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Ein hoch- intelligenter, belesener, charis- matischer Bandit und Intrigant: der junge Stalin.

Biographie

Der rote Zarewitsch

"Der junge Stalin": Simon Sebag Montefiores Biographie zeugt von großer fiktionaler Kraft.

Von THOMAS KRÜGER

Als Simon Sebag Montefiore drei Jahre nach " Stalin - Am Hof des roten Zaren" jetzt seine historische Biographie "Der junge Stalin" vorlegte, standen vor allem zwei Fragen im Raum: Lässt sich aus dem Kult, den der ältere Stalin um seine eigene Person betrieb und betreiben ließ, noch ein nachprüfbares Bild des jungen Stalin herausfiltern? Und kann man eine Biographie des jungen Stalin schreiben, ohne sich durch das Wissen um den späteren Großen Terror und die stalinistischen Genozide lenken, womöglich ablenken, zu lassen?

Schreiben nach vorne

Was Letzteres betrifft: Da Biographien ab origine retrospektiv sind, ist das "Schreiben nach vorn" ein Problem, das jeder Biograph bewältigen muss. Ersteres hingegen ist eine Aufgabe, die, wenn gelöst, den Wert der Arbeit erst recht sinnfällig macht. Simon Sebag Montefiore ist das mit "Der junge Stalin" zu einem guten Teil gelungen. Er hat ausgiebige Quellenstudien betrieben, Archive durchforstet und den Umstand genutzt, dass im heutigen Russland zwar immer noch großer Unwille besteht, Stalin historisch zu sehen, die gesetzlichen und archivarischen Möglichkeiten dazu aber vorhanden sind.

Montefiore hat eine solche Fülle von Material verarbeitet, dass als Ergebnis ein lesbares, gar nicht wissenschaftlich steif daherkommendes Buch um so erfreulicher ist. Er zeigt klare Linien, lässt den georgisch-kaukasischen Hintergrund des jungen Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili deutlich werden, die "Kultur der Gewalt" in der "Sosso" - so der noch bis zur Oktoberrevolution genutzte Kurzname Stalins - aufwuchs: die ritualisierten Brutalitäten im Geburtsstädtchen Gori, wo organisierte Schlägereien zum festen Bestandteil religiöser Feste gehörten; das Leben des Priesterseminaristen, die Vorhölle des Arbeiterlebens in der Erdölstadt Baku, wo der junge Stalin Aufstände inszenierte; den Geist der "Konspirazija"; den physischen wie mentalen Terror der Verbannungen, wie sie das Riesenreich mit seiner schier endlosen sibirischen Todeszone ermöglichte. Auch die Familie Stalins, die Persönlichkeit der Mutter "Keke", das Rätsel, wer Stalins Vater war - als wahrscheinlichster Kandidat gilt ein prügelnder Alkoholiker: All das wird auf die Bühne gestellt.

Stalins Biographie ist reichlich mit Wegweisern in Richtung Über-Diktator gespickt. Der junge Stalin, so Montefiore, war ein hochintelligenter, belesener, charismatischer Bandit, Straßenkämpfer, Intrigant - ein Mann der Gosse mit dem strategischen Selbstverständnis eines großen Politikers, der zur Entspannung Napoleons Feldzüge studierte. Was immer Stalin in seiner Jugend an scheinbar Geringem, Grobem, Terroristischem tat : Er tat es mit dem Drang zur großen Politik, die in der Politik Lenins, der Politik des berufsrevolutionären marxistischen Katechismus bedingungsloser gesellschaftlicher Umwandlung, ihr Pendant fand.

Wie vor ihm Robert Conquest sieht Montefiore Stalin nicht als Betriebsunfall des Marxismus, der Lenins Arbeit korrumpiert habe. Lenin sei in seiner revolutionären Brutalität vielleicht eleganter gewesen, aber keinen Deut weniger zimperlich. Im historischen Urteil gelte für Lenin die Gnade des frühen Todes wie für Stalin der Fluch der langen Herrschaft. Lenin schätzte - und wollte - Stalin so, wie er war. Unter Lenin war Stalin der Geldbeschaffer der Bewegung.

Die Qualität des Buches, seine fiktionale Kraft, ist zum Teil auch sein Manko. Das aus Archivmaterial zusammengestellte Szenario wird lebendig bis jenseits der Glaubwürdigkeit. Mit dem Stilmittel unterhaltsamen biographischen Schreibens wird man jedoch leben können. Schmerzhafter ist, dass dem filigranen Bild des tagtäglichen jungen Stalin die Entsprechung des frühen politischen Stalin fehlt. Der Alltag, den Montefiore teils überkunstvoll rekonstruiert, hätte die Einbindung in das verdient, was seit Solschenizyn, Robert Conquest oder etwa Anne Applebaum präsent ist.

Parallelen zu Nahost

Eine ganz spezielle Qualität von "Der junge Stalin" hingegen ergibt sich allein aus des Autors Stilistik. Ohne es offen anzusprechen, erzeugt Montefiore mit Details, Netzwerk- und Hintergrundbeschreibungen des vorrevolutionären Russland Parallelen zur heutigen Situation in Nahost. Wer das Bild des zwischen Isolation und gesellschaftlicher Akzeptanz oszillierenden marxistischen Terrors, seiner Allgegenwart, auf sich wirken lässt, beginnt darüber nachzudenken, zu was der Islamismus von heute in Zukunft in der Lage sein könnte. Schon Mark Twain bemerkte: "Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie reimt sich."

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