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Romantik ohne Illusionen

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Charlotte Brontë, geboren am 21. April 1816.
Charlotte Brontë, geboren am 21. April 1816. © epd

Vor 200 Jahren kam die keineswegs schlichte Schriftstellerin Charlotte Brontë zur Welt.

Wie ist es nur möglich? Drei Schwestern schreiben unter männlichen Pseudonymen drei Romane von durchschlagendem Erfolg. Und sie schreiben noch vieles mehr außer „Die Herrin von Wildfell Hall“, „Wuthering Heights“ und „Jane Eye“, und etliches davon ist ebenfalls unvergessen, dabei haben Anne, Emily und Charlotte so wenig Zeit, so wenig von dem, was allgemein unter Erfahrung verstanden wird, verreisen auch so selten. Das scheint auch alles nicht nötig zu sein. Ihr Leben lang lesen und schreiben sie.

Am meisten Zeit hat noch Charlotte, die mit 39 Jahren als letzte stirbt, einige Jahre vor dem Vater, der seine sechs Kinder überlebt. Zuerst ist, 1825, die älteste Tochter gestorben, das heißt nach der Mutter, die sie bei den Geschwistern so gut wie möglich ersetzt hat. Maria ist elf, ihre Schwester Elizabeth zehn, als sie wenige Wochen später ebenfalls stirbt, beide die Opfer unerträglicher Zustände in einem Internat, denn im 19. Jahrhundert durfte man unter keinen Umständen ärmlich und mutterlos sein. Entsprechende Schilderungen in den Büchern der Schwestern sind keine effektvollen Übertreibungen, das muss man sich klar machen.

Jetzt versucht die neunjährige Charlotte, die Ersatzmutter Maria zu ersetzen. Wenige Jahrzehnte später, 1848/49 stirbt zuerst der einzige Bruder, der 31-jährige Branwell, drei Monate danach die 30-jährige Emily, wiederum vier Monate danach die 29-jährige Anne. Zur Kränklichkeit im Wetter von Yorkshire kommt eine verheerende Disposition zur Tuberkulose, manchmal steht „Auszehrung“ in den Akten.

Ach, die Brontë-Schwestern hatten einen Bruder? Ja, und nicht nur das. Die Planungen des Vaters, Witwers und Pfarrers Patrick, glaubt man Charlotte und den Biografinnen, zielt im Prinzip darauf ab, seinen und nicht den Talenten der vielen Mädchen Raum zu geben. Aber Branwell kommt nicht zurecht. Auch er schreibt und will und soll an sich Maler werden, irgendwie reicht es nicht. Unter seltsamen Umständen – der große Auszug zur Ausbildung nach London, finanziert auch dadurch, dass Charlotte und Emily sich als Gouvernanten verdingen, endet, weil er auf dem Weg nach London beraubt worden sein soll – taucht er immer wieder zu Hause auf, trinkt, unternimmt nichts.

Berühmt ist ein Bild, das er 1837 von sich und den Schwestern malt, berühmt, weil die Schwestern bald darauf so berühmt sind. Sich selbst, es ist kaum auszuhalten, entfernt er später, tilgt sich, schreibt die Biografin Elsemarie Maletzke. Das Bild hängt in der National Portrait Gallery in London, an Bruders statt auf ewig ein nebeliges Loch. Inmitten von Tod und Kreativität ein tragisches Scheitern.

Charlotte überlebt die letzte Schwester noch um sechs Jahre. Sie erlebt noch den Anfang persönlichen Ruhms, weil sich in der Szene herumspricht, dass sie die Verfasserin von „Jane Eyre“ ist. Sie wird in London eingeführt, wo sie mit Thackeray inkognito zu Abend isst, er unverschämt indiskret, sie in Verlegenheit. Und sie heiratet, was sie weiß Gott nicht vorhatte, und zwar einen uninteressanten Mann, der allerdings außergewöhnlich beharrlich um sie wirbt. Und sie stirbt während ihrer ersten Schwangerschaft unter nicht völlig geklärten Umständen. Tuberkulose und „unstillbares Erbrechen“ werden genannt.

Charlottes Mann war also uninteressant? So will es eine Geschichtsschreibung, die gegen ihre Gewohnheit früh respektiert, dass sie es hier mit einer genialen Frau zu tun hat, und die üblichen verzerrten Schlüsse daraus zieht. Dabei hat natürlich auch Charlotte Brontë auf Verlagssuche solche Sätze gelesen: „Literatur kann nicht die Hauptbeschäftigung im Leben einer Frau sein, und sie sollte es auch nicht sein.“ Mr. Nicholls ergeht es vielleicht ein bisschen wie Christiane Vulpius. Auch konkurriert er in den Augen der Nachwelt auf verlorenem Posten gegen Mr. Rochester und für alle, die nach „Jane Eyre“ weiterlesen wollten, auch mit Monsieur Paul Emanuel, dem an sich unmöglichen, aber auch faszinierenden, unhöflichen, gütigen, provozierenden Lehrer aus „Villette“.

