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Die Donau in Kroatien.

Kroatischer Roman

Eine unreparierbare Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg

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Viele Perspektiven, ein Elend: Der kroatische Schriftsteller Slobodan Šnajder erzählt von einem jungen Soldaten auf der Dauerflucht.

Djuka heißt er bei den Kroaten, Georg bei den Deutschen, Jurek bei den Polen und Juri bei den Russen. Der junge Kempf kämpft sich im Zweiten Weltkrieg von Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel, rettet sich listenreich wie der Schelm Simplicissimus im deutschen Barockroman, aber ohne dessen Frivolität, vor den Nachstellungen seiner ständig wechselnden Kampf- und Volksgenossen. Erst rekrutiert ihn die SS, dann die polnische Heimatarmee. Mal irrt er mit flüchtenden Juden durch den Wald, mal muss er als Knecht einem Bauern zur Hand gehen. „Schwebendes Volkstum“ nannten die Nazis die vielstellige Identität, die dem jungen Soldaten seine Dauerflucht möglich macht. Solange er schwebt, unschlüssig, wo er sich niederlassen soll, kann er von allen Seiten abgeschossen werden. Einmal am Boden, teilt er das Schicksal seiner Umgebung.

Die Familie Kempf ist im 18. Jahrhundert aus Deutschland ins heutige Kroatien gekommen, geführt von einem unternehmungslustigen jungen Bauern, der seine Familie nach „Transsilvanien“ führen wollte, aber in Nuštar landete, einem Ort nahe der Donau bei Vukovar. Es ist die Geschichte der Donauschwaben, die damals, angeworben von Kaiserin Maria Theresia, das weitgehend entvölkerte Slawonien besiedeln sollten. Ein wenig ein Schmelztiegel wurde die neue Heimat, wenigstens zeitweise, aber sie war kein Gelobtes Land. Die meisten ihrer Nachkommen flohen 1945 vor den Partisanen oder wurden vertrieben.

Der Roman

Slobodan Šnajder: Die Reparatur der Welt. Roman. A. d. Kroat. v. Mirjana/ Klaus Wittmann. Zsolnay 2019. 536 S., 26 Euro.

Als hundert Jahre nach der großen Südostfahrt der Donauschwaben in ganz Europa der Nationalismus seine Triumphe feierte, zeigte er sich hier nur von seiner problematischen Seite. Die schwebenden Volkstumsteilchen mussten sich alle auf völkischen Boden setzen. Die Familie Kempf wurde, obwohl schon die Enkel des deutschen Moses slawische Namen getragen hatten, wieder deutsch und deutscher. Die Familiengeschichte ist typisch für die Region. Die vielen historischen Erklärungen im Roman, oft nur notdürftig in kleine Erzählungen verpackt, helfen vor allem dem deutschen Leser beim Einstieg in diese fremde, multinationale Welt. Möglicherweise helfen sie aber auch den jungen Kroaten, die in eine künstlich einzementierte Nation mit lauter toten Königen und historischen Helden hineinwachsen und sich gar nicht mehr vorstellen können, wie flüchtig noch die Identität ihrer Großeltern war.

Djukas Herz brennt für keine der Nationen und Parteien, denen er sich im Laufe seiner Odyssee anschließt. Daran ändert auch die Liebe zu seiner polnischen Krankenschwester nichts. Anja, so heißt sie, verhilft ihm zur Desertion aus der Waffen-SS, nachdem er sich geweigert hat, polnische Geiseln zu erschießen. Den ganzen Krieg über behält der junge Djuka, Jahrgang 1919, die Normalmoral seines slawonischen Heimatstädtchens bei, macht sich nicht groß schuldig, aber achtet vor allem auf sich selbst. Er hasst keine Juden und wundert sich über die vielen Polen, für die das sehr wohl zutrifft. Am Ende des Krieges kehrt der freudlose Hasardeur aus dem abgebrannten Polen zurück nach Kroatien, das jetzt wieder zu Jugoslawien gehört. Er heiratet Vera, die wie durch ein Wunder aus dem berüchtigten kroatischen KZ Jasenovac freikam und sich für den Rest des Krieges als Partisanin verdient gemacht hat.

Der Krieg ist vorbei, aber Friede kehrt für Djuka nicht ein. Das junge Paar bekommt noch einen Sohn, in dem man leicht den Autor erkennt: Slobodan Šnajder, Sohn des Djuka Šnajder alias Georg Schneider aus Nuštar, eines stillen, wenig bekannten Dichters. Der Vater trinkt, die Eltern trennen sich. Dass beide im Krieg auf verschiedenen Seiten der Front standen, ist nur eines von vielen Hindernissen, die zwischen dem sprachlosen Paar stehen. Slobodan Šnajders Roman ist eine Annäherung an den Vater und damit zugleich eine an die deutsche Herkunft. Um Schuld geht es dabei nur noch ganz am Rande. Dass die bäuerlichen „folksdojceri“ in der Waffen-SS „freiwillig Gezwungene“ waren und meistens keine Nazis oder überzeugte Volkstumskämpfer, ist im früheren Jugoslawien heute eine anerkannte Tatsache. So wird der vorletzte Krieg, der, durch den Djuka musste, zur Parabel auf den letzten, den jugoslawischen Bürgerkrieg, den sein Sohn Slobodan erlebt hat. „Keiner nahm das Deutschtum ernst, bevor es entflammte“: Was der Erzähler über die Volksdeutschen sagt, darf auch für die jugoslawischen Kroaten gelten.

Kluge Dialoge, wie mit dem alten Juden Mordechai, lohnen immer wieder das Weglegen und Nachdenken. Šnajder gelingen beklemmende, tief empfundene Szenen, die lange hängen bleiben – wie die von der jüdischen Familie, die ihr Baby ersticken muss, damit es mit seinem Geschrei nicht das Versteck verrät. Alles wird uns lapidar und spannungslos erzählt, ganz so, als hätte sich ein Teil der Stumpfheit des Kriegsvaters auf den Sohn übertragen – eine stilistische Entscheidung, die, wenn es denn eine ist, die Lektüre nicht leichter macht.

Kroatische und deutsche Leser lernen in dem gründlich recherchierten Roman viel über den Zweiten Weltkrieg aus jugoslawischer, deutscher, jüdischer, russischer und besonders viel aus polnischer Perspektive. Wie fremd auch dem kroatischen Autor die Welt Nazi-Deutschlands ist, blitzt nur hier und da kurz auf – wie wenn er den Berliner Sportpalast, wo alle den totalen Krieg wollten, nach Nürnberg verlegt. Ein aufschlussreicher Fehler. Da, wo er den Krieg aus der Perspektive des vogelfreien Individuums erzählt, ist Šnajders Roman poetisch und lehrreich. Aber den Zweiten Weltkrieg aus übernationaler Perspektive zu erzählen, wird wohl keinem Autor je gelingen.

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