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Ohne erschütternde Presseberichte über den Krimkrieg wäre Florence Nightingale nicht mit Pflegerinnen in die Türkei gegangen. Holzstich von 1879.
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Ohne erschütternde Presseberichte über den Krimkrieg wäre Florence Nightingale nicht mit Pflegerinnen in die Türkei gegangen. Holzstich von 1879.

Medizin und Moderne

Ronald D. Gerste: „Die Heilung der Welt“ – Die Tränen stillen und sich organisieren

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Medizin, Moderne, Mitleid: Ronald D. Gerstes „Die Heilung der Welt“ bietet ein umfassendes Panorama des tätigen Fortschrittsglaubens im 19. Jahrhundert.

Gleich zu Beginn seines Buches stellt der Autor klar: Es ist „keine Medizingeschichte. Es soll eher ein Zeitgemälde einer auf so vielen Gebieten fortschrittsgläubigen Epoche sein, betrachtet aus primär medizinischer Sicht“. Die Goldene Zeit der Medizin und ihrer Durchbrüche sei „eingebettet in eine beispiellose Innovationsfreudigkeit dieser Jahre“. Dafür stehe etwa das lebensechte Bild, das „gegen Ende des Jahrhunderts auch noch sich zu bewegen“ lerne, exemplarisch im „Siegeszug der Eisenbahn“ und der „Echtzeitkommunikation“ durch Telegrafie.

„Die Ärzte und Forscher“, schreibt Ronald D. Gerste, „setzen zu ihren Pioniertaten vor dem Hintergrund einer sich rasch wandelnden Demografie mit dem rasanten Wachstum von Städten und einer massiven Industrialisierung an – und sie tun dies in einem sich wandelnden politischen Umfeld.“

„Die Heilung der Welt“, aber die Gräuel gingen weiter

Daher der Titel des Buches: „Die Heilung der Welt“. Er gibt die Hoffnung wieder, von der nicht das ganze 19. Jahrhundert, aber doch viele Menschen des 19. Jahrhunderts bewegt wurden. Die Vorstellung, dass Wissenschaft mit der Vernunft einhergehe und diese mit Demokratie und Menschenrechten, ja sogar mit Menschlichkeit, war weit verbreitet. Gleichzeitig gab es weiter die gewöhnlichen Gräuel der Menschheit, zu denen sich im 19. Jahrhundert noch Kolonialismus und Imperialismus gesellten.

Ronald D. Gerste zeigt die ganze Ambivalenz des Fortschritts. Sein Buch kombiniert den genauen Blick auf einzelne Personen, ja auf Tage, auf einen Brunnen in Soho mit den Übersichten auf das Jahrhundert und auf unseren Blick darauf. Wir sind immer dabei. Gerste zeigt auf seine Helden. Es sind fast ausschließlich Männer. Er geht so nahe an sie heran, dass sie nicht mehr nur Helden sind, sondern ihre Schwächen sichtbar werden. Wir fangen an zu begreifen, dass diejenigen zu Helden werden, die sich nicht abschrecken lassen – nicht nur von ihren Widersachern, sondern auch nicht von sich selbst.

Ronald D. Gerste macht hungrig auf mehr Wissen

Wenn Gerste die Aktionen seiner Protagonisten schildert, dann verfällt man ihm. Natürlich habe ich mir „Erinnerungen an Solferino“ von Henri Dunant gekauft, und Semmelweis’ Abhandlung zum Kindbettfieber habe ich jetzt auch. Ich werde die vierhundert Seiten von Rudolf Virchows „Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre“ wahrscheinlich niemals lesen, aber zur Hand haben möchte ich sie doch. Gerste macht hungrig darauf.

Das nächste Mal, wenn ich nach London komme – es wird, so aussichtslos es im Augenblick scheint, dieses nächste Mal geben – werde ich in der Broadwick Street nach dem John Smith Pub suchen. Er beherbergt ein kleines Museum, das an den Arzt erinnert, der half, der Cholera den Garaus zu machen. Gegenüber an derselben Straßenecke, so schreibt Gerste, steht eine Replik des Brunnens aus den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts, in dem John Snow den Quell der Krankheit entdeckte. Der abgeschraubte Griff zeigt, dass es Snow damals gelang, die Stadtverwaltung davon zu überzeugen, diesen Brunnen zu schließen.

Das Buch

Ronald D. Gerste: Die Heilung der Welt. Das Goldene Zeitalter der Medizin 1840-1914. Klett-Cotta, Stuttgart 2021, 402 S., 24 Euro.

