+
Februar 1972: Nixon in China, hier mit Premier Chou En Lai (rechts).

US-Präsidenten

„Trinker, Cowboys, Sonderlinge“ – Die seltsamsten US-Präsidenten

  • schließen

Ronald D. Gerste porträtiert in einem anregenden Band die „12 seltsamsten Präsidenten der USA“.

Männer machen zwar gelegentlich Geschichte, aber ihre Handlungen werden nicht selten von absurden Entscheidungen geleitet und ihr Charakter bietet auch der Psychoanalyse aufregende Erzählstoffe. Wer da noch Zweifel haben sollte und Anhänger einer heroischen Geschichtsbetrachtung geblieben ist, der blicke dieser Tage nach Washington. Die Vereinigten Staaten neigten allerdings schon in der Vergangenheit dazu, ihr politisches Schicksal immer wieder einmal in die Hände von Politikern zu legen, die kaum für ein Amt befähigt waren, dem die amerikanische Verfassung eine „ungeheuer weitreichende Bedeutung zukommen lässt“: Davon weiß jetzt Ronald D. Gerste, Historiker, Amerikakenner und Publizist, auf leichte, aber überaus interessante Weise zu berichten.

US-Präsidenten: Die Galerie reicht von Andrew Jackson bis Richard Nixon

Gerste hat die aus seiner Sicht „12 seltsamsten Präsidenten der USA“ porträtiert. Die Galerie reicht von Andrew Jackson, der 1806 (als junger Mann) einen Duellgegner in einem Abstand von 24 Fuß kaltblütig niedergeschossen hatte, bis Richard M. Nixon, der nach der Watergate-Affäre seiner Absetzung durch Kongress und Senat nur mit seinem Rücktritt zuvorkommen konnte. Dazwischen etwa der trinkfreudige Franklin Pierce, der „höchstwahrscheinlich bestaussehende Mann, der je Präsident der Vereinigten Staaten war“, und der einzige ehemalige Amtsinhaber, „der an Leberzirrhose starb“. Herausragend das Porträt von Theodore Roosevelt, dem hochgebildeten Haudegen im Weißen Haus, dessen Amtsjahre „vielleicht die besten in der amerikanischen Geschichte (waren), voller Optimismus und bei aller gern demonstrierten Stärke weitgehend von Frieden geprägt“.

Den Medienstar unter den Präsidenten, John F. Kennedy, schildert Gerste als sexgetriebenen Amtsinhaber, dessen politische Sternstunde die Bewältigung der Kuba-Krise war. Ein „Mann mit einem ungeheuren Esprit“, an den sich „die inzwischen im Seniorenalter stehenden Zeitzeugen oft mit Verzückung, immer aber mit Respekt“ erinnern. Kennedys politisch schillernder und reicher Vater hatte seinen Kindern als Lebensmotto auf den Weg gegeben: „In dieser Familie wollen wir Sieger haben.“ Drei seiner hochbegabten Söhne folgten dem väterlichen Gebot, zwei von ihnen wurden Opfer politisch motivierter Mordanschläge.

Von 1909 bis 1913 war William Howard Taft Präsident. „Seine Reputation bei der Bevölkerung war ... hoch, man schätzte den Mann, der ungeachtet seiner körperlichen Schwächen seinem Land in unterschiedlichen Funktionen integer und ehrlich über mehr als dreißig Jahre gedient hatte.“ 1921 ging der Lebenstraum des Verfassungsrechtlers und untadligen Demokraten in Erfüllung, als ihn sein Nachfolger in den Supreme Court berief. Von Taft stammt ein Satz über das Präsidentenamt, der den Amerikanern von heute wie ein schönes Märchen aus längst vergangener Zeit erscheinen muss: „Was mich am meisten beeindruckt, ist nicht die Macht, die ich unter der Verfassung ausübe, sondern die Grenzen und Restriktionen, die sie mir auferlegt.“

Donald Trump schert sich einen Teufel um die Verfassung

Zweien seiner späteren Nachfolger – Georg W. Bush und Donald Trump – blieb bzw. bleibt eine solche Haltung zutiefst fremd. Bush belog Volk und Kongress, um einen Krieg zu provozieren, dessen beklemmenden Folgen die Welt noch heute in Atem hält. Trump schert sich mit Hilfe seiner republikanischen Truppen einen Teufel um die Verfassung.

Das Buch

Ronald D. Gerste: Trinker, Cowboys, Sonderling. Die 12 seltsamsten Präsidenten der USA. Klett-Cotta, Stuttgart 2019. 286 S., 20 Euro.

