+
Der Abenteurer auf dem Weg zur ideologischen Veredelung: Ernst Jünger im Jahre 1918.

Ernst Jüngers Kriegstagebuch

Die rohe Fassung

  • schließen

Material für die „Stahlgewitter“: Ernst Jüngers Tagebücher aus dem Ersten Weltkrieg werden erstmals veröffentlicht. Krieg ist bei Jünger nicht die Ultima Ratio der Politik, sondern quasi die Verdichtung des menschlichen Existenzkampfes. Sein Maß an Darstellung ist zum Teil schwer ertäglich.

Die Deutschen sind wieder im Krieg. Am Hindukusch werde „die Freiheit des Westens verteidigt“, heißt es. Ähnlich haben die USA in den sechziger Jahren argumentiert, als sie Vietnam „zurück in die Steinzeit bomben“ wollten, wie ein General prahlte. Weil sonst angeblich, so die „Dominotheorie“, der gesamte Ferne Osten dem Kommunismus anheim fiele. Wie man weiß, trat das Gegenteil ein. Der Kommunismus fiel dem Kapitalismus anheim. Und keiner kann sagen, ob es dem Islam nicht ähnlich erginge. Jedenfalls kann sich niemand, der in Uniform nach Afghanistan geht, der Illusion hingeben, er tue das für sein „Vaterland“.

Diesen Glauben konnte jemand vor rund 100 Jahren noch eher haben. Ernst Jünger hatte ihn. Er kämpfte im blutigen Grabenkrieg an der Westfront; er tötete und wurde fast getötet, er galt als besonders tapfer, erhielt mehrere Auszeichnungen: Ein Schuss durch die Brust zwang ihn 1918 ins Lazarett. Über seine Sicht des Krieges hat er das Buch geschrieben, das ihn als Autor berühmt machte: „In Stahlgewittern“. Dieser romanhaften Darstellung der Gräuel im Schlamm Frankreichs liegen Tagebuchaufzeichnungen zugrunde, „Impressionen“, wie Jünger dort formuliert, die er „sofort, zwischen zwei Sprüngen, spätestens am Abend des Kampftages“ in seinem Unterstand „zu Papier brachte“.

„Ich schoss mit Visier 800“

Jetzt hat der Heidelberger Germanist Helmuth Kiesel diese Dokumente bei Klett-Cotta herausgegeben. Auf knapp 430 Seiten ist nun die rohe Schilderung von Jüngers Kriegserlebnissen zu lesen, Notizen, die er für die verschiedenen Fassungen der „Stahlgewitter“ dann umformuliert und quasi poliert hat. Der bei Kriegsbeginn noch nicht 20-Jährige zeigt sich da als Mensch, der täglich mit den denkbar schlimmsten Geschehnissen konfrontiert wird, dabei aber den Grausamkeiten das gleiche Maß an Darstellung zukommen lässt wie seinen Freizeitbeschäftigungen.

Die Sprache ist zum Teil jungenhaft flapsig, die Notate sind lakonisch – gleichgültig, was Jünger berichtet. So heißt es am 26. Dezember 1915: „Auf dem Höhenzuge nach Hanneschamps sah ich heute einen aufrechtgehenden Mann. Ich schoss mit Visier 800. Er verschwand, es machte den Eindruck, als ob er getroffen wäre. Hoffentlich hat er ordentlich eins mitbekommen.“

Schwer auszuhalten sind die permanenten Schilderungen von Verwundungen oder Tod – die zugleich erschreckend kaltschnäuzig wirken. Als sein Bursche beim Versuch, Essen zu besorgen in den Hals getroffen wird, notiert der Herr: „Hoffentlich kommt er durch. Ja nun muss ich sehen, wo ich Essen bekomme. C’est la guerre!“ Und als der verwundete Jünger von einem Soldaten durch den Kugelhagel getragen und der Helfer dabei tödlich getroffen wird, formuliert er, als habe er ein Pferd geritten: „Es ist doch ein merkwürdiges Gefühl, wenn ein Mensch, der einem körperlich so nahe ist, unter dem Leibe weggeschossen wird.“ Das taucht in den „Stahlgewittern“ so nicht auf; stattdessen hebt Jünger dort sein Pflichtbewusstsein hervor: Er habe „den Eltern Bericht erstattet“.

Das „merkwürdige Gefühl“ ist das Äußerste, was sich der Schreiber an innerer Regung erlaubt. Erschütterung oder auch Leidenschaft lässt der Autor nur erkennen, wenn es um seine Ideale und Werte geht – die Feier des Patriotismus und der Männerehre. Wie er überhaupt jenem Bild des männlichen Seelenpanzers entspricht, das Klaus Theweleit in seinen „Männerphantasien“ analysiert hat. Verdrängung und ideelle Erhöhung des Leidens durchziehen das Tagebuch wie ja auch die spätere Prosafassung der „Stahlgewitter“, und doch bricht immer wieder ein Geist hervor, der uns heute zynisch erscheint; so heißt es einmal, dass man mit „dem Amerikaner, der mit dem Sportsgeist eines jungen Kriegers angreift, keinen schlechten Gegner gefunden“ habe.

Willkommene Parolen

Krieg ist bei Jünger nicht die Ultima Ratio der Politik, sondern quasi die Verdichtung des menschlichen Existenzkampfes. Allerdings ist er dabei von einem Atavismus durchdrungen, der sich nur in seiner Eloquenz vom Steinzeitmenschen unterscheidet. Der hatte aber immerhin Grundbedürfnisse wie Nahrung zu sichern und nicht das von Ideologen und Politikern propagierte Konstrukt eines „Vaterlands“.

Und so ist es kaum Zufall, dass Jünger verschweigt, dass all das Morden, die Millionen Opfer umsonst waren. Stattdessen schwadroniert der glücklich Überlebende: „Wir haben viel, vielleicht Alles, auch die Ehre verloren. Eins bleibt uns: die ehrenvolle Erinnerung an die herrlichste Armee, die je existiert und an den gewaltigsten Kampf, der je gefochten wurde.“ Mit solchen Parolen fand Jünger begeisterte Aufnahme bei den revanchistischen Kreisen der Weimarer Republik. Und die Tagebücher lassen erkennen, wie sehr er in den „Stahlgewittern“ sein Abenteurertum ideologisch veredeln will.

Fast ein Jahrhundert später schreibt eine junge Frau, die 1999 vier Monate im Kosovo stationiert war, ein Buch mit dem Titel „Mit der Hölle hätte ich leben können“. Sie musste „mit ansehen, wie zwei kleine Mädchen vor meiner Nase von einer Mine zerrissen worden sind“. Es habe sie aber auch mitgenommen, „vor dem Sarg eines Kameraden zu salutieren“.

Die Zeiten und die Menschen ändern sich – ein wenig. Die Buchhändlerin hat ihre eigene Erklärung, warum die Kriegstagebücher nun erscheinen: Ernst Jüngers „Stahlgewitter“ gingen noch immer ganz gut.

Ernst Jünger: Kriegstagebuch 1914 – 1918. Klett-Cotta, 655 S., 32,95 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion