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Rosamunde Pilcher, 1994.

Rosamunde Pilcher

Herrin über Leid und Liebe

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  • Marcus Weingärtner
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Bestsellerautorin Rosamunde Pilcher ist gestorben. Ein Nachruf.

Die Haare einer brünetten Frau wehen im Fahrtwind, das Oldtimer-Cabrio bewegt sich gemächlich durch eine hügelige Landschaft am Meer auf ein herrschaftliches Anwesen einer britischen Adelsfamilie zu. Noch ist alles in bester Ordnung, das Wetter ist mild, das Leben schön. Aber die Frau hat ein Geheimnis, sie bringt ihre Vergangenheit mit, deren langsame Enträtselung der Leserin und dem Leser – und nicht weniger häufig dem Fernsehpublikum – in aller Ausführlichkeit aufgegeben wird.

Wir befinden uns in der typischen Anordnung eines Rosamunde-Pilcher-Romans, der in Deutschland zum Inbegriff eines Heile-Welt-Genres geworden ist, in dem wohlgeratene Menschen sich in mitunter nicht immer ganz einfachen Familienverhältnissen wiederfinden. Ein erfolgreicher Landarzt, der plötzlich erfahren muss, dass er einen erwachsenen Sohn hat, der sich leidenschaftlich zur eigenen Tochter hingezogen fühlt. Was nun?

Inzest, Erbschaftsstreitereien und wiederaufflackernde Liebesgeschichten bilden häufig das Handlungsgerüst einfach konstruierter Romane. Unter der behutsamen Federführung von Rosamunde Pilcher werden sie stets von einfühlsamen Dialogen getragen, mit denen sich ein von ganz anderen Alltagssorgen geplagtes Publikum mühelos identifizieren kann. Allein für das ZDF sind nach diesem Erzählmuster zwischen 1989 und 2019 insgesamt 145 Filme entstanden. Tausende Filmleute und Schauspieler erhielten durch Pilchers unermüdliche Textproduktion Anstellungs- und Honorarverträge, ehe die Autorin 2012, im Alter von 87 Jahren, ankündigte, nun keine weiteren Romane schreiben zu wollen. Sie fühle sich allmählich zu alt dafür. In der Nacht zum Donnerstag ist Rosamunde Pilcher im Alter von 94 Jahren den Folgen eines Schlaganfalls erlegen.

Ihr Leben selbst las sich wie einer ihrer immergleichen, im besten Falle versöhnlich zu nennenden Romane: Geboren wurde Rosamunde Scott 1924 da, wo fast alle ihre Geschichten später spielten – im britischen Cornwall, jenem von der Natur besonders schön herausgeputzten Landstrich, auch Gottes eigenes Land genannt. Sie war die Tochter eines britischen Marineoffiziers, der in Burma diente. Der Vater war häufig abwesend, die Mutter übernahm die Erziehung und offenbar förderte sie früh die Begabung ihrer Tochter – sie schrieb bereits als Teenager. Zur „Meisterin der Liebesschnulze“ aber, wie sie des öfteren in England wie auch in Deutschland verächtlich genannt wurde, wurde Pilcher erst wesentlich später.

Nach dem Schulabschluss trat die knapp 18-Jährige erst einmal dem Women’s Royal Naval Service bei – dem Königlichen Marinedienst der Frauen, es war der Zweite Weltkrieg. Für ihre Zeit durchaus nicht selbstverständlich, hatte sie bald einen eigenen Beruf, sie wurde Sekretärin im britischen Außenministerium und von dort 1943 nach Indien berufen, wo sie bis zum Ende des Kriegs blieb.

Mit der modernen Lebensführung indes war es nach dem Krieg vorbei, die junge Frau heiratete 1946 den Textilunternehmer Graham Pilcher, mit dem sie bis zu dessen Tode vor rund zehn Jahren verheiratet blieb. Das Paar zog in den schottischen Ort Longforgan bei Dundee. Wie Cornwall beeinflusste auch Schottland Pilchers Ideen von Land und Liebe nachdrücklich. Sie wurde zur Hausfrau und Mutter und begann, Ende der 40er Jahre mit dem Verfassen von Kurz- und Liebesgeschichten, hauptsächlich für Frauenmagazine. Pilcher scheint sich des Erfolgs ihrer Geschichten zu dieser Zeit nicht sicher gewesen zu sein, denn sie schrieb unter dem Pseudonym Jane Fraser, das sie später ablegte.

Der Erfolg, der sie vor allem in Deutschland anhaltend berühmt machte, setzte recht spät ein, erst 1987 kam es zum kommerziellen Durchbruch mit einer für sie schon typischen Familiensaga um Liebe, Leid und Leidenschaft: „Die Muschelsucher“, die sich allein hierzulande rund 1,7 Millionen Mal verkauften. Ihre bislang mehr als 60 Millionen weltweit verkauften Bücher haben sie seither zu einer der erfolgreichsten Autorinnen der Gegenwart gemacht. Mit dem im Jahr 2000 erschienenen Roman „Wintersonne“ beendete sie ihre schriftstellerische Laufbahn.

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