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Romantisch geleitet und artig gesinnt

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Von: Christian Thomas

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Das Selbstporträt Ludwig Emil Grimms stammt von 1813.
Das Selbstporträt Ludwig Emil Grimms stammt von 1813. © Brüder-Grimm-Sammlung der Stadt Kassel

Groß ist das Erstaunen, das Ludwig Emil Grimm auslöst, wenn man die Lebenserinnerungen des „Malerbruders“ liest. Bei ihm kam eine epochale Doppelbegabung zusammen.

Einmal hieß es, Goethe komme, und so kommt es auch im August 1815, so dass er „dann von Kopf bis zu Fuß den berühmten Mann“ sah, der „nicht groß, aber gut proportioniert“ war, mit einem „kleinen Ministerbauch“ und „schwarz angezogen“. Der Dichter und Minister war damit nicht durchschaut, aber doch abkonterfeit. Gescannt, so könnte man sagen. Denn Ludwig Emil Grimm hatte den gewissen Blick, nicht nur den milden des Porträtkünstlers, sondern den geschärften des Karikaturisten. Als der Malerbruder, der jüngere der beiden Gelehrten und Märchensammler, dem Gast seine Arbeiten vorlegte, Skizzen, Bildnisse, Landschaftsstudien, da sagte dieser „Ah!“

Ja, ganz und gar erstaunlich ist die Künstlerexistenz, die dieser Ludwig Emil Grimm an der Seite schon zu Lebzeiten berühmter Brüder als ein Dasein führte, aus dem die Nachwelt dann ein Schattendasein gemacht hat, so dass es „Zeit wird, diesen Künstler kennenzulernen“, wie Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz schreiben. Sie tun das praktisch vierhändig, denn so haben beide, der Literaturwissenschaftler und der Abteilungsleiter Kultur des Hessischen Rundfunks, vieles unternommen, das Literaturland Hessen durchforstend, auf der Suche nach Kostbarkeiten, die in Vergessenheit geraten sind. Das geschah im Falle des Malerbruders bisher nicht so sehr systematisch, aber es war eine doch saloppe Beschäftigung mit ihm, angefangen mit dessen Erinnerungen.

Diese, vom Autor nicht zur Publikation bestimmt, wurden für einen Familien- und Freundeskreis in eine Kladde gebunden. Auf diese Ausgabe sind Boehncke und Sarkowicz gestoßen; sie wurde zur Grundlage einer Publikation, die zeigt, wie sehr andere Ausgaben, gekürzt sowieso, ein verfälschtes, auch zensiertes Bild abgaben. 1911 wurden sie erstmals gedruckt und verhudelt, 1950 kam eine weniger unzuverlässige heraus – die jetzt in der Anderen Bibliothek erschienene, durch Grimm’sche Zeichnungen, Radierungen, Aquarelle prachtvoll bereicherte Ausgabe basiert auf dem Manuskript im Besitz der Stadt Kassel. Aufgeschlagen wird die Ausgabe der Lebenserinnerungen in der Neuausgabe, blau bestempelt oben rechts. Holzig die Anmutung der Reproduktion des Originals, auch ein wenig angegilbt. Die Andere Bibliothek bleibt die feste Bleibe einer Buchkunst, die mit Händen zu greifen ist, hier im Folioformat.

So eingestimmt (umgarnt), liest der Leser: „Wie ich ein Junge von 12 Jahren war, kam ich nach Kassel, um auf die hohe Schule zu gehen.“ Dem rückblickenden Satz der Lebenserinnerungen greifen Boehncke und Sarkowicz vor mit ihrer Einführung. Einmal mehr hessische Gedächtnisarbeit: Die Grimms sind eine Familie in Hanau. Ihre Ahnentafel lässt sich bis in die ersten Jahre des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen. Als Ludwig Emil 1790 zur Welt kommt, ist er der fünfte Sohn im Haus zur Grünen Linde, nachdem 1785 Jacob, 1786 Wilhelm, ein Jahr später Carl und ein weiteres Jahr später Ferdinand geboren wurden. Schließlich bringt Mutter Dorothea 1793 Lotte zur Welt – das geliebte Malchen. Schon die ersten Seiten der Veröffentlichung zeigen die Familie, es sind gezeichnete Porträts, radierte Studien.

Früh drängten sich dem Jungen die Erinnerungen farbig auf. Da tobt der Junge durch Steinau, er wildert über die Felder oder durch die Wälder und beobachtet, wie die Kinzig im Frühjahr über die Ufer tritt und den Wiesengrund rot färbt. Blutige Zeiten. Er ist unter den Menschen, die die Rückkehr der Störche bejubeln, nachhaltig gräulich erinnert er sich an das Prügelregiment seines Lehrers Zinckhan: „An ein ernstliches Lernen wurde aber nicht gedacht, meist Mutwille getrieben. Wir bekamen oft Schläge, ich beinahe alle Tage.“

In der Schule der Willkür der schwarzen Pädagogik und den Launen eines Tyrannen ausgesetzt, beobachtet er auf der Straße „immerwährende Durchzüge“, mal Franzosen, mal Österreicher, Holländer, Preußen, Mainzer, Hessen. Er sieht zu, wie der Krieg Soldatenkolonnen mit sich führt, und die wiederum zerren Vieh mit sich, das auf jeden Fall zum Tode verurteilt ist.

