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Rocko Schamoni. Foto: Dorle Bahlburg
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Rocko Schamoni.

Hamburger Kiez

Rocko Schamoni: „Der Jaeger und sein Meister“ – „Etwas strahlend Unprofessionelles“

  • VonStefan Michalzik
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Rocko Schamoni schreibt eine Hommage an Heino Jaeger und an eine Zeit, in der es zum guten Ton gehörte, nicht normal zu sein.

Einige Beachtung hat er mit seinen Auftritten gefunden, für seine Zeichnungen und Gemälde gutes Geld bekommen, außerdem eigene Sendungen im Radio. Gelegentlich allerdings ist er zu Studioterminen einfach nicht aufgetaucht, und auch sonst hat Heino Jaeger einiges dafür getan, um dann doch nicht ganz groß herauszukommen. Heute ist er ein mehr oder weniger namhafter Geheimtipp, Aufnahmen sind erhältlich, die Bildwerke werden zu erheblichen Preisen gehandelt.

Nach „Große Freiheit“ (2019) ist „Der Jaeger und sein Meister“ der zweite Teil einer Trilogie Rocko Schamonis um Figuren um den Kiez in St. Pauli. Der Autor, auch als Musiker sowie als Komiker mit Studio Braun bekannt, schickt einen autobiografischen Text voraus. Er handelt vom Tod des Vaters, der ihn tief getroffen habe, und von der Familie. Über das Aussehen hinaus, schreibt Schamoni, habe er vom Vater wohl auch die Depression geerbt. Dieser Text allein, dreißig äußerst persönliche Seiten, wäre den Erwerb dieses Buches bereits wert. Und was folgt, ist es erst recht.

„Der Jaeger und sein Meister“ ist die Hommage an einen Typus, der seine Blütezeit in den späten sechziger und den frühen siebziger Jahren hatte. Einer Zeit, in der Nonkonformismus zum guten Ton gehörte. In der es, für viele zumindest, normal war, unnormal zu sein. Seine Idole, die diesem Typus angehörten, fand Schamoni im Freundeskreis seiner Eltern – von Heino Jaeger bekam er erst viel später Kunde. Olli Dittrich sowie alle drei Mitglieder von Studio Braun nennen ihn als wichtigsten Einfluss, auch Helge Schneider rechnet ihn zu seinen Vorbildern.

Jaeger, geboren 1938 in Hamburg und gestorben 1997 nach langen Jahren in der Psychiatrie, verstand es, die Realität in sich aufzusammeln und in Stimmen und Tonfällen zu imitieren, und er war ein nicht minder brillanter Zeichner und Maler. Sein pointenloser Humor: bahnbrechend und immer ganz nah an der Realität, wie Menschen im Wahnsinn der Normalität so reden. Seine Bilder sah der Dichter Hubert Fichte, auch er eine Figur im Buch, in einer Verwandtschaft mit Hieronymus Bosch. Der Fortschrittseuphorie der Nachkriegsjahrzehnte stand Jaeger ablehnend gegenüber. In der zivilisatorischen Zerstörung der Natur sah er einen unausweichlichen Weg in die Katastrophe. Die architektonische Moderne verwarf er großzügig, ihr ermangle es an Seele.

Es ist eine Zeit, in der Kiezgrößen aussehen wie Rockstars und Huren wie Hippiemädchen. Der Salon des kunstsinnigen Bordellbetreibers Wolli Köhler, Betreiber einer „Bar mit Fickmöglichkeit“, bildet das Epizentrum eines Künstlerzirkels, in dem auch Figuren wie der als „Prinz von Homburg“ bekannte Boxer Norbert Grupe verkehrten.

Das Buch wimmelt von anekdotischen Episoden, ist jedoch mit einem sicheren Formbewusstsein strukturiert. Man spürt seinen Ursprung in den Schilderungen von Freunden Jaegers – Joska Pintschovius darunter, der als eine Art Manager dafür sorgte, dass Jaeger überhaupt die Öffentlichkeit erreichte. Es geht aber nicht um die Aufzeichnung eines O-Tons, „Der Jaeger und sein Meister“, als Roman deklariert, zeigt ein großes literarisches Vermögen in einer äußerst klaren Sprache.

Das Buch

Rocko Schamoni: Der Jaeger und sein Meister. Roman. hanserblau, München 2021. 256 Seiten, 22 Euro.

Das ist eine Welt der Unikate, auf Distanz zur Gesellschaft, jederzeit bereit zur Provokation. Jaegers Straßenornat war ein Wehrmachtsmantel mit Knobelbechern. Einmal geht es zu einer Party im Umfeld des Magazins „Der Spiegel“ in einer Villa am feinen Hamburger Leinpfad auf. Die Leute dort, darunter reichlich Prominenz von Rudolf Augstein bis Marcel Reich-Ranicki, werden mit der Drastik eines Karikaturisten als Saufbolde und Widerlinge gezeichnet. Eine Gesellschaft, aus der Schamonis Protagonisten bald flüchten, nicht ohne ein paar wertvolle Dinge unter ihren Mänteln mitgehen zu lassen. Mit „1968“ im engeren Sinne haben sie nichts zu tun. Ihre anarchische Dissidenz ist von anderer Art.

Jaeger genoss Erfolge. Sich allerdings dem Fortkommen zuliebe in Schablonen der Plattenfirmen oder Fernsehredaktionen pressen zu lassen – das kam nicht in Frage. Er wisse gar nicht, ob er ein Star werden wolle, soll Jaeger im Büro der seinerzeit großen Plattenfirma Philips gesagt haben, bei der er unter Vertrag stand.

„Wind der Vergeblichkeit“

Das Buch endet mit einem Cliffhanger, dem Aufbruch Jaegers zu einem auf längere Dauer angelegten Aufenthalt in Thailand. Die Fortsetzung dürfte folgen als letzter Teil der Trilogie.

Heino Jaeger, schreibt Schamoni in einer jener Passagen, in denen er kurz in die Situation der Gespräche mit Pintschovius wechselt, sei umweht gewesen vom „Wind der Vergeblichkeit“, der ihm selbst nicht unbekannt sei. Etwas Stolzes liege in diesem „Bouquet“. Etwas Weltabgewandtes, nur sich selber und seiner Passion Verpflichtetes. Etwas „strahlend Unprofessionelles“, keiner Mode unterworfen.

Der Autor ist auf Lesetour, am 6. Oktober kommt er nach Frankfurt in den Sommerbau. www.mousonturm.de

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