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Israelische Mädchen bei der Vorbereitung zur Purim Parade in Holon bei Tel Aviv.
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Israelische Mädchen bei der Vorbereitung zur Purim Parade in Holon bei Tel Aviv.

Israel

Röntgenbild sechzig Jahre nach Kaiserschnitt

Ansichten eines Staates in der Pubertät: Drei Autoren und drei Blicke auf Israel im Jubiläumsjahr der Gründung.

Von CARSTEN HUECK

Wenn ihr es wollt, ist es kein Traum" - mit diesen Worten rief die Galionsfigur des Zionismus, der Wiener Publizist Theodor Herzl, Ende des 19. Jahrhunderts Juden zur "Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina" auf. Der Traum wurde Wirklichkeit, als in einem Tel Aviver Museum David Ben Gurion im Mai 1948 den Staat Israel proklamierte. Doch wie sieht dessen Wirklichkeit heute aus? Drei Journalisten liefern eine ungeschminkten Bestandsaufnahme: Sylke Tempel, Michael Borgstede und Igal Avidan, alle in den sechziger Jahren geboren, schreiben voller Sympathie über ein in der Weltgeschichte einzigartiges Experiment. Und scheuen sich nicht, auch Israels Schwierigkeiten mit sich selbst darzustellen. Sechzig Jahre: Für einen Staat heißt das wohl, mitten in der Pubertät zu sein.

Sylke Tempel, in Bayreuth geboren - was ihr an israelischen Checkpoints des öfteren den Vorwurf einbrachte, aus dem Libanon zu stammen ( Beirut!) -, lebte zehn Jahre in Israel als Nahostkorrespondentin. In ihrem Buch klammert die Autorin den Konflikt in der Region bewusst aus. Sie unternimmt es, "Israel noch einmal neu kennen zu lernen, es nicht mit dem Blick der Korrespondentin zu betrachten". Dazu reist sie durch den Negev, in Kibbuzim und Siedlungen, nach Jerusalem und in das Grenzdreieck zwischen Syrien und Libanon, wo ein russischer Einwanderer Israels einzige Olympia-taugliche Eissporthalle betreibt.

Mit Herzls Konterfei an der Autobahn im "Emek Silikon", dem Ballungszentrum israelischer High-Tech-Firmen, hält die Autorin stille Zwiesprache. Mit religiösen Betonköpfen in Hebron streitet sie. Ihre Impressionen fügt Tempel zu einer bunten Reportage zusammen, die, nicht auf aktuelle Beobachtungen beschränkt, "gleichsam durch alle Schichten der jüdischen Historie hindurchführt". Subjektive Eindrücke verknüpft sie mit erhellenden Exkursen zum biblischen Geschehen.

Michael Borgstede, Nahostkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, verweist in seinem Buch vor allem auf Fakten jüngerer Geschichte. Der Journalist und Musiker, Spezialist für Fragen "historischer Aufführungspraxis", lebt in Tel Aviv und ist mit einer Israelin verheiratet. Sein Buch bietet ein umfangreich recherchiertes, ungeschöntes Panorama israelischer Wirklichkeit.

Holocaustüberlebende schildern darin ihre Vernachlässigung durch den Staat, Prostituierte, wie sie aus Ländern der ehemaligen GUS ins Land geschmuggelt wurden. Der Autor beleuchtet die israelische Clubszene, die Welt der Orthodoxen, der Drusen, der mehr als 150 000 Fremdarbeiter. Er stellt einen Studie vor, nach der 35 Prozent zwölf- bis achtzehnjährigen Israelis Theodor Herzl für den ersten Präsidenten ihres Landes halten. Ein amerikanischer Jude bekennt, er sei ausschließlich eingewandert "zum Araber verdreschen und um eine Israelin zu heiraten". Borgstedes Hauptinteresse gilt dem spannungsvollen Miteinander der verschiedenen Bevölkerungsschichten und ethnischen Gruppen, "die alle Israelis sind und die doch in vollkommen unterschiedlichen Welten leben".

