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Ror Wolf „Die unterschiedlichen Folgen der Phantasie“: „Auf geht’s weiter weiter!“

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Immerhin: Ror Wolf erhält 2008 im Kurtheater Bad Hamburg den Friedrich-Hölderlin-Preis. Michael Schick
Immerhin: Ror Wolf erhält 2008 im Kurtheater Bad Hamburg den Friedrich-Hölderlin-Preis. © Michael Schick

Die Tagebücher von Ror Wolf erzählen vom Kampf um Anerkennung und zeichnen ein böses Porträt der deutschen Provinz.

Er lebte zurückgezogen, war ein fleißiger, ja besessener Arbeiter. Der Schriftsteller Ror Wolf schrieb Tausende von Seiten seiner expressionistischen Prosa, der Künstler schuf zugleich surrealistische Collagen, und es entstanden schräge und komische Hörspiele. Der Zuspruch eines großen Publikums blieb ihm versagt, auch die bedeutenden Literaturpreise erhielt er nicht. Und doch war Wolf, der 2020 im Alter von 87 Jahren starb und am heutigen Mittwoch 90 Jahre alt geworden wäre, einer der wichtigen deutschen Autoren der Nachkriegszeit.

Rechtzeitig zum Jahrestag sind nun seine Tagebücher aus den Jahren 1966 bis 1996 herausgekommen. Sie sind ein bewegendes Dokument eines langen Kampfes um Anerkennung, sie erzählen deutsche Literaturgeschichte und: Einzelne Passagen sind selbst große Prosa.

Wolf, im thüringischen Saalfeld in der späteren DDR geboren, ringt lange mit seiner Verzweiflung wegen des ausbleibenden Erfolges. 1986 nennt er sich selbst in seinen Notizen „die Kofferleiche der Literaturvertreter, eine kalkulierbare Fehlerquelle“. Einige Wochen vorher notiert er: „Ich habe in den vergangenen 53 Jahren ununterbrochen mit Katastrophen gelebt, ich bin ein paar Tausend Mal gestorben und zerrissen worden, ausgesetzt, zerdrückt und von allen Verhängnissen der Erde und des Mondes bedrängt worden.“

Zeit seines Lebens aber rappelt er sich immer wieder auf, arbeitet weiter und erklärt: „Das Collagenmachen ist meine Art, aus den Katastrophen herauszuwandern.“ Am Ende eines jeden Jahres findet sich in seinen Tagebüchern eine Bilanz. Am 31. Dezember 1978 eine Selbstermutigung: „Auf geht’s weiter weiter!“ Nur selten kommt er am Jahresende zu einer positiven Sicht, so wie an Silvester 1984: „Was für ein Leben, man kann sich hineinlegen in dieses Leben wie in einen Pflaumenkuchen.“

In den ersten Jahrzehnten ist es eine sehr unstete und wirtschaftlich unsichere Existenz. Bis zum Ende der 80er Jahre zieht er mehr als 35 Mal um. Nirgendwo hält er es lange aus. Da es an Geld fehlt, fallen die Unterkünfte entsprechend aus. Der sensible Mann notiert penibel, was ihn in der jeweiligen Bleibe quält: Es stinkt, schimmelt, der Wind pfeift durch die Ritzen, der Autoverkehr tobt unmittelbar vor dem Fenster, es grollt und donnert unerfindlich aus den Tiefen des Hauses. 1989 bezieht er an der Kupferbergterrasse in Mainz das Domizil, das er bis zu seinem Lebensende behalten wird. Endlich sesshaft.

Die Sensibilität, die ihn leiden lässt, bestimmt zugleich seine Prosa. Ror Wolfs literarisches Debüt „Fortsetzung des Berichts“ von 1964 ist ein intensiver, von Sinneseindrücken berstender Text, der sich zugleich jeder Gliederung, jedem Aufbau, jeder Handlung im üblichen Sinne verweigert. Vage lässt sich die Perspektive eines Kindes herauslesen, das den Alltag in einem bürgerlichen Haus erleidet. Und eine Stadt S. taucht auf, an verschiedenen Hinweisen als der Geburtsort Saalfeld erkennbar. Auch der nächste Prosaband „Pilzer und Pelzer“ setzt dieses Schreiben fort. Die Literaturkritik der Zeit kann damit wenig anfangen, sie ordnet Wolf der französischen Schule des Nouveau Roman zu, die damals mit Autoren wie Alain Robbe-Grillet von sich reden macht. Was es aber nicht trifft.

Das Buch:

Ror Wolf: Die unterschiedlichen Folgen der Phantasie. Tagebuch 1966–1996. Hg. v. Klaus Schöffling. Schöffling 2022. 334 S., 32 Euro.

