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Die römischen Dichter, argumentiert er, hatten mehr Achtung vor den Menschen als vor den Göttern.

Christentum

Was der Gottesstaat mit dem  Untergang Roms zu tun hat

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Der Weg aller irdischen Reiche: Als das Ende der Welt wieder einmal da zu sein schien, hatten die Christen ein fertiges Konzept zu bieten – den Gottesstaat.

Am 24. August des Jahres 410 eroberten die Westgoten unter ihrem Heerführer Alarich I. (370–410) Rom, die Hauptstadt des Weströmischen Reiches. Davor war die Stadt das letzte Mal 387 v. Chr. von keltischen Stämmen eingenommen und geplündert worden. Nun, es waren nicht „die Westgoten“, die Rom eroberten. Alarich war der Befehlshaber einer gotischen Söldnerarmee in römischen Diensten. Als der neue Kaiser Honorius den Vertrag nicht verlängerte, rebellierten Alarich und seine Truppen. Alarich versuchte den Streit zwischen dem west- und dem oströmischen Kaiser auszunutzen, um wieder einen Vertrag zu bekommen, der ihn und seine Männer ernährte.

Alarichs Truppen zogen teils marodierend, teils in kaiserlichem Auftrag durch Italien und den Osten des römischen Reiches. Verträge wurden geschlossen und wieder gekündigt. Geld floss mal und mal wieder nicht.

Der Mann, der Rom zu Fall gebracht hatte

Seit September 408 stand Alarich, dessen Truppen sich, da andere betrogene Söldnerheere zu ihm gestoßen waren, gewaltig vermehrt hatten, vor Rom und forderte vom Kaiser – der residierte in Ravenna – die Getreideernte eines Gebietes, das von der Donau bis zum Golf von Venedig reichte und den Titel eines Heermeisters der kaiserlichen Truppen. Honorius ließ ihn abblitzen. Die Römer öffneten die Stadttore. Alarich und seine Truppen bedienten sich und zogen am 27. August weiter. Nach Kalabrien.

Auf dem Weg in die reiche Provinz Afrika (Tunesien und Teile des heutigen Algerien und Libyen) erlag Alarich, der Mann, der Rom zu Fall gebracht hatte bei dem Versuch, nichts zu sein als ein guter römischer General, bei Cosenza einem Malariaanfall. Der Legende nach wurde er im Fluss Busento beigesetzt. August von Platen (1796–1835) machte ein berühmtes Gedicht daraus: „Nächtlich am Busento lispeln, bei Cosenza, dumpfe Lieder,/ Aus den Wassern schallt es Antwort, und in Wirbeln klingt es wider!/Und den Fluß hinauf, hinunter, ziehn die Schatten tapfrer Goten,/ Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten ... .“ Begraben wird er Platen zufolge mit „seiner stolzen Habe“. .Nach ihr, nach Alarichs römischem Raubschatz, wird bis heute gesucht. Auch Himmler, der im Auftrag Hitlers nach dem Gotenschatz geforscht hatte, hatte ihn nicht gefunden.

Fall Roms führte zu einer großen Kontroverse im Christentum

Nur drei Tage hatten Alarichs Truppen Rom verheert. Aber der durch die Lande marodierende General machte Weltgeschichte. Er hatte gezeigt, wie leicht die Ewige Stadt zu nehmen war. Offenbar wollte keiner sie mehr halten. Nicht der Kaiser und nicht einmal die Römer. 455 plünderten die darüber sprichwörtlich gewordenen Vandalen eine Woche lang das ewige Rom.

Zu Ende ging das Weströmische Reich allerdings erst, als Odoaker, der Heerführer einer germanischen Söldnerarmee Anfang September 476 in Ravenna einmarschierte, den 16-jährigen Kaiser Romulus am 4. September absetzte, die Kaiserinsignien nach Konstantinopel schickte und sich selbst zum König von Italien ausrief. Das war das wenig spektakuläre Ende einer Jahrhunderte alten Weltmacht.

Noch einmal zurück zu Alarich. Der Fall Roms im Jahre 410 führte zu einer großen Kontroverse im Christentum. Ein in der Nähe von Bethlehem lebender Eremit, der später heiliggesprochene Hieronymus (347–420), erklärte damals: „Meine Stimme stockt und mein Schluchzen unterbricht die Worte, die ich schreibe: Die Stadt ist bezwungen, die den Erdkreis bezwang.“ Das Schicksal des Christentums war für ihn, wie für viele Christen damals, untrennbar mit dem des weströmischen Reiches verbunden. Seit Theodosius I. (347–395) das römisch-katholische Christentum, alle anderen christlichen Glaubensbekenntnisse rigoros bekämpfend, als Staatsreligion des Römischen Reiches etabliert hatte, war der römische Bischof der wichtigste der Christenheit.

Auf die Heiden folgt der Gottesstaat

Wenn aber das gerade erst vom Heidentum befreite Rom untergehen kann, was hat dann, so fragten sich viele, überhaupt noch Aussicht auf Bestand? Das Ende des Römischen Reiches, wäre das Ende der gerade erst geschaffenen Reichskirche. Der Fall Roms wäre der Anfang vom Ende der Welt.

Viele flohen aus Rom. Viele der Flüchtlinge landeten in der nordafrikanischen Hafenstadt Hippo Regius. Seit 15 Jahren war der Bischof der Stadt der später ebenfalls heiliggesprochene und zum Kirchenvater erklärte Augustinus (354–430) aus Thagaste, dem heutigen Souk Ahras in Algerien. Er entwickelte eine – sagen wir einmal so – posttraumatische Theologie. Posttraumatisch jedenfalls was den Untergang des Römischen Reiches anging. Die Pointe ist freilich, dass er sie schon vor dem Untergang Roms, nämlich in den Jahren 413 bis 426 verfasst hatte.