Einen Grund dafür sieht der Autor im bis heute ungeklärten Widerspruch zwischen säkularem und religiösem Verständnis des Staates. Plastisch schildert er, wie bereits die Unabhängigkeitserklärung von 1948 deshalb zu scheitern drohte. In ihr heißt es "in absichtlicher Zweideutigkeit": "Mit Zuversicht auf den Fels Israels setzen wir unsere Namen unter diese Erklärung..." Die Vertreter der religiösen Parteien hatten zuvor auf der Formulierung "Gott Israels" bestanden, die sozialistisch-säkularen Zionisten sahen dadurch ihr Recht auf Nicht-Gläubigkeit gefährdet. "Fels Israels", ein Kompromiss in letzter Minute, war den Realpolitikern fester Boden, den Thorakundigen ein Synonym Gottes. Die Staatsgründung konnte schließlich vollzogen werden, um ein eindeutiges Selbstverständnis jedoch ringt Israel bis heute.

Indem Michael Borgstede historische Details mit Israels Gegenwart engführt, beleuchtet er den Hintergrund aktueller Konflikte und macht deren Vielschichtigkeit transparent. Wie Sylke Tempel weigert er sich, Israel vor der Folie des Nahostkonfliktes zu betrachten. Sechzig Jahre nach Staatsgründung, resümiert Borgstede, sei Israel nicht besonders idyllisch. Doch dafür lebendig und heterogen, eben "ur-israelisch".

Diese Sichtweise teilt er mit Igal Avidan. Der ist gleichfalls Korrespondent, allerdings in Berlin. Ein Wanderer zwischen den Welten, in Tel Aviv geboren, arbeitetet Avidan für israelische Tageszeitungen wie auch für renommierte deutsche Blätter. Igal Avidans "Israel. Ein Staat sucht sich selbst" ist das politischste der drei Bücher. Ausdrücklich stellt der Autor zu Beginn die Frage: "Wird Israel noch weitere 60 Jahre existieren?"

Der studierte Politikwissenschaftler Avidan offenbart "Fehlstrukturen" der jüdischen Demokratie. Er benennt sachlich und souverän, was faul ist im Staate. Dessen Geburt bezeichnet er trocken als "Kaiserschnitt". Achtzig Interviews hat Igal Avidan in sein Buch eingearbeitet. Es zeigt ein "Röntgenbild" Israels, "jenseits der gängigen Klischees von frommen Rabbis und sexy Soldatinnen". Die Diagnose des Autors ist beunruhigend. Mit aktuellem Zahlen-und Dokumentenmaterial belegt er Versäumnisse und Fehlentwicklungen in der israelischen Politik. Avidan verdeutlicht, wie wenig Israelis überhaupt von Arabern wissen, wie gering sie die eigene Verantwortung für das palästinensische Flüchtlingsproblem veranschlagen. Anschaulich und zahlreich sind seine Beispiele zur Diskriminierung israelischer Araber und ihrer Verwandten in den Palästinensergebieten.

Avidan spricht eine klare Sprache. In seinem Buch erscheint Israel als Ort, dessen kollektive Identität mehr denn je von der Shoah geprägt wird. "Die Shoah ist zu unserem Ersatz für den Zionismus geworden", zitiert er eine Mitarbeiterin des Instituts für Holocaust-Erziehung.

Einig sind sich die drei Autoren darin, dass nur ein Rückzug auf international anerkannte Grenzen Israels Zukunft sichern wird. Dass der jüdische Staat nur als demokratischer Staat eine Zukunft hat und dass der Reflex auf den Holocaust für israelische Identität heute bestimmend ist. Jedes der drei Bücher vermittelt auf unsentimentale Weise einen tiefen Eindruck von Aussehen und Innenleben des sechzigjährigen Jubilars. Er ist hoffentlich alt genug, sich ungeschminkt im Spiegel anzusehen.

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