In den Tagebüchern gibt es lange Einschübe, die das meisterliche Erzählen aufblitzen lassen. Als 1975 seine Mutter stirbt, besucht Wolf zum ersten Mal wieder Saalfeld, das er als Jugendlicher gen Westen verlassen hatte. Und plötzlich beschwört der Autor in einer eigenen Erzählung die Enge der DDR-Provinz herauf, die „schwermütige, düstere Anziehungskraft“ Saalfelds, „von Bergen zusammengedrückt“.

Da er viel reist, zu Lesungen mit nur wenig Publikum, gelingen ihm witzige, schauerliche Porträts auch der westdeutschen Provinz, böse Charakteristiken. Braunschweig: „Diese Stadt ist noch provinzieller, großschnäuziger, trostloser als früher. Ein durchgehend geöffnetes Krematorium. Eine breitgedrückte kalte große Kartoffel.“ Oder Koblenz: „An den Kiosken Bierseidel verziert und Schwarzwälder Thermometer und tropfenförmige Anhänger und Kreuze und Püppchen und Fäßchen und Täschchen und Gläschen und Hütchen mit verwegenen Kniffen und Fahrtenmesser Kuhglocken Kapitänsmützen Hasenpfoten mit Flaschenöffnern und nickende Hunde Madonnen Mundharmonikas und Muschelbüchsen und pfeifenrauchende Förster.“ Bad König im Odenwald: „Ein Ort wie ein Jägerschnitzel.“

Wolfs Texte, das muss er bald feststellen, lassen sich im Deutschland der 60er bis 80er Jahre nicht vermarkten, nicht verkaufen. Er ist zunächst Suhrkamp-Autor und nicht wenig stolz darauf. Doch Suhrkamp-Patriarch Siegfried Unseld lässt ihn fallen, nachdem die Verkaufserfolge ausbleiben. Am 7. Juni 1984 schreibt Wolf bitter in sein Tagebuch: „Der Verleger Unseld gehört seiner ganzen Natur nach zu den Gewinnern, und zwar zu der Sorte von Gewinnern, die gänzlich unfähig sind, sich einen Begriff zu machen von der Lage der partiell Erfolglosen. Angst hält er für Feigheit. Der Misserfolg stößt ihn ab. Er hält Misserfolg für Schwäche, für Untüchtigkeit, für eine unanständige Krankheit.“

So entwickeln sich die Tagebücher auch zu einer Studie des deutschen Literaturbetriebes der 60er bis 90er Jahre. Am Anfang versucht der Schriftsteller noch eifrig, dazuzugehören. Er besucht die Frankfurter Buchmesse und ihre Empfänge, notiert jeden Abend, wen er an Prominenz getroffen, mit wem er gesprochen hat. Doch das alles bleibt folgenlos, nur wenige unterstützen ihn wirklich.

Erst bei dem Frankfurter Verleger Klaus Schöffling findet er von den 90er Jahren an Rückendeckung. Schöffling veröffentlicht bis heute zwei (!) Gesamtausgaben mit den Texten und Collagen. Er hat sich jetzt auch der Tagebücher angenommen und in einem Jahr nicht weniger als 600 Fußnoten recherchiert. Der Verleger hält es für einen Skandal, dass Wolf nie mit dem Büchner-Preis bedacht worden ist.

In den 90er und 2000er Jahren wird der Autor endlich gewürdigt, vom Bremer Literaturpreis bis zum Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg. Am 1. Dezember 1999 notiert er verblüfft: „Platz eins der Bestenliste. Was ist los?“ Zum ersten Mal verfügt der Schriftsteller über Geld, ein nennenswertes Einkommen. Er trinkt weniger, kommt etwas zur Ruhe. Auch seine Affären finden zumindest weniger Widerhall in den Notizen. Schon am 28. Mai 1994 eine zufriedene Bilanz: „Ein unglaubliches Leben hinter mir. Ausbruch von Sentimentalität: andererseits, was war an diesem Leben falsch? Fast nichts. Ich bin ein paarmal in die falsche Wohnung gezogen, das ist auch alles. Meine Strategie war richtig, ich habe selbst im Alkohol noch konsequente Entscheidungen getroffen.“

Wolf veröffentlicht unter dem Alias-Namen Raoul Tranchirer eine umfangreiche „Enzyklopädie für unerschrockene Leser“, satirische Analysen der Welt mit phantasievollen Collagen. Er bleibt ein literarischer Geheimtipp. Und ein scharfer Analytiker. Beim Ausbruch des Golfkrieges im Januar 1991 eine knappe Notiz: „Eine Gemeinschaftsinszenierung der internationalen Ölspekulanten und Waffenschieber.“

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