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Rollenspiele unter Historikern

Osama bin Laden, ein Genosse Ernst Jüngers? Götz Aly begibt sich auf die Suche nach dem "deutschen Wesen"

Von Christian Geulen

Im jüngsten und wohl letzten Abenteuer der Star-Trek-Crew um Jean-Luc Picard - Star Trek X: Nemesis - muss sich der Captain der Enterprise mit einem besonders üblen Feind rumschlagen, der sich bald als sein eigener Klon herausstellt. Entsprechend der Star-Trek-Logik wird dieser Kampf zugleich als ein moralischer Kampf Picards mit seiner eigenen bösen Seite inszeniert: In mehrfachen Szenen wird ihm bewusst, dass er ebenso handeln würde wie sein erzböser Doppelgänger, wäre er unter ähnlich ungünstigen Bedingungen wie dieser aufgewachsen.

Lautet die Botschaft des Films also, dass nicht die Gene bestimmen, wer wir sind und wie wir handeln, sondern die Verhältnisse? Falsch. Denn der einzige tatsächliche Grund, den der Film dafür liefert, dass Picard unter den gleichen Umständen so böse geworden wäre wie sein Klon, sind eben nicht diese Umstände, sondern ist die Tatsache, dass er genetisch mit seinem Klon identisch ist. Die eigentliche Botschaft lautet: Die Gene bestimmen vollständig, wer wir sind und wie wir handeln; die Verhältnisse bestimmen lediglich, ob unser Handeln gut oder böse ist.

In Götz Alys jüngstem Buch, einer Sammlung von 27 kürzeren Reportagen zur Geschichte und Aktualität des "deutschen Wesens", ist ein ganz ähnlicher moral-logischer Zirkel zu beobachten: Alys Absicht ist es, das deutsche Wesen, oder genauer: das Unwesen des deutschen Faschismus zu historisieren, nachzuweisen, dass es sich nicht auf eine Zeit, einen Raum und schon gar nicht auf eine Clique von "Machthabern" begrenzen lässt. Doch allzu häufig widerfährt dieser These eine eigenartige Verkehrung: Die Welt ist immer dort schlecht, wo sie deutsch ist. Besonders auffällig und ärgerlich wird dies in jenen Abschnitten, welche die Aktualität des Nationalsozialismus anhand jüngster Nachrichten zu beweisen suchen: Etwa eine geistige Brüderschaft zwischen Osama bin Laden und Ernst Jünger zu behaupten, macht aus dem Bemühen um Historisierung ein Rollenspiel nach Art der Frage: Was haben Klingonen und Romulaner gemeinsam? Und Alys Antwort müsste wohl lauten: ihr deutsches Wesen.

Neben solchen Kurzschlüssen finden sich dann aber auch sehr viel genauere und lesenswerte Texte, die anhand ausgewählter Ereignisse, Episoden oder biographischer Skizzen vor allem das Ineinandergreifen von Politik und Gesellschaft im Nationalsozialismus und seiner Nachgeschichte schlaglichtartig beleuchten. Alys kurzer Abriss der Lebenswege einiger NS-Ärzte und ihrer ehemaligen "Patienten" macht auf wenigen Seiten die perfide Struktur der nationalsozialistischen "Medizin" ebenso wie ihre erschreckend lange und zähe "Aufarbeitung" in einer Weise deutlich, wie es so mancher Monographie zum gleichen Thema schwerlich gelingen würde.

Ebenso beeindrucken seine Vorschläge, eingefahrene Denkmuster der NS-Forschung und -Erinnerung zu verlassen und sich etwa darüber bewusst zu werden, in welchem Maße der Nationalsozialismus eben auch ein nationaler Sozialismus war, der zu einem großen Teil gerade durch und mit Hilfe seiner totalitären Vernichtungspolitik eine soziale Umverteilung und Aufhebung der Klassengegensätze durchsetzte, deren Erfolg für die weitgehende Loyalität der Bevölkerung zumindest mitverantwortlich war.

In diesem Kontext ist auch der Titel des Bandes, Rasse und Klasse, zu verstehen. "In der Tendenz", so Alys etwas kryptische Formulierung, "brach der Begriff Rasse den Begriff Klasse." Das habe den Nationalsozialismus "immer wieder mehrheitsfähig gemacht". Was immer es genau bedeuten mag, wenn ein Begriff den anderen "bricht", Alys Anregung zu einer genaueren Erforschung des Zusammenhangs von Klasse und Rasse in dem, was "Führer" und "Volksgemeinschaft" aneinander band, ist mehr als überlegenswert. Dazu würde es im Sinne einer Historisierung allerdings auch gehören, die Verschränkung von Rasse und Klasse in anderen Kontexten in den Blick zu nehmen: im 19. Jahrhundert etwa, im Stalinismus oder auch in dem, was man heute den "Krieg der Kulturen" nennt.

Ein solches Fragen nach Elementen aber, deren Geschichte durch das "Dritte Reich" gleichsam hindurchläuft, ist Alys Sache nicht. Für ihn bedeutet Historisierung des Nationalsozialismus nach wie vor, das "Dritte Reich" nach seinen typischen, ihm eigenen Strukturformen zu befragen, um dann deren Herkunft, vor allem aber ihre Langlebigkeit oder Wiederkehr aufzuspüren. Der eigentliche Leitfaden dieser Spurensuche ist "das Deutsche". Jedenfalls wird nicht erkennbar, was sonst eine nochmalige Kritik der Wehrmachtsausstellung, die Geschichte einer deutschen Schule in Afghanistan, die Frage nach Hitlers Sexualpraktiken, die zweifelhafte Karriere des Werner Höfer und eine anhand der Beutekunst-Debatte entwickelte Fundamentalkritik des Begriffs "Identität" als einer "verschwiemelten" Kategorie überhaupt zusammenhalten soll. Alles dreht sich um eben das, was als Kategorie ganz sicher verschwiemelter ist als der Begriff der Identität: das deutsche Wesen. Die scheinbar vielfältigen Perspektiven, die Aly entwickelt, verengen sich immer wieder auf die eine des nationalen Selbsthasses: am deutschen Wesen wird die Welt verwesen.

Das ist gewissermaßen Götz Alys "Nemesis": Um zu zeigen, dass der Nationalsozialismus keine abgeschlossene Sache ist, weist er ihn ausgerechnet als eine deutsche Wesensart aus - so wie der Star-Trek-Film seine Kritik am genetischen Weltbild ausgerechnet in einer Klon-Story entwickelt. Am Ende funktioniert das eine so wenig wie das andere. Vielleicht sind gerade deshalb aber beide lehrreich und daher sehens- beziehungsweise lesenswert.

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