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Rotieren im Raum

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Feminismus jenseits rascher Pointen? Leora Tanenbaum, Claudia Quaiser-Pohl, Kirsten Jordan und Elisabeth Badinter geben schwesterlichen Rat

"Wenn Frauen die Gesellschaft wirklich ändern wollen, können sie es tun. Ich will sie verändern. Ich will nur erst heiraten." Ein typisches Zitat der Fernsehanwältin Ally McBeal. Auch ihre Soap-Kolleginnen von Sex and the City haben immer einen selbstironischen Spruch über das Dilemma von Karriere, Weltverbesserung und weiblichem Nestbautrieb zur Hand. Viel eher als in der großen Politik wird der Feminismus heute im Comedy-Format verhandelt: als hysterischer Witz über die Diskrepanz zwischen der Theorie von der befreiten Frau und der Praxis zwischen Beruf, Beziehung und stinkenden Windeln.

Es ist eine sehr reale und weit verbreitete Hilflosigkeit angesichts einer Revolution mit Strickfehlern, die sich im hühnerhaften Dauerkichern der Karrierefrauen aus dem Fernsehen äußert - und die sich auch in den aktuellen Versuchen wiederfindet, feministische Inhalte jenseits der Pointe zu formulieren. Eigentlich hatte man sich ja längst auf dem Siegerpodest gesehen. Die französische Publizistin Elisabeth Badinter war 16, als sie Feministin wurde, im Bus sitzend, mit Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht auf den Knien: Das war 1960. Über die Freigabe von Empfängnisverhütung und Abtreibung, die folgte, schreibt sie heute: "Ob man will oder nicht: Diese Revolution bezeichnete das Ende des Patriarchats." Und Leora Tanenbaum, eine Generation jünger, verneigt sich ehrfürchtig vor der Frauenbewegung der siebziger und dem, was sie erreicht hat: Frauen können heute Profisportlerinnen oder Nachrichtenmoderatorinnen werden, neben Colin Powell im Weißen Haus sitzen oder im Verfassungsgericht.

Doch den Erfolgsmeldungen folgt nach wie vor das große Aber. Die politische und ökonomische Macht ist weiterhin größtenteils in den Händen der Männer, so bemerkt Badinter; nach wie vor erledigen Frauen drei Viertel der Arbeit in der Familie und im Haushalt. Die amerikanische Mittelschichtsfrau, so Tanenbaum, zieht sich trotz optimaler Ausbildung nach der Geburt der Kinder aus der Arbeitswelt zurück, um schließlich auf Teilzeit im "rosafarbenen Getto" zu landen: bei den Sekretärinnen, Krankenschwestern, Angestellten und Dienstleisterinnen. So dass schließlich, um eine aktuelle Zahl aus Deutschland hinzuzufügen, die Frauen durchschnittlich immer noch 30 Prozent weniger verdienen als die Männer.

Der öffentliche Protest über diese Zustände ist verhalten. Wie alle sozialen Bewegungen hat es der Feminismus in Zeiten öffentlicher Sparexzesse schwer, und gerade auf Grund seiner Erfolge führen die Frauen ihre Probleme lieber auf individuelles Versagen als auf strukturelle Ungerechtigkeiten zurück. Folgerichtig nähert sich ein Teil der feministischen Literatur dem Genre des Lebenshilfe-Ratgebers: schwesterliche Wegweiser durch das komplizierte Frauenleben von heute.

Auch Leora Tanenbaums Buch Catfight gehört in diese Kategorie. Sie behandelt ein Phänomen, das man salopp auch "Stutenbissigkeit" nennt: die schlechte Angewohnheit von Frauen, auf bösartige Weise miteinander zu rivalisieren. Die Aggressivität wendet sich selten gegen die Männer, obwohl diese die eigentlichen Konkurrenten um Jobs, Macht und Geld wären. Stattdessen wetteifert die amerikanische Mittelstandsfrau mit Kolleginnen und Nachbarinnen um Konfektionsgrößen und gejoggte Kilometer, um den besten Job und natürlich den mächtigsten Mann. Kinderlose Frauen hassen ihre Bürokolleginnen, die Mütter sind, berufstätige Mütter lästern über langweilige Hausfrauen, die wiederum diagnostizieren Vernachlässigung bei den Kindern der anderen. Und beide Geschlechter trauen Frauen im Job weniger zu als Männer und haben lieber männliche Vorgesetzte.