„Trinker, Cowboys, Sonderlinge“ – so der etwas reißerische Titel des Buches – sind Gerstes amerikanische zwölf „Helden“. Zwei Porträts zeigen, dass der Autor genau hingeschaut hat. Harry S. Truman und Richard M. Nixon zählten nach ihren Amtszeiten zu den am schärfsten kritisierten Präsidenten der USA. Truman blieb lange im Urteil seiner Landsleute der einfach gestrickte Mann aus dem Mittleren Westen, der die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zu verantworten hatte. Nixon ging als „Tricky Dick“ ins kollektive Gedächtnis ein. Seit Watergate und seit der Veröffentlichung der Tonbandprotokolle aus dem Weißen Haus – die primitive Sprache des Präsidenten, die sie offenbarten, entsetzte Amerika damals fast stärker als der Einbruch selbst – „ist er der Dunkelmann in der Galerie der amerikanischen Präsidenten“.

Gerste weiß zwar zu berichten, dass Truman „im Berufsleben regelmäßig gescheitert war und quasi in der Politik Zuflucht gesucht hatte“. Aber: „Dass dieser einfache, bodenständige Mann die vor ihm liegende Aufgabe im Wesentlichen meisterte und heute als einer der besten Präsidenten der amerikanischen Geschichte gilt, mag als eine der größten und gelungensten Bewährungsproben der demokratischen Regierungsform gelten. Er war einer aus dem Volk, dem im schwierigsten Augenblick epochale Verantwortung zufiel und der diese nicht scheute.“ Der schwierige Augenblick, das war der ausbrechende Kalte Krieg, das waren die klaren Haltesignale (Truman-Doktrin), die der 33. Präsident der USA angesichts der imperialistischen Pläne Stalins aufstellte. Es war die Entscheidung, in Korea den Vormarsch der kommunistischen Truppen durch Entsendung von US-Soldaten zu stoppen. Am Ende eines Treffens mit Truman erklärte ein fassungsloser Wjatscheslaw Molotow, damals sowjetischer Außenminister, noch nie in seinem Leben habe jemand so mit ihm gesprochen. Truman antwortete kühl: „Halten Sie sich an Abmachungen, und dann wird auch niemand mit Ihnen so sprechen.“

Es war der unter Truman in Washington beschlossene Marschall-Plan, der Westeuropa, besonders auch dem geschlagenen Deutschland, entscheidend dazu verhalf, die Kriegszerstörungen zu überwinden. Es war der Mut dieses Präsidenten, der den in der Verfassung geforderten Vorrang der Politik gegenüber dem Militär bewahrte, indem Truman den populären Kriegshelden aus dem Pazifik-Krieg gegen Japan, General Douglas Mac Arthur, entließ, als dieser den Einsatz von Atombomben im Koreakrieg forderte.

Der Atombombenabwurf auf Japans Großstädte war zweifellos die verhängnisvollste Entscheidung dieses Präsidenten. „Ich habe eine Entscheidung zu treffen, vor der noch kein Mann der Geschichte je gestanden hat.“ Das Militär hatte ihm allerdings zuvor deutlich gemacht, dass eine Fortsetzung des Krieges gegen Japan, das eine Kapitulation bis dahin verweigerte, das Leben von etwa einer Million amerikanischer Soldaten kosten werde.

Starb wirklich niemand durch Nixons Intrigen?

Und der trickreiche, immer ein wenig finster wirkende Richard M. Nixon? Er stammte – wie Truman – nicht aus einer der reichen und mächtigen Familien der USA. Er löste sich von seiner Kleinbürgerwelt und erkämpfte sich energisch und wegen seiner Herkunft immer wieder von Komplexen geplagt seinen Weg ins Weiße Haus. „Seine Verfehlungen und seine seelischen Abgründe, die bis heute sein Bild prägen, sind nur eine Seite dieser historischen Persönlichkeit, seine Verdienste ... sind eine andere.“

Die andere Seite: Nixon bannte mit seinem Besuch in China die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung der beiden Reiche, und sein diplomatischer Sensationserfolg führte zur Annäherung Pekings an den Rest der Welt. Nixon beendete den Vietnamkrieg, der die amerikanische Gesellschaft tief gespalten hatte. Er vereinbarte mit Moskau „das erste wirksame Programm zur nuklearen Rüstungsbegrenzung“.

Nicht zuletzt leugnete Nixon die globale Erwärmung nicht, „sondern nahm sie ernst, lange bevor sie zum Thema in der breiten Öffentlichkeit wurde“. Mit Blick auf den Irak-Krieg, den George W. Bush auslöste, hält Gerste fest: „Niemand starb durch Richard Nixons Intrigen.“ Eine Anmerkung, die es allerdings zu relativieren gilt. In ihrer großen Geschichte der Vereinigten Staaten weist die Historikerin Jill Lepore darauf hin, dass Nixon glaubte, ein zu früher Friedensschluss könnte ihm den Weg ins Weiße Haus versperren. Washingtons Verbündeten in Saigon ließ er signalisieren, „sie würden bessere Friedensbedingungen bekommen, wenn sie bis nach der Wahl und einem Sieg Nixons abwarten würden“. Der Vietnamkrieg dauerte dann noch fünf Jahre. Und doch zeigen nicht zuletzt Gerstes Hinweise auf Truman und Nixon, dass die Urteile der Geschichte nie zu früh gefällt werden sollten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion