der Nachbar ist uninteressant, ja eklig. Das ist der Urrassismus.

Das gilt auch umgekehrt?

Aber natürlich. Rumänen sind keine Menschen, Slowaken nennt man nicht Slowaken, sondern man hat ein Schimpfwort für sie. So geht das rundum. So macht das jedes Volk mit seinem Nachbarn.

Kommt man da raus?

Die Sozialisten stürzten zusammen mit ihrem Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány. In den vergangenen zwanzig Jahren hatte Ungarn nur zwei politische Talente: Ferenc Gyurcsány und Viktor Orbán. Schade, dass beide solche Platzhirsche sind und mit ihrem Platzhirschgehabe so viel Schaden anrichteten und anrichten. Ungarn lebt ja bis heute in kadaristischen Strukturen, in denen also, die unter dem Kommunisten  János Kádár (1912-1989), der von 1956 bis 1988 in Ungarn das Sagen hatte, errichtet  wurden. Das gilt für das Gesundheitswesen, für den Erziehungs- und Bildungssektor, für den Verkehr, für nahezu alle Bereiche. Es blieb der aufgeblasene Staat, der keine Bürgernähe kennt. Das brachte den langsam entstehenden Mittelstand wieder in Bedrängnis. Er bröckelt. In dieser Not kam Orbán. Der nutzte seine Chance. Die Superreichen wechselten auch  hinüber zu ihm. Seit 2006 ist Ungarn unregierbar und es wird es auch noch eine Weile bleiben.

Das war die Antwort auf meine Frage, ob es einen Ausweg gibt?

Der Mittelstand wird wieder etwas stärker. Die letzten Reden von Orbán zeigen: Er hat es endlich begriffen.

Die Hoffnung ist Orbán?

Nein, das sage ich nicht. Ich beobachte nur, dass die Lage des Mittelstandes sich ein klein wenig verbessert hat. Durch Steuergesetze, die die Europäische Union nicht gerne sieht. Ihre Pläne sehen Gesetze vor, die die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer machen.

Über Günter Grass kursiert die Geschichte, er habe in seinem Pariser Arbeitszimmer an einer Wäscheleine Zettel mit dem, was in den einzelnen Kapiteln geschehen sollte, angeklammert, um die Übersicht über die Stofffülle nicht zu verlieren.

Ich habe auch Zettel. Sehr, sehr viele Zettel, aber die lagen auf langen Tischen oder in hohen Regalen. Ich bin ein ordentlicher Mensch und habe ein System entwickelt, wie ich etwas finde. Oder es nicht finde. Es ist auch wichtig, manche Zettel nicht wieder zu finden. Ich erinnere mich dann, dass ich irgendwo eine ganz hervorragende Idee notiert hatte. Die nicht zu finden – das ist wunderbar.

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