Eine besondere Bewandtnis hat es mit Ludwigs Tierverehrung, „Hauptfreunde“ sind ihm die Vögel, und was die Katzen betrifft, widmet er ihnen poetische Briefe. Die Lebewesenszüge, die er an den Tieren ausmacht, stehen im krassen Gegensatz zu den Exzessen des Krieges, die auch in Steinau nicht verborgen bleiben, im Gegenteil. Plünderungen und Totschlag sieht der Junge auf offener Straße zu.

Zu den Fundstücken zählt das Skizzenbuch des 15-jährigen, im Faksimile sehr schön anzusehen. Bemerkenswert die krakelige Kinderschrift eines Menschen, der Künstler wird. Zwischen den Querformatbuchdeckeln nicht nur erste Versuche, sondern bereits der Gestaltungswille, vom Humor motiviert.

Ludwig Emil wird wie seine Brüder hineingeboren in eine Epoche aus Verunsicherung und Verstörung. In der Grimm-Literatur über die beiden weltberühmten Brüder taucht immer wieder die Zeichnung auf, die Jacob und Wilhelm 1797 von der Enthauptung Ludwigs des XVI. unter der Guillotine anfertigten. Schon die Kindheitsszenen sind beherrscht von Verlust und Verwirrung, dramatisch wird der Tod des Vaters im Januar 1796 empfunden.

Ausgesetzt einer antiautoritären Aufbruchsstimmung, einem freiheitsliebendem Elan und Enthusiasmus, wird Grimm Zeuge gleich mehrerer Zeitenwenden, des Untergangs des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der unerbittlichen Neuordnung Europas durch Napoleon. Äußerst turbulent ist das Verhältnis zu Clemens Brentano und Achim von Arnim; sie hocken und hausen vorübergehend zusammen;, die obskure Kneipe in Heidelberg heißt „Faulpelz“. Auch mit Bettina Brentano kommt er zusammen, von „ihr nach und nach zahm gemacht“, vermittelt sie den von ihr kultivierten Draufgänger, der unbeholfene, aber schneidig-boshafte Karikaturen krakelt, einer fundierten Ausbildung wegen zum Radierer Karl Heß nach München.

Einige Male übertritt Ludwig Emil die Landesgrenzen Hessens. Wie viele Nationalisten stürzt er sich im März 1814 in einen „Frankreichfeldzug“ (Boenhcke/Sarkovicz) gegen Napoleons Regime. Um in der antinapoleonischen Allianz in einem Freiwilligenheer mitzumachen, unterbricht er sein Kunststudium.

Am 17. Oktober 1817 die Rückkehr nach Kassel, er lässt sich nieder als freier Künstler, nachdem sich seine Spekulationen auf eine Akademieanstellung zerschlagen haben. Ein weiterer Versuch wiederholt sich auch unter dem neuen Regenten – und schlägt ebenfalls fehl. Der Unwille gegen den reaktionären Kurfürsten ist groß, er wird zum Sinnbild der deutschen Misere. Während der Tage der Juli-Revolution von 1830, „wo es auf der ganzen Welt auf einmal anfing zu gären“, denkt er von Kassel aus in diese Welt hinaus, an das gärende Paris, um sich im nicht so sehr gärenden Kassel zu sagen: „Was nun daraus Gutes oder Böses entsteht, wird die Zukunft lehren.“

Nun denn, 1832 bekommt er eine Anstellung als Professor an der Akademie, endlich, dafür musste er kämpfen. Er lebt in Kassel anschließend eine wohl etwas einsiedlerische Existenz. Er stirbt in Kassel 1863. Er hinterlässt Zeichnungen, Aquarelle, Radierungen, von ihm stammen sehr anmutige Kinderphysiognomien, obendrein berühmte Porträts, etwa von Paganini und Heine, von dem der Schriftsteller Grimm sagt, dass er „ein gescheites Gesicht“ habe – allerdings: „Er schwätzt nur gar zu viel und über alles, was ihm vorkommt.“

Geschwätzig, leider, sind auch die Illustrationen, die den Lebenserinnerungen des Malerbruders beigegeben sind, die Arbeiten des Zeichners Albert Schindehütte, die gar nicht einleuchten möchten, bei aller Kunstfertigkeit gekünstelt wirken, als wollten sie sich von dem Werk des Malers, Zeichners, Radierers Grimm ein allenfalls umrissenes Bild machen, hingetuscht und aquarelliert.

Tatsächlich war dieser Ludwig Emil eine gemäßigte Natur, als Schriftsteller absolut romantisch geleitet, als Zeitgenosse artig gesinnt, als Künstler „der wohl wichtigste Bildchronist“ der Romantiker: „Viele der bis heute wirkmächtigen Bilder und Ikonen der Romantik stammen von ihm“, betont das Gespann Boehncke/Sarkowicz. Er hat die Bildersprache der Märchen geprägt, das Bild der Hexe, von Schneewittchen. Von dem Malerbruder stammt das berühmte Doppelporträt der Brüder. Trotz der grotesken Figuren, die sein Naturell als Karikaturist mag, geht er in seinen „hybriden romantischen Landschaftsansichten“, nicht „nackt naturalistisch“ vor, sondern bewahrt einen „Abglanz romantischer Naturphilosophie, romantischer Natursehnsucht.“

Über den Malerbruder hat der Autor in seinen Lebenserinnerungen immer wieder nachgedacht: „Man sagt im gewöhnlichen Leben: Den Charakter des Menschen kann man in seinem Gesicht lesen. Das ist oft ein ganz unrichtiger Schluß.“ Dieses Unrichtige hatte für Ludwig Emil Grimm Folgerungen, ob nun geistvoll oder geschickt. Bei ihm kam eine epochale Doppelbegabung zusammen.

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