Den Grund für die diagnostizierte Zickigkeit sieht Tanenbaum in der Rollenunsicherheit der Frau zwischen traditionellen Weiblichkeitsbildern und den beruflichen Karriereanforderungen; diese Unsicherheit kompensieren Frauen mit Aggressivität gegen ihre Leidensgenossinnen. So weit, so nachvollziehbar - und so banal. Am Ende des großzügig mit Übertreibungen und Pointen garnierten Buches stehen Tipps für mehr Solidarität im Mittelklasse-Vorort: "Machen Sie anderen Frauen Komplimente für Ihr Aussehen. Weigern Sie sich, Kleidung zu kaufen, in die nur eine Halbverhungerte hineinpasst. Seien Sie nett zur Ex Ihres Freundes." Und schließlich, als letzter Punkt, noch ein bisschen Frauenpolitik am Arbeitsplatz: "Fordern Sie einen Betriebskindergarten, flexiblere Arbeitszeiten, die Möglichkeit, wenn nötig von zu Hause aus zu arbeiten, und einen Raum für stillende Mütter."

Leora Tanenbaum vergisst bei all dem nicht, regelmäßig zu betonen, dass sie persönlich auch ihre Weiblichkeit genießt. "Wir lieben unseren Lippenstift", das ist die gemeinsame Parole der "Dritte-Welle-Feministinnen". Übersetzt in die klassische Begrifflichkeit der feministischen Diskussion, ist die Lippenstift-Hymne ein Bekenntnis zur Differenz: ein wenig trotzig vorgetragen, als hätten die Töchter immer noch Angst, die kämpferischen Mütter würden ihnen die Insignien betonter Weiblichkeit aus der Hand schlagen. Im wissenschaftlichen Mainstream wird der Unterschied zwischen Mann und Frau derweil wieder zunehmend als Ergebnis von Hirnstrukturen und Hormonen gedacht. Allan und Barbara Pease haben die biologistische Wende mit Bestsellern popularisiert, deren Titel so sprichwörtlich geworden sind wie in den siebziger Jahren Der Kleine Unterschied von Alice Schwarzer: Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken heißt das Werk, zu dem Ehepaare weltweit abends im Schlafzimmer Zustimmung genickt haben.

Wer an der Frage von Gleichheit und Differenz ernsthaft weiterarbeiten will, hat in den Steinzeit-Klischees des Ehepaars Pease von "räumlich beschränkten, quasselnden Sammlerinnen" und "schwerhörigen, sehschwachen, aber sich hervorragend orientierenden Jägern" einen genauso ernsthaften Gegner wie in fehlender Kinderbetreuung. So ist es verdienstvoll, ja geradezu rührend, mit welcher Sorgfalt ein Autoren- und Autorinnenkollektiv um die Psychologin Claudia Quaiser-Pohl und die Biologin Kirsten Jordan versucht, zumindest eine der Pease'schen Behauptungen zu widerlegen.

Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken - und Männer ihnen Recht geben. Ganz einfache Erklärungen für Schwächen, die gar keine sind, heißt ihr Buch. Es legt mit Hilfe des aktuellen Forschungsstandes in der Hirn- und Hormonforschung sowie Tests zum räumlichen Vorstellungsvermögen und zur Orientierung im Raum betont allgemeinverständlich dar, dass Unterschiede auf diesem Feld zwischen Männern und Frauen zwar statistisch belegbar, aber nicht universell sind. Ja, es gibt mehr Frauen, die sich schlecht orientieren können als Männer, aber einige Frauen sind darin genauso gut wie einige Männer, und Übung verändert die Leistungen signifikant. Ja, viele Frauen schneiden schlechter ab beim geistigen Rotieren von Objekten im Raum - aber das heißt nicht automatisch, dass sie auch nicht einparken könnten. Und ja, es gibt statistisch feststellbare Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Fähigkeiten und Interessen, die schon im Säuglingsalter nachzuweisen und auf die unterschiedlichen Hormoneinflüsse zurückzuführen sind - aber was das einzelne Individuum daraus macht, ist deswegen noch lange nicht vorbestimmt. Am Ende landen auch Quaiser-Pohl und Jordan bei den guten Ratschlägen: Wer von sich selbst glaubt, er könne sich nicht orientieren, solle doch ruhig mal den Stadtplan zur Hand nehmen und das Kino in der fremden Stadt suchen - es wird schon klappen.