Alle Brontës wollten also immer schreiben und taten es auch. Branwell war völlig einbezogen, gab mit Charlotte den Takt vor. Der Pfarrhaushalt, ein vertrautes Muster, machte bei aller Mickrigkeit geistige Angebote, es wurde gelesen wie rasend, natürlich unter besonderer Berücksichtigung von Walter Scott, aber auch Tagespolitik interessiert Charlotte enorm. Die Kinder fangen früh an, eigene Geschichten zu entwerfen, Netze von Geschichten. Die Reiche Angria – Branwells und Charlottes Terrain, auf dem Charlottes verehrter Herzog von Wellington zu Hause ist – und Gondal (Emily und Anne) erinnern daran, dass man keinen Computer benötigt, um sich auf interaktive Fantasy-Abenteuer mit Avataren und Mitspielern einzulassen.

Aber nicht nur das Schreiben wird dabei ja trainiert und nicht nur der Realität etwas Machtvolles, gar nicht unbedingt Unrealistisches entgegengesetzt. Auch ganz praktisch wird sich aus den dunklen Helden von Charlottes Kinderphantasie bereits der Mann herausmendeln, der grobianisch ist, aber bei der ersten, spektakulären Begegnung vom Pferd fällt, Jane vor die Füße, die ihm tatkräftig aufhelfen muss. Die Beschämung des Mannes übertrifft die Opferbereitschaft der Frau dabei um Längen, vor allem aber regiert der Pragmatismus der fürs sanft Romantische nicht geborenen Menschen.

Gewiss ist Rochester eine Frauenfantasie, gerade weil er nicht schön ist (was der jungen Helferin in ihrer Verlegenheit zupass kommt, wie ihr auch bewusst ist), nicht aber sind es die gesellschaftlichen Umstände in „Jane Eyre“ und nicht ist es Jane Eyre selbst, die bedeutungsvoll entschlossen die Situation abstreift. „Es war passiert und war nun vorbei, ein Vorfall ohne Bedeutung, ohne Romantik … .“ Nun ja, Leserin und Leser wissen es besser. „Jane Eyre“ ist extrem schwungvoll und bemerkenswert gepatchworkt – wenn die grimme Kindheit des Waisenmädchens, in der sich knallhart reelle Parallelen zur Internatszeit der Brontë-Kinder auftun, nachher auf das wildromantische Motiv der weggesperrten Wahnsinnigen trifft; oder wenn Charlotte, Tochter eines in späteren Jahren erblindeten und dadurch besonders hilfsbedürftigen Vaters, die Erblindung Rochesters als opulent kolportagehafte Wendung einsetzt.

Umso wichtiger ist es, dass die folgenden Romane, die subtilere, mildere, aber auch weniger leidenschaftliche „Shirley“ und vor allem „Villette“ noch viel unkonventioneller sind. Es ehrt die englische Leserschaft der Zeit, dass sie weitgehend gleich weiter mitlas. In Deutschland ist jenseits von „Jane Eyre“ (und Emilys „Wuthering Heights“) noch Spiel. „Villette“, posthum erschienen, basiert auf dem allerersten, ebenfalls erst später veröffentlichten Roman „Der Professor“. Es ist ein restlos entromantisiertes Meisterwerk an Nüchternheit und wachem modernen Blick auf die uninteressanten Seiten des (Frauen-)Lebens, die trotzdem gelebt werden müssen.

Seine herbe Heldin Lucy Snowe, die das Lichte im Vor- und die Winterkälte im Nachnamen trägt, ist nicht „schlicht“ und still wie Jane – was in Verfilmungen dann doch wieder Charlotte Gainsbourg in die Titelrolle bringt, so dass „schlicht“ bloß ein anderes Wort für hinreißend ist –, sondern hässlich und ungeschmeidig. Wie ihre Autorin einst geht sie als Lehrerin nach Brüssel (im Roman: Villette), wo Charlotte und Emily ihr Französisch verbessern wollten. Ihr von anderen Sorgen durchkreuzter Plan damals: Die Gründung einer Schule als einzige Möglichkeit, als Frau selbstständig zu werden.

Lucy Snowe und Charlotte teilen ihren glasklaren Blick auf die Welt und die begrenzten, aber vorhandenen Möglichkeiten, die sich in ihr auftun. Ein Mann ist nur eine davon, „Villette“ endet in dieser Hinsicht originell genug, um Interpreten bis heute rätseln zu lassen. Dass die erheblichste Romantik die ist, die sich keine Illusionen macht, kann man bei Charlotte und Lucy jedenfalls lernen und sich ruhig abgucken.

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