Ronald D. Gerste schreibt: „John Snow konnte nicht ahnen, dass fast exakt zu jener Zeit, da er die Pumpen Sohos in Augenschein nahm, da er von Haustür zu Haustür ging und die Menschen fragte, woher sie ihr Wasser bezogen, ob jemand in der Familie, im Haus an Cholera erkrankt oder, God forbid, vielleicht gar an Cholera gestorben war – dass genau in diesen Tagen und Wochen ein Anatom der Universität von Florenz über sein Mikroskop gebeugt saß.“

Filippo Pacini, der das Darmgewebe von an der Cholera verstorbenen Patienten untersuchte, sah „kleine, kommaförmig gebogene Objekte“, denen er den Namen „Vibrio“ gab. „Pacini hatte als erster Mensch die Erreger der Cholera mit eigenen Augen gesehen. Noch im gleichen Jahr veröffentlichte er seine Beobachtungen in der ,Gazzetta Medica Italiana’ unter dem Titel ,Osservazioni microscopiche e deduzioni patologiche sulla cholera asiatica’.

Italienisch indes war in den 1850er Jahren keine führende Wissenschaftssprache, und so kam es, dass John Snow nie von Pacinis Pioniertat erfuhr.“ Robert Koch war es, der 30 Jahre später als vermeintlicher Entdecker des Choleraerregers gefeiert wurde, „erst im 20. Jahrhundert sollte Pacinis Entdeckung gebührend gewürdigt werden“.

Was Ronald D. Gerste zu den wichtigsten Errungenschaften der Zeit erklärt

Gerste erklärt, Narkose und Eisenbahn seien wohl die bedeutendsten Innovationen des 19. Jahrhunderts. Niemand, der in Gerstes Buch Henri Dunants Schilderung einer Amputation ohne Narkose gelesen hat, wird ihm widersprechen wollen. Aber dass Millionen Frauen, die in die Krankenhäuser gekommen waren, um neues Leben zu schenken, dort nicht mehr starben, haben seine Leserinnen und Leser noch im Kopf. Dass dazu nichts anderes nötig war, als dass Ärzte sich die Hände wuschen, das hat etwas Ergreifendes.

Gerste versteht es auch, einen wütend zu machen. Da ist jener Kirchenmann, der gegen den Einsatz von Chloroform bei der Geburt wetterte, es sei „ein Werkzeug des Teufels, vermeintlich zum Segen der Frau angeboten. Am Ende allerdings wird es die Gesellschaft hartherzig machen und Gott der tiefernsten Schreie berauben, die in Zeiten der Bedrückung nach seiner Hilfe erschallen.“ Hartherziger als der Gott dieses Kirchenmannes kann keine Gesellschaft werden.

Gerste arbeitet die Rolle der Medien heraus, die dafür sorgen, dass Gräuel und Fortschritte schneller bekannt werden. Ohne die erschütternden Zeitungsberichte über die Qualen der im Krimkrieg Verletzten wäre Florence Nightingale nicht mit ihrer Gruppe von Krankenpflegerinnen ins türkische Scutari – heute der Istanbuler Stadtteil Üsküdar – gezogen, und ohne die Berichte über ihre Tätigkeit dort wäre die Pflege so bald kein eigener anerkannten Beruf geworden.

Eine Weltgeschichte des Mitleids: Ronald D. Gerste weckt den Wunsch danach

Gerstes Buch weckt den Wunsch nach einer Weltgeschichte des Mitleids. Von der buddhistischen Gottheit Guanyin bis Henri Dunant. Soweit ich weiß, gibt es so etwas noch nicht. Gerste macht einem klar, dass das 19. Jahrhundert auch eines des Mitleids war, eine Epoche, in der mitten in den Schlachten darum gestritten wurde, wie man dem Schlachten ein Ende machen oder doch wenigstens den Verwundeten helfen konnte.

Wir sprechen heute gerne kritisch darüber, dass alles organisiert werden müsse, aber wo wären wir, wenn es kein Rotes Kreuz, keinen Roten Halbmond gäbe? Das Mitleid allein bliebe bei der – womöglich tränenreichen – Zeitungslektüre stehen und sagte sich: Es ist schade um die Menschen. Will es tätig werden, will es die Verhältnisse ändern, dann organisiert es sich. Und die anderen. Davon handelt „Die Heilung der Welt“.

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