Mit Detailstudien wie dieser kommt man also sicher zur nächsten Ecke. Doch das allgemeine Unbehagen des anderen Geschlechts können sie nur zart mildern. Die altgediente Feministin Elisabeth Badinter dagegen schert sich nicht im Geringsten um die komplexen Zusammenhänge zwischen Geschlechtsidentität, Biochemie und Hirnwindungen. Ihr Ausweg aus der Enttäuschung über die stecken gebliebene Emanzipation ist auch nicht Ironie und Lippenstift, sondern Catfight: der Rundumschlag gegen die feministischen Kolleginnen.

Elisabeth Badinter ist als Erbin des großen französischen Werbekonzerns Publicis so etwas, was man in Tanenbaums Kreisen als Queen Bee, als Bienenkönigin, bezeichnet: eine Vorzeigefrau, die es in die Vorstandsetagen geschafft hat, und die sich mehr mit den männlichen Kollegen zu identifizieren neigt als mit dem eigenen Geschlecht. So zumindest lautete die Kritik, als 2002 ihr Buch Die Wiederentdeckung der Gleichheit in Frankreich erschien.

Im Original ist es mit Fausse Route betitelt, und genau das ist es, was Badinter dem französischen Feminismus vorwirft: Er sei nach den errungenen Erfolgen der siebziger auf den falschen Weg geraten. Anstatt weiter die ökonomische Gleichheit der Frauen zu fordern, habe er sich auf die Verschärfung des Sexualstrafrechts konzentriert und die Frauen ideologisch in die Opferrolle gedrängt. Die Feministinnen hätten, im Gefolge der radikalen Amerikanerinnen Andrea Dworkin und Catharine MacKinnon, mit der Prüderie des Konservatismus gemeinsame Sache gemacht und würden heute jeden heterosexuellen Sexualakt als potenzielle Vergewaltigung diffamieren - mit dem Ergebnis, dass die Männer mit Schuldgefühlen belastet seien, "enteignet, desorientiert, verbittert oder ängstlich".

Dahingegen ist es den prominenten französischen Feministinnen wie der ehemaligen sozialistischen Umweltministerin Antoinette Fouque oder der Jospin-Ehefrau Sylviane Agacinski zufolge die Gebärfähigkeit, die den Frauen ihre besondere Menschlichkeit, Großzügigkeit und moralische Überlegenheit verleihe. In diesen Biologismen von Fouque und Agacinski findet Badinter dankbares Material für ihre Attacke, und auch Dworkin und MacKinnon sind mit ihrem überzogenen Generalverdacht gegen Heterosexualität immer für eine Portion Häme gut. Allerdings haben französische Kritikerinnen des Buches zu Recht darauf hingewiesen, dass die letzteren bereits ausgiebig in der Luft zerfetzt und überdies kaum ins Französische übersetzt worden sind. Hat sich der französische, ja der europäische Feminismus in den letzten fünfzehn Jahren wirklich mit nichts anderem beschäftigt als mit der Verteufelung der männlichen Sexualität?

Für Badinter ist jede Modifikation des abstrakten Gleichheitsprinzip, wie beispielsweise Quotenregelungen, ein Sakrileg. Sie will Gleichheit und basta: Darum hätten die Frauen sich kümmern sollen, anstatt den armen Männern den Prozess zu machen. Doch mit ihrem fauchenden Ausfall gegen die Prüderie und den Mutterschaftskitsch mancher Kolleginnen weicht auch Badinter dem feministischen Dilemma nur aus. Die Menschenrechte gelten im rosa Getto schließlich schon seit langem - theoretisch. Freiheit, Gleichheit, und - statt Catfight - Schwesterlichkeit: Jeder und jede würde diesen Forderungen zustimmen. Wie aber soll man die Ideale umsetzen, beim Stadtplan lesen, Kinder kriegen, lieben und arbeiten? Diese Frage wird man weder mit koketten Kalauern noch mit polemischen Generalabrechnungen so schnell beantworten können.

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