Als der Untergang dann eintrat, hatte die römische Christenheit ein fertiges Konzept, auf das sie umschwenken konnte: den Gottesstaat. Und nicht nur das. Sie hatte auch einen höchst realistischen Blick auf die Weltgeschichte. Augustin erklärte: Noch nie wurden in einem Krieg Besiegte um ihrer Götter willen von den Siegern verschont; besiegte Städte zu zerstören ist allgemeiner Kriegsbrauch. Für Augustinus ist das Römische Reich nicht der irdische Vorschein der himmlischen Ordnung. Der Bischof von Hippo malt genüsslich-entsetzt die sittliche Verdorbenheit der Heidenwelt aus. Die Rede von der römischen Dekadenz, die viel beschworene Ursache für den Untergang Roms, ist keine christliche Erfindung, aber Christen haben dieses Argument immer wieder benutzt, um ihre eigene Sittenstrenge und Gottesfurcht abzuheben von der moralischen Verwahrlosung der Römer.

Der Christ muss Gott gehorchen

Götter, die den Kult unsittlicher Spiele fordern, meint Augustinus, verdienen keine Verehrung. Philosophische Erfindungen ohne göttliche Autorität, erklärt der Kirchenvater, sind nutzlos. Die römischen Dichter, argumentiert er, hatten mehr Achtung vor den Menschen als vor den Göttern. Für Augustinus – er war ein Antihumanist – ist das ein gravierendes Argument. Der Christ muss Gott gehorchen, nicht den Menschen.

Augustinus schrieb eine Autobiografie, die über Jahrhunderte immer wieder Autoren inspirierte. Gerade weil man diese „Bekenntnisse“ überschreiben könnte: Die Geschichte meiner Irrtümer. Darin erzählt er, wie er sich nacheinander von Manichäismus, Skepsis und Neoplatonismus verabschiedet, um endlich in der Botschaft vom dreieinigen Gott nicht nur sein Heil, sondern das Heil der Welt zu erblicken.

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Hieronymus klagte: „Das hellste Licht unter den Ländern ist ausgelöscht. Ja, das Haupt des Römischen Reiches ist abgeschlagen. In dieser Stadt ging der ganze Erdkreis unter“. Augustinus hält dagegen: „Schaut her, sagen sie, Rom fällt, und es fällt auch das Christentum. Aber bei der christlichen Religion geht es doch nicht um den Zustand einer Stadt. Es geht dabei doch nicht um Steine und Holz oder schöne Gebäude und Mauern. Das, was der Mensch baut, zerstört er auch. Das ist nichts Neues.“ Der Christ ist kein römischer Bürger. Sein Heil oder Wehe hängt nicht ab vom Zustand des römischen Weltreichs. Er ist Bürger des Gottesstaates.

Die Kirche tut gut daran, sich nicht mit dem Staat zu identifizieren

Die Weltgeschichte ist das, was sie ist: ein Schlachten und Morden. In ihr ist kein Heil zu finden. In ihr offenbart sich so wenig wie in der Natur Gottes Wille. Der irdische Erfolg einer Sache, sagt nichts darüber, was Gott von ihr hält. „Reiche ohne Gerechtigkeit“, erklärt Augustinus, „sind wie Räuberbanden.“ Das Römische Reich wird untergehen wie die Reiche zuvor. Am Ende der Zeit winkt den Frommen die Erlösung. Das ist die Verheißung Christi. Bis dahin gibt es die zwei Reiche: das irdische und das himmlische, den Gottes- und den Menschensstaat. Der Christ strebt danach, Teil des Gottesstaates zu sein. Der ist nicht an einem Ort, er ist keine Institution. So scharf sie in der Idee voneinander getrennt werden müssen, so schwer sind sie in der Wirklichkeit zu unterscheiden. Wie die Soziologie den Einzelnen in verschiedenen Rollen sieht, so sieht Augustinus ihn mal als Himmels- und mal als Erdenbürger.

Auch die Kirche ist nicht reiner Gottesstaat. Das Heil ist in keinem menschlichen Staat, in keiner Gesellschaftsform zu finden. Augustinus möchte keine Theokratie errichten. Es liegt an den Einzelnen, ob sie Gott oder den Menschen folgen, ob sie der civitas dei oder der civitas terrena angehören. Die Kirche tut gut daran, sich nicht mit dem Staat zu identifizieren. Sie predigt die Lehre Christi, also die Botschaft vom Christus, der am Ende der Zeit kommen wird und die einen verwerfen und die anderen erlösen wird. Ein nicht hinterfragbarer Gnadenakt.

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Die Welt mochte in Trümmern liegen, dem Christen war es gleich. Er wusste, dass er auf ewig verloren war, wenn er sich auf sie verließ. Er würde als Gefolgsmann Gottes alle Untergänge überleben, als Sieger am Ende einziehen ins ewige Leben. In langen, feurigen Erörterungen beschreibt Augustinus die Wonnen des Paradieses. Dieser Gottesstaat ist einer der um Gott gescharten Engel und Menschen, die Gemeinschaft der Heiligen. Sie schauen Gott von Angesicht zu Angesicht. „Alle erinnern sich nicht nur des eigenen vergangenen Elends, sondern auch das ewig Währende der Verdammten bleibt ihnen nicht verborgen.“

Erst mit dem Blick auf das ewig währende Elend der Verdammten wird das Leben im Himmelreich, in der Gegenwart Gottes, wirklich genossen. Zur frohen Botschaft gehört, dass sie die Folter für die anderen einschließt.

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